Freitag, 22.03.2019
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteKommentare und Themen der WochePolitik muss umsteuern19.02.2019

Unbezahlbare Städte - ausblutendes LandPolitik muss umsteuern

Wohnen in deutschen Großstädten wird immer teurer - bezahlbar bleibt allein der ländliche Raum, und der muss aufgewertet werden, kommentiert Sina Fröhndrich. Jobs, bessere Infrastruktur, schnelles Internet: Nur so verhindere man ein weiteres Ausbluten kleinerer Städte.

Von Sina Fröhndrich

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Protestransparante hängen an den Wohnhäusern in der Karl-Marx-Allee in Berlin-Friedrichshain (imago /Seliger)
Mieterprotest gegen steigende Mieten in Berlin (imago /Seliger)
Mehr zum Thema

Bauministerkonferenz Seriell und digital gegen die Wohnungsnot

Aus den Feuilletons Kopflos in der Wohnungsnot

Wohnungsnot Haus und Grund: Wohngeld statt Mietpreisbremse

Wohnungsnot "Den Wohngipfel kann Seehofer sich schenken"

Ein Häuschen auf dem Land, mit Garten, stillgelegtem kleinen Schweinestall und einer großen Scheune. Kosten: knapp 70.000 Euro. Ja, genau. Nicht 700.000, sondern 70.000. Ein echtes Schnäppchen. Das gibt es noch. Auch auf einem völlig überhitzten deutschen Immobilienmarkt. Nachteil: Das Häuschen trägt als Adresse: jwd – janz weit draußen.

Der nächste Supermarkt ist 12 Kilometer entfernt. Für die nächste Großstadt braucht es ein Auto – und eine Stunde Fahrtzeit, mindestens. Und doch bleibt manchmal nicht viel mehr übrig als der Rückzug auf dieses Land, verbunden mit einigen Zugeständnissen. Denn nur noch hier ist Wohnen erschwinglich.

Wer wenig verdient, landet auf der Straße

Eine eigene Wohnung in der Stadt, ein Häuschen im Speckgürtel - auch als Altersvorsorge - das kann inzwischen selbst für die Mittelschicht ein waghalsiges Abenteuer werden. 700.000 Euro für eine 3- bis 4-Zimmer-Wohnung - erschwinglich sind solche Preise nur noch für Erben, Spitzenverdiener oder Investoren. Es sind vor allem Letztgenannte, die den Markt seit Jahren anheizen, auf der Suche nach Rendite. Die Mieten folgen dem Trend. Und wer wenig verdient, landet im schlimmsten Fall auf der Straße.

Städte haben keinen Wohnraum für alle

Politische Instrumente wie das Baukindergeld ändern daran nichts – und wirken sogar noch kontraproduktiv. Auch die Mietpreisbremse ist weitgehend wirkungslos. Dabei gäbe es Möglichkeiten, die Preise zu dämpfen – etwa mit dem Mietspiegel: Er dient dazu, die Entwicklung des Marktes abzubilden. Und berücksichtigt deswegen nur die Mieten, die sich verändert, also vor allem erhöht haben. Ältere und damit günstigere Bestandsmieten bleiben außen vor. Dadurch dreht sich die Preisspirale immer weiter nach oben: Es ist dringend geboten, dieses Instrument zu überprüfen.

Möglich wäre auch Häuser nach oben aufzustocken, Flächen zügig freizugeben und zu bebauen. Doch bei all dem sollten wir uns auch nichts vormachen: Es wird einfach zu eng in den Großstädten. Sie haben keinen Wohnraum für alle. Denn: Wo es an bezahlbarem Wohnraum fehlt, fehlt es auch an Schulen, an Gewerbefläche, an Parkplätzen, an Pflegeheimen und so weiter. Berlin, München, Köln und Co. sind überfüllt. Und die Speckgürtel werden immer fetter. Das stellen Bundesbank und Immobilienwirtschaft unisono fest. Was bleibt? JWD. Nur dass das zurzeit so attraktiv ist, wie es klingt.

Kleinstädte müssen aufgewertet werden

Das weitere Umland, nicht beachtete Kleinstädte – beides muss dringend aufgewertet werden. Hier gibt es noch bezahlbaren Wohnraum. Aber es fehlt an Infrastruktur. An Jobs. An schnellem Internet für Unternehmer oder für Heimarbeiter, die nicht jeden Tag in die Großstadt pendeln wollen. Es fehlt an Bahnstrecken, an Kultur. Gute Wohnungspolitik ist Politik für die Regionen. Erfolgt diese nicht, blutet das Land irgendwann aus und die Großstädte kollabieren.

Sina Fröhndrich (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sina Fröhndrich (© Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sina Fröhndrich, Jahrgang 1984, ist Redakteurin in der Abteilung "Wirtschaft und Gesellschaft". Sie ist aufgewachsen in Brandenburg und hat Alte Geschichte, Evangelische Theologie und Journalistik in Leipzig und Florenz studiert. Vor ihrem Volontariat beim Deutschlandradio hat sie beim Lokalradio der Universität Leipzig mephisto 97.6, MDR Info, MDR Sputnik und DRadio Wissen gearbeitet.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk