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StartseiteUmwelt und VerbraucherUmweltprobleme bei der Goldgewinnung20.12.2011

Umweltprobleme bei der Goldgewinnung

Marie Müller über geplante Ökostandards im Goldbergbau

Industrieunternehmen wenden beim Auswaschen von Gold aus Gestein immer noch das giftige Zyanid an, sagt Marie Müller vom Internationalen Konversionszentrum (BICC). Verbraucher können derzeit nicht auf Gütesiegel zurückgreifen, die umweltfreundliche Methoden garantieren. Es seien aber Zertifizierungssysteme im Aufbau.

Marie Müller im Gespräch mit Jule Reimer

In Peru, Ghana oder Mali bauen vorallem Kleinschürfer Gold ab. (picture alliance / dpa /  Jens Kalaene)
In Peru, Ghana oder Mali bauen vorallem Kleinschürfer Gold ab. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Jule Reimer: In Krisenzeiten steigt mancher Anleger gern auf Gold als Kapitalanlage um. Gold bringt zwar keine Zinsen, wirkt aber offenbar beruhigender als manche Devise oder Aktienfonds, was allerdings nicht immer rational begründet ist. Über Monate stieg der Goldpreis stetig an, um dann vergangene Woche ordentlich in den Keller zu rutschen – zum Schrecken vieler, die sich die Feinunze oder vielleicht sogar einen Barren zugelegt hatten.

Die hohen Edelmetallpreise haben den Goldbergbau überall in der Welt angeheizt. Auch in Rumänien sollen neue Gruben geöffnet werden; dort jährt sich in diesen Tagen ein großes Unglück zum elften Mal. Im Januar 2000 kam es nach einer Schlechtwetterperiode bei der Stadt Baia Mare zu einem Dammbruch in einem Schlackebecken. Stark Zyanid-haltiges Wasser trat aus und verseuchte mehrere Flüsse bis hin zur Donau, eine der schwersten Umweltkatastrophen Mitteleuropas in den letzten Jahrzehnten. – In Bonn bin ich jetzt mit Marie Müller verbunden, Expertin für Rohstoffe und Rohstoffkonflikte beim Internationalen Konversionszentrum (BICC). Frau Müller, in welchen Ländern wird Gold überhaupt abgebaut?

Marie Müller: Top-Förderländer von Gold sind Länder wie China, Australien, die USA und Russland. Darunter sind aber auch Länder in Entwicklungsländerregionen wie Südafrika und Ghana in Afrika und Peru in Lateinamerika.

Reimer: Bei Winnetou und Old Shatterhand finden sich die Goldnuggets in den amerikanischen Flüssen. Wie wird Gold heutzutage abgebaut, in welcher Form?

Müller: Der größte Teil des Goldes stammt heute aus großen modernen Minen hauptsächlich aus dem Tagebau, zum Beispiel in den USA, Australien und Russland. Dort wird Gold vor allem von Industrieunternehmen, häufig multinationalen Industrieunternehmen abgebaut, zum Beispiel Unternehmen wie Barrick Gold. Das ist das größte. Es produziert 240 Tonnen im Jahr, also mehr als die gesamte Jahresproduktion von China.

Reimer: 240 Tonnen?

Müller: 240 Tonnen, ja. - …, und hat allein im zweiten Quartal dieses Jahres, also zwischen April und Juni, einen Gewinn von 1,2 Milliarden US-Dollar damit einfahren können. Es gibt aber auch einen ziemlich großen Anteil von Kleinschürfern in der Goldproduktion, das sind 25 Prozent, also knapp ein Viertel, wie man weltweit schätzt. Und das ist gerade in Ländern wie Peru, im Kongo, Ghana, Mali der Fall, wo sehr viele Kleinschürfer mit einfachsten Werkzeugen, zum Teil auch nur mit Schaufel und Sieb ausgestattet zum Beispiel im Fluss stehen und Gold schürfen.

Reimer: Ich erwähnte bereits den schweren Unfall in Rumänien vor rund elf Jahren mit ausgelaufener Zyanid-Lauge. Werden heute umweltfreundlichere Methoden beim Goldabbau angewandt?

Müller: Die Zyanid-Auslaugung ist leider immer noch gängige Praxis bei Industrieunternehmen. Es ist eben ein Mittel, was erlaubt, Gold auch aus Gestein zu waschen, was nur eine sehr niedrige Konzentration von Gold hat. Deswegen ist es so sehr beliebt. Bei diesem Verfahren werden mit einer Zyanid-Lauge die Goldpartikel aus dem Gestein gewaschen, weil die Zyanid-Lauge die Partikel bindet. Das Problem ist, dass Zyanid sehr giftig ist. Man braucht auch sehr viel, 140 Kilo in etwa, um nur ein Kilo Gold zu fördern. Ein Problem ist, dass diese Zyanid-Laugen, wie auch gerade in Ihrem Beispiel in Rumänien beschrieben, zum Teil in nicht sicheren Rückhaltebecken gelagert werden, und dann kann es eben zu Unfällen kommen wie in Rumänien. Das war auch in Ghana schon mehrmals der Fall, zum Beispiel 1996, dass diese Rückhaltebecken unsicher sind und auslaufen.

Reimer: Arbeiten denn die kleinen Schürfer mit umweltfreundlicheren Methoden?

Müller: Leider zum großen Teil auch nicht. Ein großes Problem im Kleinbergbau ist das Quecksilber, mit dem Kleinschürfer die Goldpartikel aus dem Gestein lösen. Das funktioniert so, dass mit dem Quecksilber das Gold zu einem flüssigen Amalgam zusammengeschweißt wird, und im Anschluss, wenn das Quecksilber wieder verdampft wird, dann bleibt das pure Gold übrig. Aber zum einen ist das sehr gesundheitsschädlich, weil diese Dämpfe den Menschen in die Nase steigen, und zum anderen verschmutzt es Flüsse, die in der Umgebung liegen.

Reimer: Ließen sich denn umweltfreundlichere Methoden anwenden?

Müller: Es gibt durchaus Möglichkeiten, im Kleinbergbau zum Beispiel, die Verwendung von Quecksilber stark zu reduzieren. Es gibt einfache Rüttelmaschinen, Rütteltechniken, mit denen das Gold auch vom Gestein gelöst werden kann. Nur sind die Widerstände häufig hoch, weil das einfach ein zusätzlicher Aufwand ist, die Schürfer an schnelles Geld wollen, und außerdem gibt es auch einfach zu wenig Projekte, die das durchführen. Auch in der Entwicklungszusammenarbeit gibt es da noch zu wenig Unterstützung.

Reimer: Wenn ich jetzt Gold einkaufen kann, habe ich die Möglichkeit, auf Gütesiegel zurückzugreifen, dass ich weiß, da sind umweltfreundlichere Methoden oder auch bessere Arbeitsbedingungen garantiert gewesen?

Müller: Im Moment ist das noch schwierig. Es gibt da aber einige Zertifizierungssysteme, die im Aufbau sind.

Reimer: Zum Beispiel?

Müller: Das ist zum einen die Alliance for Responsible Mining, ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen aus Europa und Lateinamerika, die Standards entwickelt haben für den artisanalen, also den Abbau von Kleinschürfern von Gold, und diese Standards sind gerade so weit, dass sie erst mal in England und auch demnächst in Deutschland eingeführt werden.

Reimer: Und das zweite?

Müller: Das zweite wäre der Responsible Jewelry Council. Das ist wiederum ein Zusammenschluss von Industrieunternehmen, von der Schmuckindustrie und Bergbau, die sich selber Standards gesetzt haben, um die Umweltprobleme und auch soziale Probleme im Goldbau anzugehen.

Reimer: Vielen Dank! – Das war ein Gespräch mit Marie Müller von Internationalen Konversionszentrum in Bonn.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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