Mittwoch, 27.10.2021
 
Seit 10:08 Uhr Agenda
StartseiteHintergrundWie Greenpeace sich mit den Mächtigen anlegt13.10.2021

Umweltschutz-AktionenWie Greenpeace sich mit den Mächtigen anlegt

Mit dem Schlauchboot gegen den Tanker - die Umweltschutzorganisation Greenpeace setzt bei ihren Protesten auf medienwirksame Inszenierungen und spektakuläre Bilder. Am 13. Oktober 1980 fand die erste Aktion in Deutschland statt. Aber seitdem kam es immer wieder auch zu Fehlern und Unfällen.

Von Norbert Seitz

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Bei einer Greenpeace-Aktion steht ein CO-2 Schriftzug vor dem Brandenburger Tor, aus dem Flammen schlagen. Mit der Aktion fordern Aktivisten der Umweltschutz-Organisation Greenpeace die Bundesregierung auf, den CO-2 Ausstoß in Deutschland weiter zu reduzieren und auf die Einhaltung der Ziele des Weltklimagipfels von Paris zu achten. (picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)
Greenpeace-Klimaprotest vor dem Brandenburger Tor (picture alliance/dpa | Jörg Carstensen)
Mehr zum Thema

Russische Klimapolitik Fokus auf fossile Brennstoffe

Das Problem mit dem Kunststoff Der schwierige Kampf gegen den Plastikmüll

Milliardenverluste und Staatshilfen Wie die Luftfahrtbranche die Coronakrise überstehen will

"Brothers and sisters in Greenpeace. Greenpeace is beautiful." So begann es 1970 beim legendären Amchitka-Rockkonzert in Vancouver in Kanada, als für eine Protestaktion gegen die Atomtests der USA vor der Küste Alaskas im Westen Nordamerikas Gelder gesammelt werden sollten.

Gleich mehrere Aktionen kursieren als Gründungsdaten von Greenpeace. Bewegungsforscher Dieter Rucht, ehemals Ko-Leiter und heute Senior Fellow am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung erinnert daran: "Also die Anfänge von Greenpeace lassen sich zurückverfolgen bis zu 1969. Da war in Kanada eine Gruppe 'Don't make a wave-committee'. Und die wollten Atombombentests bei Alaska verhindern. Und die Idee war, da mit dem Schiff hin zu fahren und einfach durch die schiere Präsenz dann diese Tests zu verunmöglichen. Im Vorfeld dieser Aktion gab es auch ein Rockkonzert, um Geld zu sammeln. Und dann ist 1971 im September das Schiff aufgebrochen."

Ein Schwarzweiß-Foto von 1971 zeigt den Greenpeace-Mitgründer Bob Hunter mit langen Bart und Stirnband am Steuerrad des Kutters Phyllis Cormack  (picture-alliance/ Robert Kezeire) (picture-alliance/ Robert Kezeire)Vor 50 Jahren vor Amchitka - Auf dem Fischkutter gegen Atomtests
"Greenpeace" taufen zwölf Aktivisten den abgetakelten Kutter, mit dem sie am 15. September 1971 in Vancouver ablegen, um einen US-Atombombentest zu verhindern. Vergeblich – und doch wird die Irrfahrt zum ersten Erfolg für die heute weltgrößte Umweltschutzorganisation.

Die Gründer des "Don't make a wave-committee" waren Irving Stowe, Jim Bohlen und Paul Coté, die mit ihrer Schiffsaktion auf der "Phyllis Cormack" die Welt auf die zerstörerischen Auswirkungen der Atomtests auf die Meeresökologie, will sagen: die oberirdische Verstrahlung, aufmerksam machen wollten.

Martin Kaiser, der geschäftsführende Vorsitzende von Greenpeace Deutschland, erinnert an die Anfangsdynamik: "Das war sozusagen die Keimzelle dann auch von Greenpeace. Und die haben bereits damals erkannt, dass die Grundausrichtung auch von Greenpeace danach, nämlich vor Ort zu sein, Zeugnis abzulegen von dem, was vor Ort passiert, und das aber dann auch medial in die Welt zu bekommen, dass dies ein ganz wesentlicher Punkt ist, um zu einer Veränderung zu kommen."

"Lauter freiwillige, langhaarige Menschen"

In Deutschland wurde die Organisation Greenpeace 1980 gegründet. Eine Aktivistin der ersten Stunde war Caroline Fetscher. Sie erlebte, wie die deutsche Sektion im Rahmen einer kleinen Gruppe auf einem Dachgeschoss im Hamburger Hafen ihren Anfang nahm: "Das waren lauter freiwillige, langhaarige Menschen, die die Welt retten wollten. Und für uns war die Welt, die die vorherige Generation gebastelt hatte, war vollkommen kontaminiert. Die Flüsse waren dreckig, die Luft war verpestet, Dünnsäure wurde in die Nordsee verklappt. Und die Menschheit war dabei, unsere Mutter Erde zu zerstören." Die Attraktivität für protestgeneigte Jugendliche gewann Greenpeace gerade durch seine medienwirksamen Inszenierungen von vereinzelten kühnen Aktivistinnen und Aktivisten, die für spektakuläre Bilder sorgten.

Der Protestforscher Dieter Rucht, aufgenommen am 30.05.2017 in Berlin. (zum Themenpaket "Ein Monat vor dem G20-Gipfel in Hamburg" vom 06.06.2017) Foto: Sophia Kembowski/dpa ++ (picture alliance / Sophia Kembowski/dpa | Sophia Kembowski)Protestforscher Dieter Rucht (picture alliance / Sophia Kembowski/dpa | Sophia Kembowski)

Soziologe Dieter Rucht: "Prototypisch dafür steht das Bild, das wir alle kennen: im Schlauchboot an einem Riesentanker versuchen eben wenige Aktivisten die Aktionen dieses Tankers zu verhindern. Das war auch die erste deutsche große Aktion. Nämlich es wurde Dünnsäure im Meer verklappt, das heißt einfach abgelassen. Da wurde ein Tankschiff mit Säure beladen. Dann fuhr man da ein paar hundert Kilometer raus auf die offene See und kippte das einfach. Oder durch Rohrleitungen gelangte eben diese Säure ins Meer. Die erste große Aktion von Greenpeace hat bedeutet, sich mit einem kleinen Schlauchboot vor diesen Tanker zu setzen und dessen Manöver zu behindern."

Der "Thrill der Aktion"

Caroline Fetscher nennt es den "Thrill der Aktion", der die Gründungsmitglieder in den Bann gezogen habe – und die dabei auch Regelverletzungen in Kauf genommen hätten. "Dass kleine Gruppen von Leuten Pläne ausgeheckt haben, wie man zum Beispiel einen Schornstein erklettern kann, wie man in ein Betriebsgelände eindringen kann oder das große Atomwaffentestgelände der Amerikaner in Nevada, wie man da auf ein hochbewachtes Sicherheitsgelände, wie man da eindringen kann, um dann da drin eine Fahne hoch zu halten, ein Transparent zu protestieren et cetera. Das waren kleine konspirative Zirkel, die sich da zusammengesetzt haben, wo auch nicht alle in der Organisation Bescheid wussten. Und dann auf einmal war die Aktion da."

May 1, 2014 - Rotterdam, Netherlands - A banner reading No Arctic oil! hangs from Greenpeace s Rainbow Warrior docked next to the Russian oil tanker Mikhail Ulyanov at the harbour of Rotterdam on May 1, 2014. Dutch police arrested around 30 Greenpeace activists, including the captain of the lobby group s iconic Rainbow Warrior, as they tried to stop the Russian tanker delivering Arctic oil from docking. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAn23 May 1 2014 Rotterdam Netherlands a Banner Reading No Arctic Oil Hangs from Greenpeace S Rainbow Warrior docked Next to The Russian Oil Tankers Mikhail Ulyanov AT The Harbour of Rotterdam ON May 1 2014 Dutch Police Arrested Around 30 Greenpeace activists including The Captain of The Lobby Group S Iconic Rainbow Warrior As They tried to Stop The Russian Tankers Delivering Arctic Oil from Docking PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY ZUMAn23 (IMAGO / ZUMA Press) (IMAGO / ZUMA Press)50 Jahre Greenpeace - Hinfahren und die Skandale vor die Kameras bringen
Vor 50 Jahren versuchten Umweltschützer einen Atombombentest vor Alaska zu verhindern. Die Aktion gilt als Geburtsstunde von Greenpeace.

Greenpeace war jedoch nie eine Graswurzel-Bewegung. Stattdessen verwandten ihre zentralistisch ausgerichteten Entscheidungsträger gerne die etwas altbacken-autoritär anmutende Metapher eines Schiffes, auf dem der Kapitän von der Brücke aus seine Entscheidungen treffen müsse. Ob im Kampf gegen Walfang, Chemiemüll, Lebensmittelskandale – zum Beispiel Frostschutzmittel im Wein - oder polychlorierte Biphenyle - kein nationales Greenpeace-Büro kann ohne Absegnung von oben eigenmächtig Rettungs- oder Protestaktionen starten.

Die Kampagnen sind international ausgerichtet. Und für die Durchführung der Aktionen gilt der Grundsatz: Gesetzesverstöße nicht ausgeschlossen, zum Beispiel das Vordringen auf Betriebsgelände, aber keine Gewaltanwendung, samt der obersten Maxime: Niemals andere Menschenleben gefährden. Martin Kaiser erläutert: "Und jeder Aktivist, jede Aktivistin ist bereit und auch bewusst, welche Risiken sie für sich selber eingehen. Und es ist beeindruckend, wie sie wirklich vor der Harpune der Walfänger oder bei den Niagarafällen in großer Höhe sich für den Schutz der Umwelt, für den Schutz des Klimas einsetzen."

"Mediengerechter Protest"

"Das Erfolgsmodell von Greenpeace ist es, mit spektakulären, bildmächtigen Aktionen die Aufmerksamkeit auf sehr spezifische Probleme zu lenken, und auf dieser Grundlage Wissen über ein Problem zu verbreiten und Druck für Veränderung aufzubauen. Und das ist eine Strategie, mit der Greenpeace Vorreiterin gewesen ist in der Inszenierung von mediengerechtem Protest, bei dem eben nicht mehr die Logik der Zahl im Vordergrund steht wie bei großen Demonstrationen, sondern die Logik der beeindruckenden Bilder", analysiert der Bewegungsforscher Simon Teune, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam.

"Also unsere damalige Ideologie war ganz stark, wir machen nur Kampagnen, die etwas stoppen, etwas bremsen, eine Praxis verhindern, die uns schädlich vorkam, die auch schädlich war, also etwa das Verklappen von Giftmüll in der Nordsee. Wir sagen nicht, wohin dieser Müll soll, wir machen keine alternativen Vorschläge. Wir sagen: Das überlassen wir der Industrie", stellt Caroline Fetscher, Aktivistin der ersten Stunde, fest. So waren von Greenpeace lange Strecken kaum konstruktive Vorschläge, etwa für Themen wie Solarkraft oder Windenergie, zu erwarten. Die Parole lautete stattdessen: "Wir machen keine Positiv-Kampagnen." Doch das Selbstverständnis hat sich gewandelt. Heute gibt es Kooperationen in größerem Rahmen, zum Beispiel mit Industriebetrieben und Konzernen, wo das Wissen geteilt wird und gemeinsam Gutachten erstellt werden.

Das Foto zeigt Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan. (imago / Bernd Lauter) . (imago / Bernd Lauter)Greenpeace-Chefin Morgan 
Vor dem G20-Gipfel 2017 in Hamburg forderte Greenpeace von den Staats- und Regierungschefs, beim Klimaschutz auch ohne die US-Regierung voranzuschreiten.

Protestexperte Dieter Rucht zieht Bilanz: "Also thematisch spielte das Thema Atom in der Gründung schon und bis heute eine große Rolle. Es gibt dann eben auch das Tierschutzproblem, Walfang und dergleichen, aber Greenpeace hat sich später thematisch dann auch verbreitert. Und dann spielte zum Beispiel FCKW, also die Anreicherung der Atmosphäre mit Ozon, eine Rolle. Es gab dann auch Bemühungen, zum Beispiel technologische Entwicklungen zu fördern, etwa das 3-Liter-Auto, das da gefördert wurde, den FCKW-freien Kühlschrank, aber auch Lobbying-Aktivitäten, die am Anfang so gut wie gar nicht existierten, spielen heute für Greenpeace eine große Rolle, die Erstellung von Expertisen, also Fachgutachten, Broschüren, Studien, in denen eben mit harten Fakten Umweltprobleme publik gemacht werden."

Klagen statt Protest

Vor allem die Einführung eines Katalysators dürfe mit zu den Erfolgen von Greenpeace gerechnet werden, wie Geschäftsführer Martin Kaiser hervorhebt: "Das Waldsterben hat ja gezeigt, wie Luftschadstoffe die Umwelt wirklich massiv beeinträchtigen können. Und dann waren es natürlich erst mal die Entschwefelungsanlagen in den Kraftwerken, die notwendig waren, und später im Verkehr, war es notwendig eine Katalysator-Technologie einzuführen. Interessant an dem Beispiel ist ja, dass es eine Woge der Entrüstung gab von Seiten der Automobilindustrie, aber auch in Teilen der Bevölkerung, zu sagen, das wäre der Untergang der deutschen Ingenieurskunst."

Martin Kaiser bedauert zwar die Tendenz, dass heutzutage der Weg, Veränderungen zu erreichen, häufig eher über Klagen vor Gerichten als über eine gestalterische Politik führt. Dennoch ist Greenpeace auch Profiteur einer solchen Entwicklung, wie der jüngste Karlsruher Paukenschlag zum Thema Klimaschutz beweist. Das historisch genannte Verfassungsgerichtsurteil, mit dem die Bundesregierung zu stärkeren Klimaschutzbemühungen gezwungen wurde, ging auch auf die Initiative von Greenpeace zurück. Es unterstreicht eine alte Position der Umweltorganisation, dass – wie es im Urteilstext heißt – "die heutige Handlungsfreiheit die Lebenschancen und Handlungsoptionen künftiger Generationen nicht konsumieren" dürfe.

In einer dramatischen Aktion gelang zwei Greenpeace-Aktivisten die erneute Besetzung der Brent Spar (AP Archiv)In einer dramatischen Aktion gelang Greenpeace-Aktivisten 1995 die Besetzung der Brent Spar (AP Archiv)

"Die Liste der Aktionen von Greenpeace, um die Weltöffentlichkeit auf ökologische und humanitäre Missstände aufmerksam zu machen, ist lang. Greenpeace machte sich damit wahrlich nicht nur Freunde, wie die Behinderung und Verfolgung von Aktivisten in vielen Staaten der Welt immer wieder zeigten." Mit diesen Worten spielte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jüngst auf einer Jubiläumsveranstaltung im Oceanum in Stralsund auf die bislang spektakulärste Verfolgung von Greenpeace aus dem Jahre 1985 an, den Fall des Bootes Rainbow Warrior. Dieses hatte sich auf den Weg zum Mururoa-Atoll gemacht, um dort französische Atomtests zu verhindern. Greenpeace geriet dabei zum Opfer des Bombenattentats. Im Hafen von Auckland in Neuseeland wurde das Boot versenkt.

Renate Krösa vom Greenpeace-Büro vor Ort berichtete damals: "Es steht fest, dass drei Bomben von außen am Schiff befestigt worden sind, die zwei größere Löcher in das Schiff gerissen haben, und das Schiff ist innerhalb von zehn Minuten gesunken. Es war mit Sicherheit kein Laie." Bei dieser Aktion kam der Greenpeace-Fotograf Fernando Pereira ums Leben. "Unbegreifbar für uns, es ist das erste Mal, dass ein Greenpeace-Mitarbeiter bei einer Aktion oder während einer Kampagne ums Leben gekommen ist. Es ist unbegreifbar für uns, dass eine gewaltfreie Organisation wie Greenpeace, die seit über zehn Jahren gewaltfreie Aktionen macht, nun ein Schiff verliert durch ein Bombenattentat."

Präsident Mitterrands Regierungschef Laurent Fabius musste die Verantwortung des französischen Staates für die Tat des Geheimdienstes einräumen. Es waren drei Agententeams vor Ort zu Werke gegangen. Auf Druck der empörten Öffentlichkeit musste Verteidigungsminister Charles Hernu seinen Rücktritt erklären. Zehn Jahre später zeigte sich bei dem Fall von Brent Spar: Wer weltweit in der Pose des nicht zimperlich vorgehenden Tugendwächters wahrgenommen wird, muss bei Pannen und Fehlschlägen mit Kritik bis hin zu Sanktionsandrohungen rechnen.

Falsche Zahlen zu Brent Spar

Bewegungsforscher Dieter Rucht: "Brent Spar – das ist oft ein Missverständnis gewesen – war keine Ölplattform, sondern war eine Art Zwischenlager, ein Tank für Öl, das dann gebündelt wurde, um dann von größeren Tankern abgeholt zu werden. Und Greenpeace hat sich gegen die Versenkung der Brent Spar, also dieses Lagers, ein riesiger Stahlbehälter, der weitgehend unter Wasser dann ist, gewandt, mit der Begründung, das sei ökologisch ein Riesenproblem, was aber die Fachleute nicht überzeugt hat. Und Greenpeace hat auch den Fehler gemacht, eine falsche Zahl über die Ölmenge, die in diesem Tank verblieben ist, zu propagieren."

Schließlich war da noch die völlig verunglückte Greenpeace-Aktion in der Münchener Allianz-Arena während der Fußball-Europameisterschaft im Juni dieses Jahres. Mit einem per Paraglider transportierten Ballon sollte Druck auf den Hauptsponsor Volkswagen ausgeübt werden, das Tempo beim Ausstieg aus dem klimaschädlichen Diesel und den Benzinern zu erhöhen. Dabei kam es zu einem lebensgefährlichen Gleitschirmunfall mit zwei Verletzten. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) schilderte hinterher, wie die Scharfschützen, die auf den Hügeln rund ums Stadion postiert waren, eine Entscheidung im Zeitraum von anderthalb Minuten treffen mussten, ob sie den Flieger wegen Verdachts auf einen Terroranschlag unter Beschuss nehmen sollten. "Sie haben sich angesichts dessen, dass Greenpeace auf dem Schirm stand, dann im letzten Moment entschlossen, nicht zu schießen."

Ein Motorschirmflieger mit der Aufschrift "Kick Out Oil!" muss vor dem Anpfiff in der Münchener Arena notlanden, da seine Gassteuerung ausgefallen ist.  (dpa / picture alliance / Marvin Ibo Güngör)Missglückte Greenpeace-Aktion gegen Volkswagen. Ein Motorschirmflieger mit der Aufschrift "Kick Out Oil!" muss vor dem Anpfiff in der Münchener Arena notlanden, da seine Gassteuerung ausgefallen ist.  (dpa / picture alliance / Marvin Ibo Güngör)

Das Echo war verheerend. Politiker wie Friedrich Merz von der CDU forderten sogar eine Überprüfung des Gemeinnützigkeitsstatus. Am Ende konnte aber die Bilanz von Greenpeace trotz dieses gefährlichen Unfalls und PR-Desasters nicht ernsthaft getrübt werden. Spendenfluss und Mitgliederentwicklung hätten laut Angaben der Organisation keinen Einbruch erfahren. Das Fundament ist stabil. Denn Greenpeace hat weltweit 2,8 Millionen Unterstützer, darunter rund 630.000 in Deutschland. Das sind mehr als die hiesigen Großparteien jeweils Mitglieder haben. Bei den Aktionen sind ausschließlich Ehrenamtliche am Werk, in Deutschland allein 7.000, die hochprofessionell ausgebildet und trainiert werden, wenn sie Gebäude erklettern oder Schlauchboote steuern sollen. Zudem hat sich die deutsche Sektion im internationalen Vergleich zur spendenfreudigsten nationalen Abteilung gemausert, mitunter kamen 75 Prozent der Spenden aus Deutschland. Der eingetragene Verein Greenpeace hat vierzig Mitglieder, die die Geschicke der Organisation lenken. Daneben gibt es auch Greenpeace Energy und die Greenpeace Umweltstiftung. Sie bilden zusammen eine Wertegemeinschaft, sind aber für sich voneinander unabhängig.

Protestforscher Rucht: "Allemal ist das Umweltbewusstsein in der Gesamtbevölkerung durch Greenpeace enorm gesteigert worden, es sind sicherlich auch persönliche Verhaltensänderungen ausgelöst worden, was das Konsumverhalten etwa angeht, den Energieverbrauch."

Spannungen mit anderen Umweltverbänden

Umweltpolitische Fortschritte und Gesetzgebungen sind jedoch vielfach erst durch das Zusammenwirken vieler Akteure und Akteurinnen zustande gekommen, zum Beispiel vom BUND oder dem Naturschutzbund. Und neuerdings mischt Fridays for Future die vielschichtige Klima- und Umweltszene gehörig auf. Von einem internen Konkurrenzverhältnis wollen jedoch die Beteiligten nichts wissen, auch wenn es zwischen Greenpeace und der graswurzelorientierten Umweltbewegung immer wieder Spannungen gegeben hat, die Simon Teune unter die Lupe nimmt:

"Die Hauptkritikpunkte, die an Greenpeace herangetragen worden sind, sind vor allem die hierarchische Organisation, auch die mangelnde Radikalität in der Analyse der gesellschaftlichen Ursachen der Umweltzerstörung oder heute auch den Klimakollaps. Greenpeace spricht einfach mit seinem Vorgehen, den Aktionen, auch mit dem Aktionsangebot ganz andere Menschen an als die Umweltbewegung, die basisdemokratisch organisiert ist, die auf Konsensentscheidungen zielt. Greenpeace schafft ein Angebot, wie man sich über Unterschriften, über Spenden sich beteiligen kann, ohne selbst zu viel investieren zu müssen."

Dennoch kann sich der Umweltschutz-Gigant zu seinem fünfzigjährigen Bestehen zugutehalten, eine breite gesellschaftliche Bewegung zum Laufen gebracht zu haben, wie Geschäftsführer Kaiser zufrieden konstatiert. "Was auch interessant ist, gerade jetzt nach den Hochwasser-Katastrophen im Westen Deutschlands, aber auch den Waldbränden in Südeuropa, in Sibirien, in Nordamerika, oder das Abfackeln des Amazonas, wo die Rechte der Indigenen unterdrückt werden, dass auch die sozialen Interessengruppen hier in Deutschland mehr und mehr sich diesem Thema annehmen. Es ist ein Gesundheitsthema geworden, es ist eine Frage, wie soziale Ungerechtigkeit durch Klimaschutzmaßnahmen, wie das abgefedert werden kann."

Der pragmatische Zug habe Greenpeace über all die Jahrzehnte geprägt. Meint Protestforscher Simon Teune. Und das heiße: Ideologisch nicht geblendet gewesen zu sein, aber dafür in der Praxis konsequent bis radikal agiert zu haben. "Greenpeace ist in erster Linie eine Organisation, die sich an dem Gegebenen orientiert, die darauf bedacht ist, den Widerspruch so zu dosieren, dass Gesprächskanäle mit Verantwortlichen in der Politik und in der Wirtschaft offen bleiben und dass gleichzeitig auch die große Zahl der Spendenden nicht abspringt."

Für die Pionierin Caroline Fetscher hat die pragmatische Herangehensweise von Greenpeace allen Kritiken zum Trotz stets ein Zeichen der Zuversicht gesetzt. "Ich bin sehr optimistisch geworden in all den Greenpeace-Jahren, die so pessimistisch und düster begonnen hatten, dass es eigentlich wirklich immer eine Lösung gibt für diese großen, technologischen Probleme."

Auch die naturwissenschaftlich orientierte Bundeskanzlerin Merkel ermunterte die Organisation im Jubiläumsjahr dazu, unverdrossen aktiv zu bleiben. "Ihnen und Ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern gratuliere ich herzlich zu fünfzig Jahren Greenpeace. Und Sie werden auch weiter gebraucht. Herzlichen Dank." Applaus.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk