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StartseiteForschung aktuellUmstrittener Frühmensch17.02.2011

Umstrittener Frühmensch

Heftiger Schlagabtausch um Ardipithecus ramidus

Paläoanthropologie. - Die ältesten Fossilien aus der Frühzeit des Menschen sind zwischen vier und sechs Millionen Jahren alt. Diese bislang kaum umstrittene Einschätzung fechten heute zwei US-Forscher im Fachblatt "Nature" an. Die Entdecker der Frühmenschen-Fossilien lassen das nicht auf sich sitzen.

Von Michael Stang

Ardipithecus ramidus ist der, recht bruchstückhaft erhaltene, älteste bislang bekannte Vormensch. (Science)
Ardipithecus ramidus ist der, recht bruchstückhaft erhaltene, älteste bislang bekannte Vormensch. (Science)

"Wir haben diesen Überblick jetzt geschrieben, da sich abzeichnet, dass Ardipithecus ramidus überall einheitlich als Frühmensch anerkannt wird. Und da wollen wir darauf hinweisen, dass es da durchaus noch andere Erklärungsmöglichkeiten geben könnte","

sagt Bernard Wood von der George Washington Universität. Zusammen mit Terry Harrison aus New York holt der Paläobiologe zum Rundumschlag aus. Auf sechs Seiten in "Nature", das sind zwei mehr als die Veröffentlichung des Orang-Utan-Genoms vor vier Wochen im selben Fachblatt, warnen sie: Der bloße Hinweis auf einen aufrechten Gang einer vermeintlichen Frühmenschenart wie Ardipithecus ramidus muss nicht zwangsläufig eine Verwandtschaft zu uns heutigen Menschen beweisen. Es könnte schlicht eine Parallelentwicklung sein. Wood:

""All die Annahmen, dass Ardipithecus aufrecht gehen konnte, stammen von Leuten, die sehen wollten, dass es sich hierbei um eine Vorform des aufrechten Ganges handelt, wie wir es später von Australopithecus kennen."

Wood zufolge wurde der Vorfahr von Australopithecus, zu der auch die berühmte Lucy gehört, bislang nicht gefunden. Seiner Ansicht nach gab es vor rund sechs Millionen Jahren eine Vielzahl heute ausgestorbener Affen, die zum Teil aufrecht gehen konnten und so fälschlicherweise den Eindruck erwecken könnten, dass einer dieser zweibeinigen Primaten der menschliche Urvater sein könnte. Damals, so Wood, habe es keinen Stammbaum, sondern eine Art Stammbusch gegeben, mit vielen Ästen, die sich als Sackgassen der Humanevolution erwiesen. Fossilien, die seine Theorien stützen, gibt es allerdings nicht. Brauche er auch nicht, so Wood, da es ihm ja in erster Linie nur darum gehe, dass Ardipithecus nicht der sein muss, für den er in der Wissenschaft gehalten wird.

"Wir denken, dass es sich nicht um einen unserer Vorfahren handelt. Gut, Ardipithecus könnte näher mit uns als mit Schimpansen verwandt sein, aber das war es auch schon mit der Verwandtschaft. Vielleicht repräsentieren diese Knochen ja eine völlig andere Gruppe von Tieren."

Die Behauptung, dass Ardipithecus ramidus kein früher Vertreter der Menschheit sein soll, ist haltlos, entgegnet vehement der von Wood im Artikel angegriffene Tim White von der Universität von Kalifornien in Berkeley. Der Paläoanthropologe war federführend für die Beschreibung der 4,4 Millionen Jahre alten Fossilien von Ardipithecus im Oktober 2009 im Fachblatt "Science" verantwortlich. Die 600 Seiten lange empirische Arbeit konnte jedoch bislang allen Kritiken und Angriffen standhalten. Die detaillierten Analysen lassen darauf schließen, dass sich aus Ardipithecus die Gattung Australopithecus entwickelt haben könnte, aus der später dann unser Genus Homo hervorging. Der Versuch Woods und Harrisons, diese Arbeit zunichte zu machen, kann Tim White nicht nachvollziehen.

"Sie versuchen, alle bekannten Frühmenschen vom Stammbaum der Menschheit zu entfernen und sagen, dass es sich dabei um ausgestorbene Affen handelt und wir nie auch nur annähernd Beweise für einen möglichen Urvater der Menschenartigen gefunden hätten."

Noch viel mehr stört Tim White jedoch die Art und Weise der Kritik von Wood und Harrison. White hat den Artikel gelesen und versucht, die einzelnen Argumente nachzuvollziehen. Sein Fazit ist eindeutig.

"Da gibt es keine neuen Daten, keine neuen Experimente oder neue Analysen. Wood und Harrison haben die Fossilien nie studiert. Sie präsentieren ihre Überlegungen als wissenschaftlichen Überblick, aber das macht den Begriff Wissenschaft lächerlich, denn sie vernachlässigen grundlegende Dinge: viele wichtige Fundstellen tauchen nicht auf, ein Großteil unserer Fachpublikationen fehlt, etwa die ganze Dokumentationen in 'Science'. Die Analysen dort zu dem Hirnschädel von Ardipithecus werden von ihnen ignoriert."

Warum der verantwortliche "Nature"-Redakteur Henry Gee eine solche Schrift veröffentlicht hat, ist unklar. Für eine Stellungnahme war er nicht zu erreichen. Ein möglicher Grund könnte seine Überzeugung sein, wie die Frühzeit des Menschen ausgesehen haben muss. Diese hat Gee in seinen Büchern anschaulich beschrieben. Seltsamerweise ist sie fast deckungsgleich mit den Ansichten Bernard Woods, so Tim White.

"Ich denke, dass das schlechte Wissenschaft ist und ich bin wirklich überrascht, dass die Redakteure von 'Nature' so etwas publizieren. Denn normalerweise veröffentlichen sie so etwas nicht."

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