Donnerstag, 19.07.2018
 
Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteEuropa heuteStraferlass für schreibende Haftinsassen15.03.2018

Umstrittene Praxis in RumänienStraferlass für schreibende Haftinsassen

Bücher schreiben reicht in Rumänien zwar nicht zum Leben, kann sich aber dennoch rechnen: Allerdings nicht für rumänische Schriftsteller, sondern für Autoren und für die auch nur, wenn sie im Knast sitzen. Denn Haftinsassen bekommen in Rumänien Straferlass, sobald sie ein wissenschaftliches Buch schreiben.

Von Annett Müller

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Gefängnis in Jilava, Rumänien 2017 (picture alliance / AP Photo / Vadim Ghirda)
Wer wissenschaftliche Bücher schreibt, kommt schneller aus rumänischen Gefängnissen (picture alliance / AP Photo / Vadim Ghirda)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Justizreform in Rumänien in der Kritik Verheerende Wirkung auf Ermittlungen befürchtet

Rumänien - Gastland der Buchmesse Wo die unabhängige Justiz wackelt

Rumänien Gesetz gegen Amtsmissbrauch wird nach Protesten überarbeitet

Der Bukarester Verleger Stefan Dulu kann sich noch gut erinnern. 2015 brach in den rumänischen Gefängnissen plötzlich eine Welle wissenschaftlicher Veröffentlichungen los. Über 330 Werke entstanden. Angeblich hatten sie inhaftierte Ex-Politiker und andere Prominente geschrieben, die damit gute Führung beweisen und früher aus der Haft entlassen werden wollten.

Ein Boom der Gefängnisliteratur

Stefan Dulu verlegte eines der Bücher, er hält es für tadellos. Bei anderen Publikationen aber habe es Probleme gegeben:

"Die Gaunerei war, dass viele Autoren die Bücher gar nicht selbst geschrieben hatten. Andere Haftinsassen schauten dumm aus der Wäsche, weil sie nicht die Möglichkeit zur Veröffentlichung hatten. Sie hatten weder einen guten Anwalt, noch Geld."

Die Bedingungen in den rumänischen Haftanstalten sind äußerst prekär. Die Häftlinge klagen neben Platzmangel über Ungeziefer in den Zellen und ungenießbares Essen. Nicht die besten Voraussetzungen, um akademisch arbeiten zu können.

Immerhin verfügen die Haftanstalten über eine Bibliothek. Wie gut sie mit Fachliteratur fürs Selbststudium ausgestattet seien, könne man nicht sagen, heißt es von der Nationalen Gefängnisverwaltung ANP, die nur schriftlich antworten will.

Strafnachlass vor allem für vermögende Häftlinge

Für vermögende Häftlinge war das kein Hindernis, auch einen Verlag zu finden, war nicht schwer. Es sei ein lohnendes Geschäft gewesen, sagt Verleger Stefan Dulu: 

"Die Summen waren so hoch, dass ein Kampf unter den Verlegern um die Aufträge entstand. Sie sagten: 'Warum bist Du zu ihm gegangen und nicht zu mir?' Ich hatte aber kein großes Interesse an solchen Aufträgen."

2013 hatte das Parlament die Regelung eingeführt, dass Häftlinge, die ein wissenschaftliches Werk verfassen, einen Monat Haft pro Buch erlassen bekommen. Einen deutlich kleineren Straferlass gab es bis dato nur bei körperlicher Arbeit - ob in der Gefängnisküche oder auf dem Gefängnisacker.

Die Zahl der Haft-Gelehrten stieg in nur zwei Jahren von 14 auf über 160 an. Besonders produktiv war der Ex-Politiker und Millionär Dan Voiculescu, der 2014 wegen Geldwäsche hinter Gitter kam. Er schrieb elf wissenschaftliche Bücher, bekam 330 Hafttage erlassen und ist längst wieder auf freiem Fuß.

Dass korrupte Ex-Politiker ihre Haftzeit auf diese Weise reduzieren können, löste in der Gesellschaft Empörung aus. Zwar wurden die Auflagen für wissenschaftliches Arbeiten 2016 verschärft, diese könnten aber bald wieder gelockert werden. Ein entsprechender Gesetzentwurf liegt vor. Doch warum schafft das Parlament diese Regelung nicht ganz ab? Der Vizechef der Regierungspartei ALDE und Parlamentarier Varujan Vosganian lächelt bei dieser Frage:

"Wieso sollte jemand, der Möhren anbaut, von vorzeitiger Haftentlassung profitieren können, und jemand, der eine wissenschaftliche Abhandlung schreibt, nicht? Das Problem ist nicht das Gesetz, sondern, dass einige ihre Texte abgeschrieben haben."

Die Antikorruptionsbehörde DNA ermittelt seither gegen die angeblichen Autoren, aber auch gegen jene, die bei der Schummelei offenbar mitgeholfen haben: Gefängnismitarbeiter, Universitätsprofessoren und Verlagsdirektoren. Ergebnisse gab es von der DNA bislang keine.

Verleger Stefan Dulu würde einen Auftrag aus dem Gefängnis jetzt aber nicht mehr annehmen. Nicht, weil er Angst vor der Justiz hat, sondern weil der 69-Jährige Angst vor dem Herrgott hat:

"Als ich jünger war, habe ich gesagt, bis ich mal sterbe, hat mir der Herrgott all meine Sünden vergeben. Doch jetzt habe ich kaum noch Zeit. Es kann es täglich passieren, dass ich nicht mehr aufwache und dann würde ich mit der Sünde bleiben."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk