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StartseiteLange NachtUnd plötzlich hatte ich Zeit29.12.2007

Und plötzlich hatte ich Zeit

Eine Lange Nacht vom Schritt in den Ruhestand

Der Schreibtisch quillt über, der nächste Termin begann schon vor zehn Minuten. Tage, an denen ein Gedanke in einem verzückend rosa Licht erscheint: Ruhestand. Bis dahin ist noch viel Zeit. Was aber, wenn der Ruhestand in ein paar Wochen ansteht? Nein, ohne Ausweis darf sie nur in Begleitung durch das Tor. Edda Gauch stutzt. Ausgerechnet jetzt, wenn sie uns den Hangar zeigen will. Ihr Ausweis ist abgelaufen, wegen der letzten paar Wochen wollte sie ihn nicht erneuern lassen. Noch ist sie Geschäftsführerin einer Fluggesellschaft. Ein Techniker muss mit. Alleine darf sie das Flughafengelände nicht mehr betreten.

Von Thomas Klug und Tim Lang

Die Arbeit hinter sich lassen, doch was kommt dann? (Stock.XCHNG / Ivan V.)
Die Arbeit hinter sich lassen, doch was kommt dann? (Stock.XCHNG / Ivan V.)

Das Lächeln sitzt perfekt, der weiße Anzug auch. Er sitzt in der dritten Reihe. Dann holen die Tänzer holen Wolfgang Stiebritz auf die Bühne. Am Ende der Vorstellung, schreitet er die Showtreppe herab. Eintausendneunhundert Zuschauer sehen zu. Wolfgang Stiebritz, Solotänzer und später stellvertretender Ballettdirektor des Berliner Friedrichstadtpalastes, hat seinen letzten Arbeitstag in aller Öffentlichkeit.

Reiner Feustel hält am Feldweg an: Pflanzkartoffeln. Ob uns etwas auffällt, fragt er. Schnurgerade stehen die Pflanzen. Und ganz ohne Unkraut. Die hohe Schule des Ackerbaus, sagt er. Sein Sohn wird das schon alles richtig machen. Wir fragen nach Wehmut, jetzt, wenn der letzte Arbeitstag in Sicht ist. Ja, ja, sagt er und spricht dann schon wieder über die Kartoffeln.

Doris Boehlke liest ihren Schülern zum ersten Mal einen Text vor, den sie selbst noch nicht kennt. Eine Schülerin hatte das Buch mitgebracht. Und da stehen Wörter, die nicht ganz jugendfrei sind. Wörter, die sie nie aussprechen würde. Ein Schüler ist eingesprungen. Die Klasse hat getobt. An Latein war sowieso nicht zu denken. Letzter Schultag. Für Doris Boehlke der allerletzte. Was kommt danach? Darüber will sie jetzt nicht reden. Die kommenden Monate sind verplant. Und zum nächsten Schulanfang wird sie weit weg sein.

Das Plastikgerippe im Büro wird Franz-Josef Hohmeyer noch einpacken. Der Kalender bleibt hängen. Die nächsten Wochen sind verplant. Aber erst noch der eine Tag. Der Tag, an dem er das letzte Mal zur Arbeit fahren wird. Ein letztes Mal in die Grube fahren und ein letztes Mal ins Büro gehen. Danach - da wird sich schon alles finden, aber am letzten Tag in der Firma soll keiner dabei sein, der da nicht hingehört.

Wir haben fünf Menschen dabei begleitet, die sie Abschied von ihrem Arbeitsalltag nehmen. Wir haben sie bei ihren Arbeitsstellen besucht, waren bei ihren Abschiedsfeiern und haben nach den ersten Monaten im Ruhestand mit ihnen gesprochen. Bei den ersten Treffen erzählten sie uns, wie sie sich den Ruhestand vorstellen. Aber wie es sein wird, wussten sie da noch nicht. Monate später haben sie ihre ersten Erfahrungen gemacht.

Dort drüben, die ehemalige Lehrerin zeigt auf das Haus gegenüber, werden morgens um neun immer die Bettdecken aus dem Fenster gehängt. Sie war beim Arzt, der ist in der Nähe ihrer alten Schule. Sie hat extra einen Umweg gemacht, um niemandem zu begegnen. Das wäre noch zu früh, sagt sie.

Der ehemalige Bergmann empfängt uns zu Hause. Morgens, wenn die Familie aus dem Haus ist, dann sei es doch recht still. Aber es gibt immer etwas zu tun, sagt er und geht in die Küche..

Der ehemalige Ballettchef empfängt uns in der "Kostbar" im Prenzlauer Berg. Zu Hause, das will er dann doch nicht. Die Fotos, die er endlich sortieren wollte, liegen ohnehin noch im Karton. Aber das kann er machen, wenn es regnet. Es gibt doch so vieles zu entdecken sagt er, bevor er zu einer Verabredung geht.

Die ehemalige Geschäftsführerin löst ihre Berliner Wohnung auf und zieht in ihr Elternhaus zurück. Die Arbeit hat sie noch nicht ganz losgelassen. Ein paar Flugzeuge muss sie noch verkaufen. Sie hätte gleich ganz loslassen sollen.

Der Bauer ist kein ehemaliger Bauer. Bauer ist man immer. Schließlich hat er seinen Hof, seine Zuchttauben, sein Stück Wald. Und manchmal, da holen ihn die alten Kollegen, weil es gerade viel zu tun gibt.

Die "Lange Nacht" erzählt Lebensgeschichten vom Lösen und Loslassen und vom Neubeginn, dem der erwartete Zauber oft - noch - fehlt.


Auszüge aus dem Manuskript:

Der eigentliche Abschied aber war eine Wanderung. Da war Edda Gauch mit sich allein. Edda Gauch spricht von der Wanderung. Als wäre der Pilgerweg eine Wanderung für den Sonntagsspaziergang. Edda Gauchs Wanderung dauerte fünf Wochen. Leichtes Gepäck, jeden Abend eine neue Herberge. Und jeden Tag viele gelaufene Kilometer. Das war Edda Gauchs Abschied von sechzehnstündigen Arbeitstagen. Von folgenschweren Entscheidungen. Eine Wanderung in den Ruhestand. Fast.

" Ich habe mir persönlich schon vor einiger Zeit gesagt, mit 63 würde ich gerne aufhören. Das ist jetzt meine eigene Entscheidung gewesen. Im letzten Sommer, Herbst ist dann auch zu mir gesagt wurden, Sie müssten das vielleicht auch noch oder können Sie, wollen Sie das nicht noch ein bisschen länger machen oder so... Und irgendwie denke ich, ist das eine gute Sache, das jetzt zu übergeben. .... Ob ich in acht Wochen das noch genauso sage oder ob ich sage, ach, hätte ich vielleicht noch länger gemacht, das kann ich heute nicht beantworten. Ich fühle mich im Moment gut so, wie es ist. Aus diesem Grunde habe ich Ende letzten Jahres, als ich das auch unseren Gesellschaftern mitgeteilt habe, dass es dabei bleibt, dass ich mit 63, also im Sommer diesen Jahres aufhören werde, habe ich mir überlegt, wie höre ich denn auf, für mich selber, wie kriege ich den Absprung. Und so ist die Idee geboren worden, diese Jakobsweg zu laufen, fünf Wochen weg. Weg von Nachrichten, weg von den täglichen Geschäft, weg von dem allen hier. "

In der Kantine sitzt Wolfgang Stiebritz sonst nicht. Mittags bleibt er lieber mit den Kollegen im Büro. Das war anders, als er hier noch kein Büro hatte. Als er hier noch tanzte. Wolfgang Stiebritz zündet sich die nächste Zigarette an. Er wird hier bald ehemaliger stellvertretender Ballettdirektor sein. Ehemaliger Tänzer ist er schon. Er weiß, wie Abschiede funktionieren.

" Ja, es sind keine Wünsche mehr da. Es ist eigentlich alles erreicht, was man für ein Tänzerleben, was sowieso zeitlich bemessen ist und danach kann ja nicht jeder in die Ballettleitung gehen, und nicht jeder kann Pädagoge werden und jeder wird nicht Intendant oder so was. Aus dem Grunde habe ich schon ziemlich viel Glück gehabt dass ich nach meine Tänzer-Laufbahn hier am Haus bleiben konnte und diese Tätigkeit gemacht habe. Das ist schon ein ganz großes Glück. [...] Man muss ja auch etwas geleistet haben, dass man dieses Angebot kriegt, würdest du bleiben wollen und dies und jenes machen wollen. "

" Ja, es war ein richtiger Abschied. Du gehst aus der Ballettgruppe raus, du nimmst deine Kostüme, du packst deine Privatsachen aus dem Schminkschrank raus und tust das alles verbannen... Doch Tränen sind gekommen. Als ich mit meinen ganzen Blumen in der Garderobe saß und mich abschminkte das war schon, ein Stück von sich abschminkt. Das war's jetzt so. "

Das ist 23 Jahre her. Das erste Leben von Wolfgang Stiebritz am Palast. Das als Tänzer.

Reiner Feustel ist 65 und hat seinen Rentenbescheid bekommen. Er fühlt sich nicht als Rentner, egal, was die Behörden so schreiben. Das Landleben hat andere Gesetze.

" Man ist da reingeboren. Ein Bauer wird nie alt. Das war früher schon in den Bauernhäusern, der alte Großvater, Hauptsache, er konnte noch ein wenig buckeln und wenn er noch Holz gehackt hat oder das Holz rein getragen hat, aber er wollte immer dabei sein. Aber wenn ich nicht arbeite, gehe ich nicht rüber, ich rede ihn jetzt auch nicht mehr rein und sage, dass musst du so machen und so machen. Das muss er machen. Und er macht das. "


Der Alltag ist gegenwärtig, der letzte Schultag noch weit weg. Sehr weit. Jedenfalls war das die Wahrheit für Doris Boehlke bis gestern.

" Wenn Sie mich vor drei Wochen gefragt hätten, hätte ich unbedingt gesagt, wie ich mich freue, nicht mehr in dieser Tretmühle zu sein. Und seit einer Woche oder seit Sie sich gemeldet haben, dann denke ich, Mensch, diese Wänster, die werden mir fehlen. Ich hänge ja sehr an denen. "

Eines hat sie dann aber doch gemacht, damit nichts zu überraschend kommt. Damit sie vorbereitet ist auf etwas, was ja passieren könnte. Als ob man vorbereitet sein könnte auf den Ruhestand.

" Na ja, ich habe zwei Kisten gepackt. Wenn ich mich zu Tode langweile, dann gibt es eine Kiste für Nachhilfeunterricht Deutsch und eine Kiste für Nachhilfeunterricht Latein. Und es gibt natürlich auch eine Kiste mit den Malsachen. Aber das sind nur alles Frustrationen, wenn man feststellt, dass das alles nicht mehr so geht. Wei? ich nicht, ob ich das will. "

Alles ganz normal, sagt Franz-Josef Hohmeyer immer wieder. Als wäre Bergmann ein Beruf wie jeder andere. Als wäre Bergmann kein Beruf, der gefährlich ist. Und als wäre Bergmann kein Beruf, der hierzulande aussterben wird.

" Ich kann nur sagen, ich hatte immer einen abwechslungsreichen Beruf gehabt. Ich war also nie irgendwo fest eingebunden, dass ich nur Strecke aufgefahren habe. Kohle abgebaut habe ich persönlich nie, in 35 Jahren nicht. Und ich hatte immer Sonderaufgaben gehabt. Nicht immer schöne Sonderaufgaben. Zuerst habe ich alte Abbaue abgeschmissen, zugemauert, dann habe ich ganze Gruben Felder stillgelegt, Schächte verfüllt, dann habe ich die Abschlussplanung mitgemacht für ein Bergwerk, das geschlossen werden sollte und das ist auch geschlossen worden.

Habe dann größere Aufgaben, habe hier eine komplette Wasseranlage umgebaut, habe eine Hochdruckwasseranlage unter Tage errichtet. Alles nur noch so Spezialaufgaben die nicht so dem Bergbau entspricht. Deswegen habe ich immer was anderes gehabt, immer wieder was Neues. "

Neu und gefährlich. Manchmal. Homeyer erzählt das nicht gerne.

" Das ist jetzt ...78/79. Da bin unter einen Bruch gekommen. Ich habe einem Kollegen geholfen, der mich gefragt hat, ob ich mal mit anfassen könnte, das habe ich auch gemacht und da ist die Steinplatte runter gekommen und hat mich eingeklemmt. Da lag ich dann unter dem Bruch. Dann haben sie mich da raus geholt. Mir ist dem Sinne nichts passiert, ich hatte nur Prellungen keine Knochenbrüche, nichts. Das ist das Schlimmste was mir passiert ist. Eine Steinplatte hatte sich gelöst du hatte mich da eingeklemmt. Das hätte auch tödlich ausgehen können. "

Franz-Josef Hohmeyer zündet sich eine Zigarette an, nimmt einen tiefen Zug. In seinem Büro hängt ein Plastik-Skelett und auf der Fensterbank stehen Totenköpfe. Das hat nichts zu sagen, meint er. Einfach so. Das wird er bald alles einpacken.

" Viele sagen ja, Euch geht's gut, ihr könnt mit 49 aufhören, aber wir wollen ja gar nicht aufhören. Wer will mit 49 aufhören zu arbeiten. "

Literaturtipps:

Bettina von Kleist
Wenn der Wecker nicht mehr klingelt
Partner im Ruhestand
2006 Links
2008 bei DTV

Ersehnt und gefürchtet zugleich: Der Wechsel vom Berufsleben in den Ruhestand. Gewohnte Abläufe im Alltag sind plötzlich hinfällig, freie Zeit ist im Überfluss vorhanden doch was fängt man mit ihr an? Nicht selten brechen jetzt Konflikte auf und werden Paare in ihrem Verhältnis zueinander noch einmal auf den Prüfstand gestellt: Wie viel Anpassung verlangt die ungewohnt enge Zweisamkeit und wie viel Distanz? Was trägt die Partnerschaft, wenn alte Rollen nicht mehr gelten? Wie sollen gesundheitliche und finanzielle Einschränkungen bewältigt werden? Bettina von Kleist befragte Paare, wie sie mit diesen Herausforderungen umgehen. Lebensnah beschreiben sie, wie sich in der neuen Lebensphase Ehe und Beziehungen wandeln. Daneben hat die Autorin Langzeitstudien und repräsentative Umfragen ausgewertet und macht so, ergänzt durch die Aussagen von Fachleuten, auf Probleme aufmerksam aber auch auf die Chancen, die der neue Freiraum Ruhestand für Paare bietet.


Lars Baus
Nach dem Job
Ein Selbsthilfe-Buch für den Übergang in die dritte Lebensphase.
Pendo 50+
2007 Pendo
Wenn der Beruf das Leben war: Was kommt danach? Der Beruf war Berufung. Der Sinn des Lebens die Arbeit. Jetzt kommt der Fall ins Nichts. Dieses Buch hilft, Prestige und Position, die mit Aufgabe des Jobs verloren gehen, durch andere Werte zu ersetzen. So öffnen sich nun individuelle Möglichkeiten der Entfaltung und des aktiven Engagements. Die praktischen Übungen helfen, die einzelnen Lebensbereiche neu zu gewichten, das Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen und eine erfüllende Zukunft möglich zu machen. Denn nach dem Job fängt das Leben erst richtig an.

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