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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein Ort für die Asche der Holocaust-Opfer08.12.2019

Umstrittene KunstaktionKein Ort für die Asche der Holocaust-Opfer

Das Zentrum für Politische Schönheit habe mit seiner umstrittenen Aktion die Frage nach den Überresten der Holocaust-Opfer aufgeworfen, kommentiert Frank Arno. Denn die fänden sich überall - verscharrt in Wäldern, Flüssen, Gruben. In unserer ritualisierten Erinnerungskultur gebe es keinen Platz für sie.

Von Arno Frank

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Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. Das Objekt ist Teil eines Kunstwerkes der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit. Foto:  | Verwendung weltweit (picture alliance / Christophe Gateau)
Das Zentrum für Politische Schönheit hatte gegenüber dem Reichstag eine Säule aufgestellt - gefüllt mit der Asche von Holocaust-Opfern (picture alliance / Christophe Gateau)
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Es war einmal eine Frau, die stieß beim Spazieren auf einen menschlichen Backenzahn. Die Frau war Lea Rosh, Initiatorin des Holocaust-Mahnmals. Den Zahn fand sie auf dem Gelände des Vernichtungslagers Bergen-Belsen – hob ihn auf, nahm ihn mit. Und gerne hätte sie das Artefakt in eine der Stelen des Mahnmals einarbeiten lassen, als Symbol. Erst nach Kritik aus der jüdischen Gemeinde nahm sie Abstand von dieser Idee.

Auf ähnliche Weise ist nun das Zentrum für Politische Schönheit mit seiner neuen Aktion gescheitert – wenn man so will.

Gegenüber dem Reichstag hatte das Künstlerkollektiv am Montag eine Säule aufgestellt. Eine symbolische Achse zwischen Vergangenheit und Gegenwart, gefüllt mit den pulverisierten Überresten mutmaßlicher Opfer des Holocaust.

Empörung über Aktionskünstler

Die Empörung der Zivilgesellschaft, auch von jüdischen Organisationen, richtete sich gegen die linken Aktionskünstler selbst. Mit einer solchen Vehemenz, dass das Kollektiv nun das provokante Mahnmal verhüllt, die geplante Veranstaltung abgesagt – und sich entschuldigt hat.

Dieses Scheitern ist, bei aller berechtigten Kritik, kein vollständiges.

Im Kern hat das Zentrum für Politische Schönheit mit seiner Aktion eine Frage aufgeworfen, vor deren Beantwortung wir uns nur allzu gerne drücken. Denn die industrielle Vernichtung der europäischen Juden und anderer Bevölkerungsgruppen durch die Nationalsozialisten erfolgte keineswegs so rückstandslos, wie wir es uns allzu gerne vorstellen.

Überreste der Opfer überall verstreut

Es wussten die Mörder nicht, wohin mit der Asche. Menschliche Überreste findet man heute noch überall dort, wo sie vor 75 Jahren verscharrt, verstreut und entsorgt wurden. In den Wäldern, in den Gruben, in den Flüssen und Teichen. Absicht der Henker war, alle Spuren zum Verschwinden zu bringen. Auch unser "etablierter Erinnerungsbetrieb" mit seinen pompösen Gedenkstätten und Kranzabwurfstellen und Busparkplätzen dient dazu, uns diese Toten vom Leib zu halten. Es ist eine Abstraktion, die zur Distanzierung einlädt.

Aber die Toten sind alle noch da. Und wir wollen, wie der Historiker Götz Aly sagt, an diese Toten "nicht gerne erinnert werden". Offenbart sind es Tote zweiter Klasse. Der Verein für Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat 85.000 Mitglieder und pflegt die Gräber von über 2,7 Millionen gefallener Soldaten beider Weltkriege auf 832 Friedhöfen in 46 Ländern.

Die Gräber und Gruben der Opfer des Holocaust pflegt – niemand.

Wir sollen nicht wegschauen können

Über die Mittel der Aktionskünstler kann man durchaus geteilter Meinung sein. So gehört sich das. Ihr Handeln ist ein Künstlerisches, es zielt auf Provokation. Nicht auf Konsens. Man denke nur an die Stolpersteine, die bundesweit vor den ehemaligen Wohnungen der Opfer zum Innehalten und Nachdenken anregen. Auch dieser Impuls, der Ermordeten zu gedenken, kam von keinem Politiker, Funktionär oder Historiker. Er kam von einem Künstler.

Fragwürdig ist der Zweck ihrer Aktion nur insofern, als er ein gesellschaftspolitischer Beitrag mit konkreter Stoßrichtung gegen die AfD sein sollte. Wer den Holocaust instrumentalisiert, ist immer schlecht beraten. Was bleiben wird, wenn der Staub sich legt, ist Asche.

Was das Zentrum für Politische Schönheit im Sinn hatte, war sozusagen eine erinnerungspolitische Wende um volle 360 Grad. So, dass wir wieder direkt davor stehen und nicht wegschauen können.

Die ritualisierte Erinnerung lässt viele Fragen offen

Wir sehen tonnenweise menschliche Überreste, verbrannt und zerstampft, verstreut in Wäldern, verklappt in Gewässern, aufgeschüttet zu Dämmen. Es ist den Mördern eben nicht gelungen, diese Überreste vollständig verschwinden zu lassen. Sie sind vielleicht das eigentliche Mahnmal für den Holocaust.

Und die Frage, was damit geschehen soll, ist die eigentliche Frage. Dass es darauf keine Antwort gibt, verweist eindrucksvoller auf die Monstrosität des Geschehens, als in unserer ritualisierten Erinnerungspolitik vorgesehen ist. In einem Land, in dem noch immer jüdische Friedhöfe geschändet und Synagogen angegriffen werden.

Am Freitag hat Angela Merkel erstmals Auschwitz besucht. Es ist seit 30 Jahren die erste Visite einer deutschen Regierungschefin am Ort des Grauens. Helmut Schmidt besuchte 1977 das Vernichtungslager und sagte dort, "dass es ohne Erkenntnis der Vergangenheit keinen Weg in die Zukunft gibt".

Es tut nicht gut – aber es ist gut, daran hin und wieder erinnert zu werden.

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