Mittwoch, 18.07.2018
 
Seit 22:05 Uhr Spielweisen
StartseiteUmwelt und VerbraucherLenzen: CO2-intensive Produktion wandert ins Ausland ab04.05.2018

UmweltbelastungenLenzen: CO2-intensive Produktion wandert ins Ausland ab

Etwa 30 Prozent an Umweltbelastungen würden von reichen Ländern an Schwellen- und Entwicklungsländer abgeschoben, sagte Nachhaltigkeitsforscher Manfred Lenzen im Dlf - darunter besonders CO2-intensive Produktionszweige. Emissionen müssten auf neue Art berechnet werden, um Verzerrungen zu vermeiden.

Manfred Lenzen im Gespräch mit Britta Fecke

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Minenarbeiter in einer Coltan-Mine in Nord Kivu im Kongo am 28. Juni 2011. (imago / Lucas Oleniuk)
Coltan wird für Mobiltelefone gebraucht - der Abbau habe aber belastende Folgen für den Kongo, so Manfred Lenzen (imago / Lucas Oleniuk)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Energieexperte zu Speicherung von CO2: "Bedenken halte ich für nicht gerechtfertigt"

Überraschender Klimaeffekt Pflanzen reagieren auf mehr CO2 anders als gedacht

CO2-Abtrennung Treibhausgas sinnvoll nutzen

Klimabilanz 2017 CO2-Ausstoß kaum gesunken

Neue Rekordwerte Weltweiter CO2-Ausstoß so hoch wie noch nie

Britta Fecke: T-Shirts, die nach kurzem nicht mehr gewaschen werden, sondern nach zweimaligem Tragen weggeworfen werden - Handys, die nach kurzer Zeit durch das Nachfolgemodell ersetzt werden, obwohl das alte noch funktionsfähig ist - das Konsumverhalten in den westlichen Industrienationen produziert Umweltprobleme in den Ländern, in denen die Wegwerf-T-Shirts hergestellt werden, also vornehmlich in Asien. Und so verschiebt sich auch die Klimabilanz. Während wir in Europa versuchen, den CO2-Ausstoß zu drosseln, geht die Rechnung nicht auf, wenn wir die Produktion nur verlagern und damit die CO2-Emissionen.

Ich bin nun verbunden mit Professor Manfred Lenzen vom Zentrum für Nachhaltigkeit an der Universität in Sidney. Er hat mit seinem Team die tatsächlichen CO2-Bilanzen der Industrienationen in seiner jüngsten Studie berechnet. Herr Lenzen, schönen wir unsere Klimabilanz auf Kosten der Schwellenländer?

Manfred Lenzen: Das ist derart denkbar. Der Ausgangspunkt unserer Studie war ja, dass die Rolle des internationalen Handels schon seit längerem in Bezug auf die CO2-Emissionen bekannt war. Und ich denke, sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist eine Stellungnahme, in der der Direktor der Chinesischen Klimaschutzbehörde einmal klargestellt hat, dass ein großer Anteil von Chinas Emissionen dem Export dienen. Und deswegen denkt er, dass die Länder dafür verantwortlich seien, die in den Genuss dieser Exportgüter kommen.

CO2-Bilanz durch Außenhandel verringert

Fecke: Wie groß ist denn dieser Anteil, dass wir uns das mal vorstellen können?

Lenzen: Der Anteil ist etwa 30 Prozent weltweit und das Problem ist, dass die CO2-Emissionen offiziell nur territorial, also für ein Land erfasst werden. Damit ist es möglich, dass die CO2-Bilanz eines Landes durch Außenhandel verringert werden kann. Das funktioniert dadurch, dass CO2-intensive Produktionszweige ins Ausland abwandern.

Fecke: Welche Sektoren sind denn das?

Lenzen: Wir haben dies schon einmal für Großbritannien im Auftrag des britischen Umweltministers explizit durchgerechnet und wir haben herausgefunden, dass der CO2-Fußabdruck Großbritanniens angestiegen ist, sodass dadurch im Prinzip viele der britischen Konsumgüter anstatt in Großbritannien hergestellt zu werden aus China importiert wurden. Nachdem unsere Resultate bekannt wurden, ließ sich das Mantra von den sinkenden britischen Emissionen einfach nicht mehr halten.

Fecke: Welche Sektoren sind das? Ich habe vorhin kurz die Handy-Produktion genannt und diese Wegwerf-T-Shirts. Aber das ist wahrscheinlich noch lange nicht alles, oder?

Lenzen: Nein, das ist nicht alles. Das Neue an unserer Studie ist ja auch, dass wir neben den CO2-Emissionen auch nun andere Umwelt- und Sozialbelastungen erkennen. Sie sprachen zum Beispiel von Textilien. Textilien sind maßgeblich daran beteiligt, dass der Aralsee in Usbekistan verschwindet, weil diesem See nämlich Wasser für die Bewässerung des Baumwollanbaus entzogen wird. Sie haben auch die Handys angeführt und das ist ein Beispiel für soziale Belastungen. Die Unterstützung von Unruhen im Kongo, die werden maßgeblich durch Erträge aus dem Abbau von einem Metall namens Coltan finanziert, und dieses Metall brauchen wir für unsere Handys.

"Emissionen auf zwei Arten berechnen"

Fecke: Sie haben die sozialen Verwerfungen genannt. Wir haben uns gerade kurz mit dem Klimaschutz beschäftigt. Wie sinnvoll sind denn eigentlich die ganzen Klimaverträge in Europa, in den USA, wenn denn wieder mitgespielt wird, und auch die Bemühungen in Australien, wenn wir eigentlich unsere Produktion nur verlagern?

Lenzen: Ich denke, für ein sinnvolles Abkommen muss man Emissionen auf zwei Arten berechnen, und zwar territorial, wie es jetzt gemacht wird. Man muss aber auch Fußabdrücke berechnen, denn nur wenn ein CO2-Fußabdruck verrechnet wird, dann können solche Bilanzverzerrungen und Verschönerungen, wie Sie es genannt haben, vermieden werden.

"Breit gefächerte Belastungen"

Fecke: Sie haben auf die europäischen Werte geschaut, aber auch auf die amerikanischen und die australischen. Für wen sieht es denn besonders schlecht aus in der Bilanz?

Lenzen: Durchweg können wir sagen, dass es etwa 30 Prozent der Belastungen sind, die von reichen Ländern an Schwellen- und Entwicklungsländer abgeschoben werden. Das Neue an unserer Studie ist, dass wir gemerkt haben: Das ist nicht nur für CO2 der Fall, sondern auch zum Beispiel für den Wasserverbrauch, Artenschwund, die Luftverschmutzung, die Landnutzung, Stickstoff-Emissionen, Einkommensungleichheiten, Arbeitsrisiken, also ein ganz breit gefächerter Rahmen von Belastungen.

Fecke: Wir, die Industrienationen, verlagern unsere Umweltprobleme in Richtung Schwellenländer, vor allem in Richtung Asien. Ich sprach mit Professor Manfred Lenzen vom Zentrum für Nachhaltigkeit an der Universität Sidney. Er war mir zugeschaltet aus Sidney, wo jetzt schon Abend ist. Vielen Dank dafür.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk