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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Die Industrie wird deutlich bevorzugt"16.10.2015

Umlage für Erneuerbare Energien"Die Industrie wird deutlich bevorzugt"

Die Umlage für Erneuerbare Energien wird im kommenden Jahr steigen und damit auch in vielen Regionen die Entgelte für die Netznutzung. Manche Unternehmen sind von der Umlage ganz oder teilweise befreit. Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat trotzdem heftig gegen die mögliche Verteuerung protestiert.

Wirtschaftsjournalist Günter Hetzke im Gespräch mit Georg Ehring

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Georg Ehring: Günter Hetzke, Energieexperte aus unserer Wirtschaftsredaktion, ist jetzt hier im Studio - wie ist denn die Wirtschaft von steigenden Strompreisen betroffen?

Günter Hetzke: Ich habe mir mal die Strompreisentwicklung für die deutsche Industrie in den vergangenen zehn Jahren angeschaut und da sieht man ganz deutlich, dass es eine ähnlich Entwicklung wie bei den Verbrauchern gibt: Bis auf zwei Ausnahmen steigt der Strompreis kontinuierlich an, in meist kleinen Schritten, aber stetig. Das ist jetzt sicherlich von Branche zu Branche unterschiedlich, aber wenn wir auf den durchschnittlichen Industriepreis schauen, dann zahlt der Abnehmer derzeit knapp 14 Cent pro Kilowattstunde. Ja, und 14 Cent, das ist nicht einmal die Hälfte dessen, was die meisten Privatkunden für die Kilowattstunde bezahlen müssen.

Sie haben ja schon darauf hingewiesen, der Grund dafür ist, dass Gewerbe- oder Industriekunden sehr viele Vergünstigungen erhalten. Und das betrifft eben nicht nur die EEG-Umlage, also die Umlage zur Förderung des Öko-Stroms, sondern beispielsweise auch die reine Stromsteuer oder die Netz-Nutzungskosten. Und dann gilt ja auch noch das Gesetz der Marktwirtschaft, gerade Großabnehmer bekommen auch noch einen ordentlichen Rabatt eingeräumt. Also, die Industrie wird deutlich bevorzugter behandelt als der Privatverbraucher. Tatsache ist aber: Auch für die Industrie wird Strom zunehmend teurer.

Ehring: Viele Unternehmen setzen deshalb auf Eigenstromerzeugung zum Teil auch mit umweltverträglicher Kraft-Wärme-Kopplung oder mit Wind- und Sonnenenergie. Kann man auf diese Weise die Kosten senken und den Umlagen entfliehen?

Hetzke: Ist es noch. Und das ist ein ganz interessanter Gesichtspunkt: Ich vermute, vielen ist das möglicherweise gar nicht so bewusst, dass dadurch die Industriebetriebe bereits einer der großen Stromproduzenten in Deutschland sind, vor allem Stahl- oder Zementwerke oder Chemiebetriebe. Es ist gerade ein paar Tage her, da hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass die Industriebetriebe inzwischen gut neun Prozent der hierzulande erzeugten Strommenge produzieren. Ein durchaus beachtlicher Anteil. Sie machen das überwiegend zur Eigenversorgung. Und man hört und liest in letzter Zeit auch sehr viel über mittelständische Betriebe, dass die sich ebenfalls vermehrt mit der derzeit preiswerten Eigenstromversorgung beschäftigen.

Darauf weist zum Beispiel der deutsche Industrie- und Handelskammertag hin. Und zwar setzen sie dabei, wie viele Verbraucher, auf die Photovoltaik, also die Stromerzeugung durch Sonnenkraft, schlicht und einfach, weil das eine bewährte Technik ist, die - mit relativ kurzer Planungszeit - einfach installiert werden kann.

Der Genauigkeit halber sei noch hinzugefügt, es gibt dabei für die Mittelständler einiges zu beachten, wann nur ein Teil der EEG-Umlage anfällt und wann nicht. Die Regeln sind durchaus kompliziert. Aber die werden schon die richtigen Fachleute zur Beratung haben.

Ehring: Die Strompreise für die Wirtschaft in Deutschland sind viel niedriger als die für Privatkunden. Aber wie sieht es im internationalen Vergleich aus? Ein Unternehmen konkurriert ja gar nicht mit Privatkunden, sondern vielleicht mit Konkurrenz aus den USA.

Hetzke: Also, nach Angaben des Bundesverbandes der Strom- und Wasserwirtschaft, ist der Industriestrompreis im europäischen Vergleich tatsächlich teuer, inklusive Steuern und Umlagen. Da liegt Deutschland eindeutig mit im Spitzenfeld. Und das trifft auch zu, wenn wir den Blick weiten auf internationale Konkurrenten, wie China oder die USA. Im Vergleich mit den USA zum Beispiel ist der Industriestrompreis hierzulande doppelt so hoch. Aber man sollte dabei nicht übersehen, dass die deutsche Industrie gelernt hat - in Zeiten, als Energie generell teuer war - effektiv mit Energie umzugehen, ganz im Gegensatz zur internationalen Konkurrenz, sodass der Strompreis die Wettbewerbsfähigkeit nicht so behindert, wie immer dargestellt wird - abgesehen von den stromintensiven Branchen, bei denen eine Erhöhung des Strompreises natürlich sofort eine Erhöhung des Produktpreises bedeutet.

Ehring: Es ist ja immer wieder die Rede von einem Ende der Ausnahmen für solche energieintensiven Betriebe. Wäre das denn eine Möglichkeit, den Verbraucherpreis für Strom zu senken?

Hetzke: Eine Debatte mit vielen Facetten. Bei den eben erwähnten stromintensiven Betrieben, muss man wirklich abwägen, was ist wichtiger, Arbeitsplätze oder gleiche Behandlung von Industrie- und Privatkunden? Und ich finde, die Antwort liegt auf der Hand. Aber klar ist auch, die Zahl der Ausnahmen muss - nicht, wie derzeit zu sehen - ausgeweitet, sondern zurückgeführt werden. Nicht jeder Betrieb, der Strom verbraucht und im internationalen Wettbewerb steht, ist stromintensiv. Aber, zum Schluss noch ein Beispiel, wie schwierig ist Diskussion ist. Beispiel Bahn, die nicht im internationalen Wettbewerb steht, trotzdem Vergünstigungen bekommt. Wenn die wegfallen, steigt der Preis für das Ticket logischerweise. Wollen wir das? Oder wollen wir vielleicht nicht doch, dass über den Umweg Strompreis, alle zu einem halbwegs preisgünstigen Ticket beitragen, auch die Autofahrer? Also, es ist nicht immer eine leichte einfache Diskussion, eben mit vielen Facetten.

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