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StartseiteNachrichten vertieftRoland Tichy als Herausgeber von "Xing News" zurückgetreten09.01.2017

Umstrittener GastbeitragRoland Tichy als Herausgeber von "Xing News" zurückgetreten

Er selbst spricht von einer Kampagne und Morddrohungen: Der Publizist sah sich im Netz einer Welle der Empörung ausgesetzt. Hintergrund ist ein umstrittener Gastbeitrag auf seinem Blog.

Von Dimi Breuch

Der deutsche Publizist Roland Tichy spricht am 09.05.2016 auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig (Sachsen).  (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
Bezeichnet seinen Blog als "liberal-konservativ": Der deutsche Publizist Rland Tichy. (dpa / picture alliance / Jan Woitas)
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Eigentlich ging es gar nicht um "Xing" selbst: Trotzdem drohten plötzlich Mitglieder dem beliebten Business-Netzwerk reihenweise mit der Kündigung ihrer Mitgliedschaft und riefen weitere öffentlichkeitswirksam in anderen Sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook ebenfalls zum Boykott auf. Sie sahen Xing - eigentlich gedacht zur Pflege vorwiegend beruflicher Kontakte - offenbar in Gefahr, in politisches Fahrwasser zu geraten. Doch was war geschehen?

Umstrittene Personalie

Entzündet hatte sich der Ärger an der Person des Herausgebers von "Xing News", Roland Tichy. Früher war er Chefredakteur verschiedener Magazine wie Impulse, Wirtschaftswoche oder Euro. Kritiker halten dem 61-Jährigen seit Längerem vor, mit seinem Blog "Tichys Einblick" rechtskonservative Thesen zu verbreiten und Autoren mit entsprechender Haltung ein Forum zu bieten. Er selbst überschreibt seine Meinungsseite hingegen als "liberal-konservativ". Aber eben auch auf Xing News pflegte er eine Kommentar- und Debattenseite, genannt "Klartext", versehen mit dem Untertitel "Meinung mit Format".

"Psychopathologisch gestörten Gutmenschen"

Aber nicht dort geschah, was schließlich so viele erzürnte, sondern auf "Tichys Einblick". Hier wurde ein Gastbeitrag des Autors Jürgen Fritz veröffentlicht mit dem aufsehenerregenden Titel "Warum Sie mit psychopathologisch gestörten Gutmenschen nicht diskutieren sollten". Der Beitrag ist dort jedoch nicht mehr zu finden: Er wurde inzwischen gelöscht und durch einen Hinweis ersetzt, wonach der Text nicht hätte erscheinen dürfen. Wörtlich steht dort nun zu lesen: "Unterstellung von Pathologie ist für TE keine politische Diskussionsbasis. Davon distanzieren wir uns ausdrücklich. Roland Tichy und Redaktion bedauern das und bitten um Entschuldigung."

"Ganz wie beim Tier oder beim Kleinkind"

Gleichwohl ist der umstrittene Text im Internet auf zahlreichen anderen Plattformen weiterhin nachzulesen.

Jürgen Fitz leitet seine Ausführungen mit folgender These ein: "Grün-linke Gutmenschen (eigentlich nur Gutmeiner, weil gute Menschen etwas anderes meint) erscheinen mir - und ich sage das nicht einfach so dahin - krank. Nicht körperlich, sondern geistig-psychisch. Daher ist es auch weder sinnvoll noch empfehlenswert, sich auf größere Diskussionen mit ihnen einzulassen".

Es folgen Ausführungen über "psychopathologisch gestörte Gutmenschen", die sich "partiell von der Realität abgekoppelt" hätten und "vor allem sich selbst nicht reflektieren" könnten und "rein gefühlsgesteuert" agierten, "ganz wie beim Tier oder beim Kleinkind". Vielmehr stagnierten sie "kognitiv und überhaupt seelisch" und blieben "bis zu ihrem Tode im Grunde auf dem personal-psychisch-emotionalen Niveau von Kleinkindern". Mit diesen aber könne man "nicht auf Augenhöhe diskutieren", sondern müsse "sich um sie kümmern und für sie sorgen, ihnen die Welt erklären". Wissenschaftliche Belege für seine Thesen führt Fitz indes nicht an. Vielmehr schlussfolgert er, Diskutieren lohne sich mit jener Spezies nicht mehr. Debatten solle man lieber mit denjenigen führen, die noch "geistig offen" seien.

"Keine inhaltliche Überschneidungen"

Am Ende waren öffentlicher Druck und Boykottaufrufe im Netz wohl zu groß. Roland Tichy gab die Herausgeberschaft von Xing News schließlich ab. Als Begründung verweist er auf eine "Kampagne gegen mich und meine publizistischen Aktivitäten", die einen weiteren Höhepunkt erreicht habe.

Zugleich beklagt er, die oben bereits erwähnte Entschuldigung und das Entfernen des umstrittenen Beitrags hätten nicht zur Ruhe geführt. Stattdessen habe er Morddrohungen erhalten.

Dass es zudem auch gegen Xing eine Kampagne gegeben habe, könne er "nicht akzeptieren und gutheißen". Auch betont er, es sei "zu keinem Zeitpunkt zu inhaltlichen Überschneidungen gekommen" zwischen Xing News und seinem Blog.

Ankündigung zum Bundestagswahlkampf

Dennoch trete er "mit sofortiger Wirkung" vom Posten des Herausgebers zurück. Und zwar Xing, dessen Format "Klartext" sowie den Mitarbeitern zuliebe, die ihm "ans Herz gewachsen" seien. Das Ganze verbindet Roland Tichy mit einer Ankündigung, die seine Kritiker auch als Drohung verstehen könnten: Er werde sich nun ganz auf seinen eigenen Blog konzentrieren, denn Deutschland brauche "auch und gerade im Jahr des Bundestagswahlkampfs kritische und mutige Stimmen".

Kein Nachfolger bei Xing

Xing selbst kündigte an, die Stelle des Herausgebers nicht mehr neu zu besetzen. Chefredakteurin Jennifer Lachman stehe künftig allein an der Spitze. zugleich dankte das Portal Tichy, dessen journalistischer Kompetenz man viel zu verdanken habe. Xing hatte Tichy 2015 zum Aufbau seines "Klartext"-Angebots geholt, auch um mit seiner Bekanntheit Mitglieder im Rennen gegen den US-Rivalen LinkedIn anzulocken.

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