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StartseiteInterviewKurzstreckenflüge "deutlich teurer" machen19.07.2019

Umweltverband BUNDKurzstreckenflüge "deutlich teurer" machen

Deutschland solle bei der Verteuerung des klimaschädlichen Flugverkehrs vorangehen, sagte Arne Fellermann vom Umweltverband BUND im Dlf. So könne der Druck auf eine europäische Lösung erhöht werden. Das Fliegen müsse teurer werden - vor allem auf kurzen Strecken.

Arne Fellermann im Gespräch mit Stefan Heinlein

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Reisende stehen in einer langen Schlange vor der Sicherheitskontrolle im Terminal 2 des Flughafens in Frankfurt am Main (dpa /  Andreas Arnold)
Sommer-Reiseverkehr am Flughafen in Frankfurt am Main (dpa / Andreas Arnold)
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Stefan Heinlein: Über das Thema klimaschädliches Reisen und Fliegen und die Vorschläge der Bundesumweltministerin möchte ich jetzt reden mit Arne Fellermann, er ist der Verkehrsexperte der Umweltschutzorganisation BUND. Guten Tag, Herr Fellermann!

Arne Fellermann: Guten Tag!

Heinlein: Wohin fliegen Sie dieses Jahr in den Urlaub?

Fellermann: Das war eine schwierige Entscheidung. Wir haben uns dann durchgerungen, dann doch einmal nach Griechenland zu fliegen, und ich bin auch einmal nach London geflogen und habe dann aber wirklich mir einen Zug zurückgenommen.

Heinlein: Fliegen Sie mit einem schlechten Gewissen?

Fellermann: Ja, sehr, natürlich. Meine Arbeit beinhaltet natürlich, dass ich auch relativ gut Bescheid weiß über den Fußabdruck meiner Reise.

Kritik an Mehrwertsteuer-Befreiung des Flugverkehrs

Heinlein: Ist Fliegen also tatsächlich, Herr Fellermann, der Klimakiller Numero eins?

Fellermann: Gemessen an der Verkehrsleistung ja. Insgesamt ist in Deutschland auch der Straßenverkehr, Autos für die Personen der große Nummer-eins-Klimakiller, weil einfach die Masse es da ausmacht, aber gemessen an der relativ geringen Verkehrsleistung, ist es dann in der Tat der Flugverkehr.

Heinlein: Herr Fellermann, Fliegen ist ja heutzutage, egal ob privat oder beruflich, kein Luxus mehr, sondern eher erschwinglich für fast jedermann. Warum ist denn Fliegen so preiswert geworden in den vergangenen Jahren, wenn man es vergleicht mit den Jahren und Jahrzehnten davor?

Fellermann: Das hat einfach auch mit dem Aufbau der Industrie zu tun. Die Flugverkehrsindustrie hat dann einfach neue Unternehmenskonzepte gefunden, also gerade auch das Billigpreissegment hat sich auch erst in der letzten Dekade, in den letzten zwei Dekaden überhaupt erst entwickelt. Sie sind effizienter geworden, sie haben viel dazugelernt, ihre Auslastung ist besser geworden. So konnten die Fluglinien hinterher dann auch im gemeinsamen Wettbewerb die Preise runterschrauben, und das macht sich dann heute dadurch bemerkbar, dass die Flüge sehr, sehr günstig sind.

Dahinter, muss man aber sagen, gibt es Abgaben, die die Industrie dann nicht zahlen muss, und daraus begründen sich dann auch sehr stark ihre Kostenvorteile. Wenn ich dann mal aufzähle, die Energiebesteuerung, die Bahn wie auch auf alle Kraftstoffe gezahlt wird, also Energie, Strompreise sind ja auch zum großen Teil durch Energiesteuern beeinflusst, Benzin, Diesel bezahlen alle ihre Abgaben, Kerosin aber nicht. Das ist Nummer eins. Dann wird auch der internationale Flugverkehr in Deutschland wie auch in anderen Ländern von der Mehrwertsteuer ausgenommen. Das wären dann ja auch schon mal noch mal 19 Prozent. Flughäfen konkurrieren dann durch Lande- und Startentgelte, versuchen da auch immer wieder gute Angebote zu machen für Fluglinien, und so kommt der niedrige Preis auch durch solche Einflussfaktoren zustande.

"Preissignale setzen"

Heinlein: Also ist das oder wäre es richtig, wenn jetzt die Politik gegensteuert und sagt, Fliegen muss wieder teurer werden, um unser Klima zu schützen.

Fellermann: Absolut. Man kann natürlich regulieren und sagen, das wollen wir, das wollen wir nicht, aber ein auch in der Politik beliebtes Mittel ist, den Markt das machen zu lassen. Dann muss man aber auch ganz klar sagen, muss man Preissignale setzen, und dann muss das Fliegen auch teurer werden.

Heinlein: Aber ist das gerecht, Herr Fellermann, wenn in Zukunft dann nur noch die Gutverdiener, die Reichen in ferne Länder reisen dürfen, und der Durchschnittsverdiener muss daheimbleiben oder mit dem Fahrrad in Holland seinen Urlaub verbringen?

Fellermann: Natürlich hat das eine soziale Dimension. Allerdings sehe ich die bei Urlaubsreisen oder bei Flugreisen etwas weniger als bei anderen Verkehrsmitteln. Ich würde sagen, wenn man jetzt über die Kostenbelastung von Pendlern nachdenkt oder den Nahverkehr, da ist es wirklich eine große soziale Dimension, aber wenn ich mir überlege, dass wir über eine Anpassung der Preise ja vielleicht auch gerade eher Billigflugreisen, also wirklich die 20 Euro von Malle zurück etwas teurer machen, dann, finde ich, hat das für mich jetzt nicht so eine wahnsinnig große soziale Dimension. Da finde ich das noch vertretbar. Da kann man sich vielleicht auch mal überlegen, ich fliege etwas weniger und spar mir dann die Flugreise, die ich machen möchte, für etwas wirklich Besonderes auf.

Forderung: Umstieg auf Bahn "erleichtern"

Heinlein: Macht es denn Sinn, wenn jetzt die Bundesregierung möglicherweise im Alleingang vorprescht und sagt, Fliegen in Deutschland, das muss teurer werden, es gibt höhere Steuern oder Flugverkehrsabgaben, weichen dann nicht viele Urlauber ganz einfach aus nach Belgien, die Niederlande oder vielleicht auch die Schweiz?

Fellermann: Ja, also man muss immer genau hinschauen, wo es dann Bewegungen gibt, so Ausweichbewegungen, aber grundsätzlich wird es schon so sein, dass die Konsumenten sich dann auch genau anschauen, ist mir der Extrareisekomfort das wert. Da, denke ich, wird es auch immer wieder die Entscheidung geben, ich nehme die Extrakosten in Kauf. Ich fände auch gerade gut, dort anzusetzen, wo es Alternativen gibt, gerade auf der Reise. Das heißt, gerade auch die innerdeutschen Flüge, rund zehn Prozent der deutschen Flüge sind alleine innerdeutsch, da könnten wir ja mal ansetzen und in der Luftverkehrsabgabe eine eigene Kategorie machen und die dann besonders teuer machen. Fände ich grundsätzlich gut, weil dann hätten wir unsere eigene Verantwortung für unsere innerdeutschen Flüge, wo wir ansetzen können. Dann könnte man natürlich auch sagen, die Kurzstreckenflüge macht man dann noch mal deutlich teurer, weil auch da sind wieder Alternativen. So könnte man wirklich auch den Umstieg auf zum Beispiel die Bahn, die ja um ein Vielfaches klimafreundlicher ist als der Flugverkehr, erleichtern.

Heinlein: Herr Fellermann, verstehe ich Sie richtig, also der BUND, für den Sie ja heute Mittag hier sprechen, der ist durchaus dafür, dass die Bundesregierung auch im Alleingang vorprescht und nicht auf eine europäische Lösung wartet?

Fellermann: Ja, das sind wir, weil wir erst mal eine eigene Verantwortung haben, und zweitens so auch den Druck auf eine europäische Lösung erhöhen. Sobald die da ist, können wir ja dann auch schrittweise das auf das europäische Maß ausweiten. Dafür sind wir auch. Also wir sind auch gerade bei einer Diskussion um eine Kerosinsteuer, was ja im Prinzip eine CO2-Abgabe für den Flugverkehr wäre. Da sind wir sehr stark dafür, aber dann auch ganz klar europäisch.

Heinlein: Herr Fellermann, nicht nur Schüler gehen auf die Straße, um für einen besseren Klimaschutz zu demonstrieren, das Thema bewegt mittlerweile viel Bundesbürger. Es ist das Thema Numero eins. Glauben Sie, was erwarten Sie, wenn dieses laute Rufen nach einem besseren Klimaschutz, dieser Ruf, Politik, jetzt handelt endlich für einen besseren Klimaschutz, wird dieser Ruf leiser werden, wenn jeder einzelne in Zukunft merken wird, das verändert meinen Alltag, ich muss verzichten, und manche Dinge, wie etwa das Fliegen oder vielleicht auch das Autofahren, wird für mich persönlich teurer?

Fellermann: Also im Sinne der Verantwortung, dass wir wirklich sagen, okay, das ist eine große Herausforderung, Klimawandel, und wir wollen etwas dafür tun, glaube ich, dass die Menschen auch sehen, okay, da muss ich was tun und das dann auch eingehen wollen, und vielleicht ist da auch eine Chance zu sehen, hey, es geht ja auch anders, und mir geht es gar nicht schlechter. Da kann man ja auch vieles machen, ohne dass man hinterher sagen muss, Mist, da ist mir wirklich was entgangen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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