Mittwoch, 16.10.2019
 
Seit 13:35 Uhr Wirtschaft am Mittag
StartseiteDie neue PlatteÜppig, beinahe übersättigt03.10.2019

Unbekannte MotettenÜppig, beinahe übersättigt

"Eine Offenbarung" nennt Frieder Bernius die geistlichen Motetten von Hans Fährmann, die er erst kürzlich kennen gelernt hat. Mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart hat der Dirigent die Werke nun erstmals aufgenommen. Unser Autor nimmt die Interpretation unter die Lupe.

Am Mikrofon: Thilo Braun

(SWR/Klaus J.A. Mellenthin)
Das SWR Vokalensemble Stuttgart (SWR/Klaus J.A. Mellenthin)
Mehr zum Thema

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2017 SWR Vokalensemble porträtiert Amerika

Chor.com Hannover 2019 Quo vadis, Chorwettbewerb?

Jungen-Chor lädt Mädchen ein

Hans Fährmann ist selbst unter Musikwissenschaftlern kaum bekannt, wenn überhaupt, dann als Bearbeiter und Komponist von Orgelwerken. Dabei können seine Werke, vor allem was die Harmonik angeht, locker mithalten mit spätromantischen Zeitgenossen. Vor allem an den späten Richard Strauss erinnern seine Klänge, darum wurde Fährmann auch der "Richard Strauss der Orgel" genannt. Seine Chorkompositionen wurden dagegen schon zu Lebzeiten kaum aufgeführt und sind heute fast völlig in Vergessenheit geraten. Diese unbekannten Schätze holen wir in dieser Sendung zurück an die Oberfläche, mit Hilfe der neuen Einspielung von Frieder Bernius und dem SWR Vokalensemble Stuttgart, die beim Carus Verlag erschienen ist.

Musik: Hans Fährmann - "Die mit Tränen säen." Mehrstimmige Konzertmotette op. 56

Was für eine stolze Musik! Eine Kathedrale aus Klang: groß, mächtig, geheimnisvoll. Eine Musik, die uns beinahe überfordert mit ihrer Üppigkeit, den vielen harmonischen Rückungen und Eintrübungen. Es sind Klänge, wie wir sie von den großen Meistern der Spätromantik kennen. Umso mehr überrascht der völlig unbekannte Komponistenname: Hans Fährmann.

"Wer ist Hans Fährmann? werden viele fragen."

Schon im Jahr 1930 stellt ein Autor in der Neuen Zeitschrift für Musik diese Frage. Er stellt sie stellvertretend für seine Leser – denn der Anlass für seinen Artikel ist ein Geburtstagsgruß an Hans Fährmann, der gerade 70 Jahre alt geworden ist. Warum ist Fährmann schon damals so unbekannt? Was der Autor über Fährmann schreibt, klingt eigentlich beachtlich:

"Als Komponist kirchlicher Vokalmusik hat sich Fährmann einen Namen gemacht. Seine großen Motetten, Sprüche und Psalmen, sein Oratorium 'Heimkehr' und sein Requiem gehören zum Schönsten, was uns die Kirchenmusik der letzten Jahrzehnte geschenkt hat."

Musik: Hans Fährmann - "Die mit Tränen säen." Mehrstimmige Konzertmotette op. 56

Auch Dirigent Frieder Bernius war überrascht, als ihm ein befreundeter Musikwissenschaftler einige Motetten von Fährmann schickte, über die er in der Berliner Staatsbibliothek gestolpert war. Vor allem vom der Konzertmotette "Die mit Tränen säen" war Frieder Bernius beeindruckt. Dass er ein gut zwölfminütiges Werk dieser Qualität nicht kannte, trotz jahrzehntelanger intensiver Beschäftigung mit Chormusik aller Epochen, habe ihn schon gewundert. Wer war also dieser Hans Fährmann?

Scheuer Mann mit traurigem Blick

Auf den Fotos, die wir heute von ihm kennen, blickt uns ein scheuer Mann entgegen, mit kleinen, traurigen Augen. Als Jugendlicher ähnelt er Johannes Brahms, im Alter lässt er sich einen wilden Bismarck-Schnauzer wachsen. Manchmal hat er einen schwarzen Hut getragen, die Krempe tief ins Gesicht gezogen, als wolle er sich vor der Welt verstecken. Und tatsächlich scheint sich Fährmann etwas schwer getan zu haben mit seiner Umwelt. Diesen Eindruck erweckt zumindest die Art, wie er in seinem Geburtstagsartikel in der Neuen Zeitschrift für Musik beschrieben wird:

"Sein Leben in völliger Zurückgezogenheit, seine Gleichgültigkeit in Fragen äußerer Anerkennung, seine tiefe Abneigung gegenüber jedem Strebertum, jeder Protektionsschleicherei und Reklame, seine unbedingte Unbestechlichkeit in rein künstlerischen Dingen mögen die Ursachen sein, die verhinderten, dass er die Beachtung fand, die ihm gebührt."

Musik: Hans Fährmann - "Die mit Tränen säen." Mehrstimmige Konzertmotette op. 56

Geboren wird Hans Fährmann 1870 in Beicha bei Lommatzsch, einem winzigen Kaff zwischen Leipzig und Dresden. Seine Kindheit beschreibt Fährmann als unglücklich. Er leidet unter der strengen Erziehung des Vaters, der ihn zunächst in den Lehrberuf zwängt. Später entschließt sich Fährmann, getrieben von seiner Faszination für Franz Liszt, zu einer Virtuosenkarriere ­– an der Orgel. Doch auch diese endet bald, vermutlich, weil Fährmann ungern im Rampenlicht steht. Mit dreißig erhält er eine Stelle als Kantor an der Johanniskirche in Dresden. Fünfzig Jahre lang wird er in Dresden heimisch bleiben und vor allem die Kirchenmusik wesentlich bereichern, als Lehrer, Komponist und Organist.

Orgelklänge auf Chor projiziert

Dass Fährmann ein Orgelvirtuose war, kann man auch in seinen Vokalwerken spüren. Den vierstimmigen Chorsatz fächert er auf, indem er die Stimmgruppen immer weiter teilt, bis zu drei Stimmen pro Gruppe. Wie an der Klaviatur ist es ihm so möglich, Akkorde immer weiter und größer klingen zu lassen.

Musik: Hans Fährmann - "Die mit Tränen säen." Mehrstimmige Konzertmotette op. 56

Einen Chor stellt diese Kompositionsweise allerdings vor Herausforderungen. Anders als bei einer Orgel, bei der jeder Ton in etwa gleich laut klingt, ist die Stimmkraft eines Sängers je nach Tonhöhe sehr unterschiedlich. Eine sehr tiefe Melodie im Alt kommt schnell in die Nähe der Tenorlage, hat dabei aber nur einen Bruchteil der Strahlkraft. Hier die richtige Stimmbalance zu wahren, ist schwierig. Umso beeindruckender gelingt das Frieder Bernius mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart. An keiner Stelle bricht der homogene Chorklang auseinander, stets fügen sich die Stimmen satt und wohlklingend ineinander.

Musik: Hans Fährmann - "Die mit Tränen säen." Mehrstimmige Konzertmotette op. 56

Hier zahlt sich die jahrzehntelange Erfahrung des Chordirigenten Frieder Bernius aus. In intensiver Vorarbeit hat er die dynamischen Vorgaben in der Partitur so angeglichen, dass der Klang im Ergebnis ausgewogen erscheint – hier den Tenor etwas verstärkt, dort den Sopran gedämpft. Bernius glaubt, dass es an der Komplexität dieser Musik liegt, dass sie zu Lebzeiten Fährmanns kaum aufgeführt wurde. Beinahe verzweifelt wirken die vielen Widmungen der Motetten an Kantoren und Chorleiter in Fährmanns sächsisch-schlesischem Umkreis. Geholfen haben sie nicht, trotz Widmung ließen die meisten Kantorenkollegen die Finger von Fährmanns Werken. Vermutlich auch, weil nicht nur die Stimmbalance, sondern auch die höchst komplexe Harmonik für einen Laienchor schwer zu realisieren ist. Die Musik von Hans Fährmann geht so weit an die Grenzen der Tonalität, dass die Klänge teilweise schon atonal wirken. So etwa am Ende seiner Motette "Ei, du frommer und getreuer Knecht".

Musik: Hans Fährmann - Sieben Sprüche für mehrstimmigen Chor op. 45, Nr. 6 "Ei, du frommer und getreuer Knecht."

In den Werken von Fährmann erscheint die Harmonik meist wichtiger als eine gut singbare Melodie. Trotzdem finden sich immer wieder kurze polyphone Abschnitte, etwa Fugen, darin. Eine Würdigung des anderen großen Vorbilds Fährmanns: Johann Sebastian Bach.

Erstklassige Fugati-Einsätze

In der Einspielung des SWR Vokalensemble sind diese kurzen, klaren Momente besonders schön. Denn hier können die Sängerinnen und Sänger zeigen, wie gut sie als Ensemble funktionieren. In der Motette "Bittet, so wird euch gegeben" etwa beginnen die Bässe mit dem Thema. Warm und zärtlich ist ihr Klang, dann folgt der strahlende Tenoreinsatz. Die Altstimmen mischen einen geerdeten, fokussierten Klang dazu, schließlich spinnt der Sopran feine Linien in der Höhe.

Musik: Hans Fährmann - Sieben Sprüche für mehrstimmigen Chor op. 45, Nr. 3 "Bittet, so wird euch gegeben"

Dieser Chorklang ist beeindruckend. Auch wenn man sich mit der Zeit etwas satt hört an dieser wohligen spätromantischen Wärme. Das liegt auch an den Kompositionen Fährmanns, die in ihrem mystischen Wandeln zwischen den Tonarten oft ähnlichen Kompositionsmustern folgen.

Zu wenig Fokus auf Text

So sehr diese Musik von langen Legatobögen und Klangfülle lebt und so gut das SWR Vokalensemble den Klang lückenlos fließen lässt: ein wenig mehr deklamatorische Färbung hätte teilweise gutgetan. In der Motette "Herr, höre meine Worte" etwa wirkt das Flehen des Betenden, Gott möge sein "Schreien" erhören, etwas zu brav.

Musik: Hans Fährmann - Fünf Sprüche und Psalmen für mehrstimmigen Chor op. 34, Nr. 4 "Herr, höre meine Worte"

Fährmann schreibt hier starke dynamische Wechsel vor, vom Fortissimo direkt ins Pianissimo und wieder zurück. Frieder Bernius arbeitet dynamisch sehr bewusst, vermeidet aber Extreme. Der Homogenität des Klangs kommt das entgegen – der Aussage der Texte jedoch weniger. Wo die Wirkung der Musik durch die Vielschichtigkeit ineinandergreifender harmonischer Verläufe entsteht, funktioniert der Chorklang dagegen wunderbar. In der Motette "Was ist der Mensch" etwa, wenn in immer düsteren Dissonanzen das "von Gott verlassen sein" charakterisiert wird.

Musik: Hans Fährmann - Fünf Sprüche und Psalmen für mehrstimmigen Chor op. 34, Nr. 5 "Was ist der Mensch"

Alle Motetten, die heute von Hans Fährmann überliefert sind, wurden in den Jahren zwischen 1911 und 1914 komponiert. In einer Zeit, als Arnold Schönberg sich gerade in die Atonalität vorwagt, hält Fährmann – ähnlich wie Richard Strauss – an der Tonalität fest. Er dehnt das tonale System aber so sehr, dass man sich schon fast wundert, wenn zwischendurch mal reine, konsonante Akkorde stehen. Wo dieser oft endlos erscheinende Weg zur Konsonanz nicht dem Selbstzweck dient, sondern sich inhaltlich-thematisch nachvollziehen lässt, entwickelt die Musik von Hans Fährmann eine starke Wirkungskraft. So etwa in der Motette "Christus hat dem Tode die Macht genommen", wo die reinen Akkorde am Schluss nicht nur die verworrenen harmonischen Phasen zuvor auflösen, sondern zugleich für die Erlösung Gottes stehen, der Schmerzen und Tod überwunden hat.

Musik: Hans Fährmann - Sieben Sprüche für mehrstimmigen Chor op. 45, Nr. 1 "Christus hat dem Tode die Macht genommen"

Es wäre schön, wenn diese Ersteinspielung der Chorwerke Fährmanns nicht die letzte bliebe. Und wir den Namen Fährmann vielleicht schon bald auf Konzertprogrammen entdecken können.

Hans Fährmann: Motetten
SWR Vokalensemble
Leitung: Frieder Bernius
Label: Carus / EAN: 4009350834996

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk