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StartseiteEuropa heuteUmstrittene Internetsperren17.04.2009

Umstrittene Internetsperren

In Großbritannien gerät Stiftung gegen Kinderpornografie in die Kritik

Die britische "Internet Watch Foundation" sucht im Netz nach verbotener Kinderpornografie. Mit Erfolg, denn wer auf ihrer Schwarzen Liste landet, wird von der Internetindustrie meist gesperrt. Nun geriet die Stiftung in die Schlagzeilen, weil sie den Zugriff auf das Online-Lexikon Wikipedia blockieren ließ: In dem gesperrten Artikel war ein Album-Cover der Band "Scorpions" abgebildet, auf dem ein nacktes Mädchen zu sehen ist.

Von Martin Zagatta

Auf der Suche nach verdächtigen Seiten... (AP)
Auf der Suche nach verdächtigen Seiten... (AP)

Das Kinderlied schlägt um - klingt plötzlich bedrohlich. Buchstaben, aus denen ein "Hilf mir" wird, erscheinen auf einem Computerbildschirm. Ein Fernsehspot, mit dem sich die britische Internet-Kontroll-Stiftung als Ansprechpartner anbietet.

Diese "Internet Watch Foundation" durchsucht das Netz nach Seiten, die Bilder oder Filme offerieren, auf denen Kinder missbraucht werden, und geht derzeit jährlich rund 35.000 Hinweisen nach.

"Die 'Internet Watch Foundation' ist die Hotline im Vereinigten Königreich, die genau diesen Service bietet. Wenn jemand auf etwas stößt, das er für illegal hält, dann kann er uns das melden. Unsere Aufgabe ist es dann, das zu bewerten und gegebenenfalls zu verfolgen","

so beschreibt Sarah Robertson, die Sprecherin der Stiftung, ihre Arbeit.

Seit sechs Jahren schon ist die Organisation dafür zuständig, den Zugriff auf Webseiten mit sogenannter "Kinderpornografie" sperren zu lassen, eine Aufgabe, die in Deutschland jetzt das Bundeskriminalamt übernehmen soll. Die britische Stiftung wird von der Internetindustrie, hauptsächlich von Telekommunikationsunternehmen, und von der EU-Kommission finanziert. Ihren Empfehlungen folgen mittlerweile fast 95 Prozent der Internetanbieter auf der Insel. Die Schwarze Liste wird täglich ergänzt und die Provider verwehren ihren Kunden dann den Zugang zu den beanstandeten Seiten.

Fast 2800 Internetadressen, über die der Missbrauch von Minderjährigen verbreitet wird, haben die Briten zuletzt registriert, immerhin ein Rückgang von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das wird in London als Erfolg der Internet-Überwachung gefeiert und auch, dass nicht einmal mehr ein Prozent dieser Pornoseiten in Großbritannien beheimatet ist.

Zuletzt allerdings, erst vor wenigen Monaten, ist die "Internet Watch Foundation" in die Schlagzeilen geraten, weil sie den Zugriff auf das Online-Lexikon Wikipedia blockieren ließ. In dem gesperrten Artikel über ein schon 1976 erschienenes Album der deutschen Rockband "Scorpions" war auch die Plattenhülle abgebildet, auf der ein nacktes Mädchen zu sehen ist.

""Wir sind zu der Einschätzung gekommen, dass es sich bei diesem Foto tatsächlich um ein illegales, Kindesmissbrauch darstellendes Foto handelt. Da mussten wir einfach eingreifen","

rechtfertigt Sarah Robertson das Vorgehen der Stiftung. Dass die Sperre dann nach Protesten schnell wieder aufgehoben wurde, mit der Begründung, das Bild sei doch zu lange schon veröffentlicht und an zu vielen Stellen zugänglich, hat die Kritik nicht verstummen lassen.

Experten wenden ein, dass versierte Nutzer die Internetblockaden ohnehin umgingen und der Handel mit strafbaren Fotos oder Filmen über Tauschbörsen oder sogenannte "Chatrooms" ablaufe. Und die Sperre des Wikipedia-Artikels belege doch, dass in Großbritannien der Zensur Tür und Tor geöffnet sei, da - so David Gerard, der Sprecher der Online-Enzyklopädie - klare Regelungen fehlten.

""Niemand streitet der 'Internet Watch Foundation' das Recht ab, wirklich illegale Inhalte zu blockieren. Dafür ist sie ja da. Wogegen man sich wehren muss, ist, dass sie in diesem Fall etwas blockiert hat, was sonst nirgendwo in der Welt als illegal eingestuft worden ist. Und die Stiftung hat sich auch noch herausgenommen, den Text zu zensieren, die weltweit viertwichtigste Webseite zu blockieren - und wir glauben, das war ein Versuch zu testen, wie weit man gehen kann, ohne dass die Leute etwas bemerken."

Andere Kritiker bemängeln, dass das Sperren von Internetseiten im Königreich de facto einer Stiftung überlassen werde, die keiner direkten demokratischen Kontrolle unterliege, eine Nicht-Regierungsorganisation somit als Moralpolizei fungiere. Die Blockade des Wikipedia-Artikels sei genauso willkürlich erfolgt wie anschließend auch wieder die Freigabe.

Der Versuch jedenfalls, die umstrittene Plattenhülle aus dem Verkehr zu ziehen, hat das Gegenteil bewirkt. Das längst in Vergessenheit geratene Foto des nackten Mädchens soll nach dem Wirbel um das Bild allein bei Wikipedia über eine halbe Million Mal abgerufen worden sein.

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