Interview 12.11.2019

UN-Weltbevölkerungskonferenz "Die große Herausforderung ist der afrikanische Kontinent"Gerd Müller im Gespräch mit Jörg Münchenberg

Beitrag hören Bundesentwicklungsminister Gerhard Müller in einem Gespräch (imago/Uwe Steinert)Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) (imago/Uwe Steinert)

Um das Bevölkerungswachstum einzudämmen, sei es nötig, afrikanische Frauen mit Bildung, Gesundheitsversorgung und Kinderbetreuung zu versorgen, sagte Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) im Dlf. Frauen müssten gleichberechtigt werden und selbst bestimmen können, wie viele Kinder sie bekämen.

Jörg Münchenberg: 2050 könnten laut Schätzungen von Experten fast zehn Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Die Frage ist, ob der Planet damit nicht auch an seine ökologischen Grenzen stoßen wird.

Dabei hatte die Weltbevölkerungskonferenz der Vereinten Nationen in Kairo vor 25 Jahren noch ein Aktionsprogramm beschlossen, um das Wachstum der Weltbevölkerung zu begrenzen. Mit dem Thema beschäftigt sich in Nairobi ab heute erneut eine UN-Konferenz.

Am Telefon ist jetzt Entwicklungsminister Gerd Müller von der CDU. Herr Müller, einen schönen guten Morgen.

Gerd Müller: Guten Morgen!

Münchenberg: Herr Müller, wird das Thema Bevölkerungswachstum in der öffentlichen Debatte zu wenig angesprochen? Denn interessanterweise wird es im Pariser Klimaabkommen zum Beispiel kaum erwähnt und auch bei den Klimademonstrationen spielt es eigentlich überhaupt keine Rolle.

Müller: Ja, eindeutig! Die Bevölkerungsentwicklung weltweit darf kein Tabu sein, denn die Bevölkerungsentwicklung löst ja viele Herausforderungen aus. Und wenn wir uns mal die Dramatik anschauen: Als ich geboren wurde, 1955, da lebten 3,5 Milliarden auf dem Planeten. Heute sind es 7,5.

In dieser kurzen Zeit meiner Lebensspanne hat sich die Weltbevölkerung verdoppelt und jeden Tag kommen 230.000 Menschen neu dazu. Wenn man das hochrechnet, dann ist das im Jahr einmal Deutschland, die Bevölkerung, 80 Millionen. Einmal Deutschland kommt neu zusätzlich auf den Planeten und insbesondere in Afrika.

"Die große Herausforderung ist der afrikanische Kontinent"

Münchenberg: Sie sagen selbst, das Thema spielt in der öffentlichen Debatte zu wenig eine Rolle. Woran liegt das? Hat das auch was mit wachsendem Populismus zu tun, der gerade auch von rechts kommt? Ist es da schwieriger geworden, über das Problem Überbevölkerung zu reden?

Müller: Nein, ich spreche nicht von Überbevölkerung. Wir müssen sehr differenzieren. In Europa haben wir ja eher die Situation, dass wir älter werden und wenig Kinder neu hinzukommen. Die große Herausforderung bei der Bevölkerungsentwicklung ist der afrikanische Kontinent.

Hier wird sich die Bevölkerungszahl insgesamt bis 2050 verdoppeln, denn diese Länder haben viel Jugend, ein Durchschnittsalter von 20 Jahren. Ich nehme mal den Kongo, wo ich vor kurzem war. Vor 50 Jahren hatte der Kongo 16 Millionen Einwohner; heute über 80 Millionen. Dort ist das Thema anzusetzen und ich tabuisiere das Thema nicht. Entscheidend ist: Frauen müssen selbst bestimmen können, wie viele Kinder sie bekommen, in afrikanischen Ländern, und das heißt Gleichberechtigung der Frau.

Da gibt es zwei Schlüssel, wenn wir die Länder anschauen, um die Kinderhäufigkeit zu reduzieren - nicht durch Zwang, sondern Zugang zur Bildung für die Frauen mit höherem Bildungsgrat und Zugang zu Gesundheitssystemen und Betreuung. Mit diesen zwei Faktoren sinkt die Kinderzahl pro Frau automatisch.

Mathare ist ein Slum in Nairobi, Kenia. Eine Ambulanz der German Doctors ist die einzige medizinische Einrichtung für Zehntausende von Menschen.  (picture alliance / Miro May) (picture alliance / Miro May)Kinderreichtum in Afrika - Warum Kinder für das Ansehen wichtig sind
Afrikas Bevölkerung könnte sich bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Das liegt auch daran, dass viele Staatsoberhäupter nicht für Familienplanung werben. Denn für viele bedeuten mehr Kinder immer noch mehr Reichtum – und Prestige. Doch für die einfache Bevölkerung geht diese Gleichung kaum auf.

Münchenberg: Herr Müller, nun gab es ja vor 25 Jahren in Kairo auch eine Bevölkerungskonferenz. Die hatten auch die Vereinten Nationen organisiert. Auch da hieß es damals, man hat sogar eine gemeinsame Strategie verabschiedet. Auch damals war die Rede von Stärkung der Rechte der Frauen, Stärkung der Selbstbestimmung, mehr Zugang zu Bildung. Ist dieser Ansatz im Rückblick gescheitert?

Müller: Nein, überhaupt nicht. Ich sage, man muss differenziert draufschauen. In diesem Zeitraum hat sich zum Beispiel die Kindersterblichkeit der Kinder unter fünf halbiert, ebenso die Müttersterblichkeit, und das ist zentral wichtig. Und ich sage noch mal: Wenn man die Länder im Einzelnen anschaut, geht die Entwicklung dahin, dass zum Beispiel in Äthiopien vor 25 Jahren durchschnittlich die Frau acht Kinder bekommen hat. Heute sind es 4,5 Kinder.

Das hängt ganz intensiv damit zusammen: Haben die Frauen Zugang zu Bildung und nicht nur zu Primär, sondern zu Sekundärbildung. Da ist heute die Quote doppelt so hoch wie vor 25 Jahren – noch absolut nicht ausreichend.

Das zweite ist die Gesundheitsversorgung. Wenn wir wissen, dass heute noch jeden Tag 15.000 Kinder am Tag sterben, aus vermeidbaren Gründen, dann löst das natürlich bei den Müttern auch große Sorge und auch Reaktionen aus.

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Megabauprojekte, gesundheitliche Aufklärung, Verhütungsmittel: Ägyptens Regierung versucht mit allen Mitteln, das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen. Derzeit leben rund 95 Millionen Menschen im Land. Kritiker glauben jedoch: Ohne ein gesellschaftliches Umdenken ist das Bevölkerungswachstum nicht zu stoppen.

"In Bangladesch sind wir auf einem guten Weg"

Münchenberg: Herr Müller, Sie haben gerade gesagt, die Bevölkerung in Afrika könnte sich bis 2050 glatt verdoppeln. Auf der anderen Seite ist es ja manchmal durchaus schwierig mit diesen Prognosen. Die UN hatte damals geschätzt, dass es einen massiven Bevölkerungszuwachs in Lateinamerika geben würde. Der ist aber gar nicht eingetreten. Muss man auch mit diesen Prognosen nicht ein bisschen vorsichtig umgehen?

Müller: Man muss vorsichtig sein. Aber wir wissen, das Durchschnittsalter der afrikanischen Bevölkerung liegt zwischen 20 und 25 Jahren, und die Jugend bekommt natürlich Kinder. Aber insgesamt - das muss man verstehen - reduziert sich die Kinderhäufigkeit in den einzelnen Ländern und Staaten.

Ich habe jetzt einige Länder genannt. Im Niger beispielsweise - das ist das Spitzenland mit 6,3 Kindern, aber das ist auch das ärmste Land der Welt. Darüber rede ich mit Staats- und Regierungschefs in meiner Afrika-Politik ganz offen. Armut und Kinderzahl - ihr müsst stärker darauf abstellen. Kinder müssen auch ernährt werden. Familien brauchen Zukunft. Die Jugend braucht Arbeitsplätze. Darauf reagieren die Staaten ganz unterschiedlich.

Wenn Sie Bangladesch anschauen – ich sehe nicht nur Afrika: Bangladesch mit einer Frau als Staatspräsidentin ist sensationell in den letzten 50 Jahren von sieben Kindern pro Frau heute bei 2,1, also fast europäischer Durchschnitt. Das hängt – ich sage es noch mal – damit zusammen: Selbstbestimmung, Gleichberechtigung der Frauen, voller Zugang zu Bildung und Aufbau von Gesundheitssystemen. Da sind wir auf einem guten Weg.

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Rund eine Milliarde Menschen leben auf dem afrikanischen Kontinent. Bis zum Jahr 2050 werden es voraussichtlich doppelt so viele sein. Die Ursachen sind vielfältig, die Versuche der Eindämmung bisher zu erfolglos. Viele Staaten Ostafrikas suchen händeringend nach Lösungen.

Münchenberg: Herr Müller, ist das nicht auch politisch ein bisschen gefährlich, wenn man das Problem Bevölkerungswachstum vor allem auf Afrika konzentriert und fokussiert?

Müller: Wir fokussieren uns nicht nur auf Afrika. Es gibt ja die verschiedensten Ansätze. In China wird die Ein-Kind-Politik wieder gelockert. Das hat ja auch enorme Konsequenzen in der Überalterung der Bevölkerung. Aber in der Tat ist die größte Bevölkerungsdynamik, Wachstumsdynamik in den 54 afrikanischen Ländern zu sehen.

Und ich sage noch mal: Wenn sich die afrikanische Bevölkerung verdoppelt bis 2050, dann stellt uns das vor riesige Herausforderungen. Erstens: Können diese Menschen ernährt werden und wie? Das heißt, eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion um bis zu 70 Prozent ist notwendig innerhalb der nächsten 25 Jahre.

Und dann die Frage der Jobs. Aus Kindern werden Jugendliche. Die brauchen Arbeit. Schon heute haben wir ein riesiges Arbeitslosigkeitsproblem in Afrikas Jugend, Perspektivlosigkeit, was sich dann auch in Gewalt, in Drogen, aber auch in Fluchtbewegungen wieder zeigt. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe, weiter und verstärkt in afrikanischen Ländern zu investieren.

Münchenberg: Herr Müller, wie kann denn Bevölkerungswachstum trotzdem erfolgreich gesteuert werden, wenn Institutionen wie die Katholische Kirche zum Beispiel sagen, da werde unter dem Deckmantel der Frauenförderung Verhütung und Abtreibung propagiert, sprich wenn die Katholische Kirche da diese Politik kategorisch ablehnt?

Müller: Ja "Die Katholische Kirche", da muss man differenzieren. Rom, Deutschland, die afrikanische Kirche. Erstens sage ich noch mal: Die Frauen müssen frei entscheiden können, Selbstbestimmung der Frauen. Wir unterstützen die Frauen beim Zugang auch zu Verhütungsmethoden und Mitteln. 200 Millionen Frauen in Afrika haben keinerlei Zugang. Die Gespräche mit der Katholischen Kirche in Deutschland, die haben dies nicht in Frage gestellt. Aber keine Zwangsmaßnahmen, das ist die Vorgabe.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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