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StartseiteForschung aktuellMikroplastik macht Wattwürmer krank02.12.2013

UmweltverschmutzungMikroplastik macht Wattwürmer krank

Wattwürmer übernehmen eine wichtige Funktion im Ökosystem. Doch ihr Lebensraum ist stark verschmutzt. Über den Sand nehmen sie Mikroplastikteilchen auf und verdauen somit auch Giftstoffe. Toxikologen rechnen damit, dass dies auch Konsequenzen für die Natur haben wird.

Von Dagmar Röhrlich

Von Wattwürmern ausgestoßene Schlickhäufchen, im Hintergrund geht ein Mensch mit Boot entlang (dpa/picture alliance/Federico Gambarini)
Von Wattwürmern ausgestoßene Schlickhäufchen: Sie schaffen Nährstoffe von der Oberfläche in die Tiefe. (dpa/picture alliance/Federico Gambarini)
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Weiterführende Information

Mikroplastik in jeder Muschel - (Deutschlandradio Kultur - Länderreport, 13.11.2013)

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Wattwürmer spielen eine zentrale Rolle in den Ökosystemen: Ihr Leben verbringen sie in ihren Wohnröhren im Schlamm, wo sie ständig Sand in sich hinein fressen und sich von den organischen Überzügen auf den Körnchen ernähren: 

"Dabei ist die Rolle der Wattwürmer vergleichbar mit der der Regenwürmer an Land. Sie schaffen Nährstoffe von der Oberfläche in die Tiefe und dort leben davon dann andere Tiere und Mikroorganismen. Außerdem werden die Würmer selbst von Vögeln und Fischen gefressen, sind also auch wichtig in der Nahrungskette."

Wegen ihrer Bedeutung im Ökosystem fragten sich die Forscher, wie Wattwürmer auf die Umweltbelastung durch millimeterkleine Kunststoffteilchen reagierten, erklärt Stephanie Wright von der University of Exeter. Denn schon heute besteht der Sand in manchen Buchten zu drei Prozent aus Mikroplastik. Tendenz steigend:

"Wir haben also Wattwürmer aus einer sauberen Meeresbucht ins Labor gebracht. Dort hielten wir sie einen Monat lang in Sediment, das unterschiedlich stark mit Mikroplastik belastet war, und schauten, was passiert."

Wie erwartet, machten die Wattwürmer keinen Unterschied zwischen Sand und Mikroplastik und saugten beides ein. Den Würmern, die die Forscher auf eine „Diät“ mit fünf Prozent Mikroplastik gesetzt hatten, ging es dabei schnell schlechter:

"In den ersten beiden Wochen sahen wir, dass sie sehr viel weniger fraßen als die anderen, und am Ende des Monats stellten wir Entzündungsreaktionen fest. Außerdem zeigen unsere Messungen, dass die Plastikpartikel etwas länger im Verdauungstrakt bleiben als ein normales Sandkorn."

Das Plastik selbst wird dabei für das Tier zum Problem, erklärt die Ökotoxikologin Tamara Galloway von der University of Exeter:

"Es ist unverdaulich und nimmt im Verdauungstrakt den Platz für richtige Nahrung weg, bleibt sogar länger darin als normal. Das Tier nimmt also wahr, dass es satt ist, obwohl es eigentlich weiter fressen sollte."

Wattwürmer nehmen auch Umweltgifte auf

In einem zweiten Experiment ging es dann darum, ob die Würmer bei der Verdauung Umweltgifte von der Oberfläche der Plastikpartikel aufnehmen. Denn dort lagern sich zum Beispiel Kohlenwasserstoffe oder Flammschutzmittel an:

"Wir konnten nun nachweisen, dass in den mit Mikroplastik belasteten Sedimenten die Chemikalien tatsächlich von der Oberfläche der Plastikkörnchen in das Gewebe der Tiere übergehen. Wir fanden jedoch heraus, dass das auch bei normalen Sandkörnchen passiert - und zwar mit vergleichbar hohen Mengen."

Die Umweltgifte selbst schaden dann den Würmern. Weil diese langlebigen Chemikalien kaum abgebaut werden, reichern sie sich an und können in die Nahrungskette gelangen.

"Es ist wichtig zu wissen, dass wir bei unseren Versuchen nur zwei Typen von Plastik untersucht haben. Es ist wahrscheinlich, dass andere Plastikarten andere Eigenschaften zeigen. Unsere Experimente sind also nur ein Ausgangspunkt."

Noch liegt im richtigen Schlamm der Plastikgehalt unter den fünf Prozent im Experiment, aber in den belasteten Zonen steigt er schnell an. Deshalb rechnen die Toxikologen damit, dass sich die Effekte künftig auch in der Natur zeigen werden. Die Wattwürmer könnten dann ihre Rolle im Ökosystem spürbar schlechter erfüllen. Und sie sind nicht die Einzigen, die Mikroplastik statt Sandkörnern aufnehmen: Auch Seesterne sind betroffen, Seeigel, Seegurken …

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