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StartseiteCampus & Karriere"... und satteln dann um in den sozialen Bereich"06.06.2011

"... und satteln dann um in den sozialen Bereich"

Psychologin untersucht Männer in Frauenberufen

Für Männer ist es immer noch ein großer Schritt, in einem sogenannten Frauenberuf zu arbeiten, sagt Sonja Sobiraj. Männer wechselten häufig erst später in Jobs wie Kindergärtner, Altenpfleger oder Grundschullehrer - offenbar vermissten die Quereinsteiger etwas in den klassischen Männerberufen.

Sonja Sobiraj im Gespräch mit Manfred Götzke

Hilfsbereitschaft ist eine stereotypweibliche Eigenschaft. (AP)
Hilfsbereitschaft ist eine stereotypweibliche Eigenschaft. (AP)

Manfred Götzke: Kindergärtner, Altenpfleger, Grundschullehrer, Floristen. – Genau, es geht um diese seltenen Wesen: Männer in Frauenberufen. Seit einiger Zeit versucht die Politik, die Herren der Schöpfung ja für Berufe zu begeistern, in denen klassischerweise eher Frauen arbeiten. Einerseits, um jungen Männern neue Perspektiven aufzuzeichnen, wenn es um die erzieherischen Berufe geht aber auch, um Kindern männliche Vorbilder zu bieten. Aber was sind das für Männer, die sich für diese Berufe interessieren? Diese Frage hat die Psychologin Sonja Sobiraj von der Universität Leipzig untersucht. Frau Sobiraj, arbeitet in einem Kindergarten ein anderer Männertypus als sagen wir mal in einem Architekturbüro?

Sonja Sobiraj: Das könnte durchaus so möglich sein. Also wir haben uns ja damit befasst, diese Männer mal unter die Lupe zu nehmen, und wir haben eben herausgefunden, dass Männer, die jetzt beispielsweise in der Kindertagesstätte tätig sind, sich sowohl männliche als auch weibliche Kompetenzen zuschreiben.

Götzke: Was heißt das, was sind denn speziell männliche und weibliche Kompetenzen?

Sobiraj: Eine speziell männliche Kompetenz ist zum Beispiel, zu sagen, dass man sich sehr gut durchsetzen kann, also das ist, in unserem Gesellschaftsstereotyp wird das so angesehen, dass das eher Männer können, und eine stereotypweibliche Eigenschaft ist zum Beispiel, dass man sehr hilfsbereit oder feinfühlig ist.

Götzke: Man könnte ja auch sagen, diese Differenzierung – weibliche, männliche Kompetenzen –, die bedienen ja eigentlich nur diese alten Klischees von Rollenbildern?

Sobiraj: Genau, da liegen Sie genau richtig. Also das ist was, das ist ganz alt gewachsen, also das entsteht einfach durch unsere Gesellschaftsstruktur und hat sich über Jahrhunderte gehalten und aufgebaut, und das letztendlich prägt sich dann auch in der modernen Gesellschaft immer noch in die Köpfe ein, dass eben solche Stereotypen über Geschlechter herrschen.

Götzke: Wie bewerten die Männer denn selbst ihre Arbeitsaufgaben? Wir haben ja schon gesagt: Männliche und weibliche Kompetenzen schreiben sie sich zu, was noch?

Sobiraj: Das ist gut, dass Sie das mit der Bewertung der Arbeitstätigkeiten ansprechen. Also diese Männer neigen dann auch im Vergleich zu ihren weiblichen Kolleginnen zum Beispiel dazu, ihre Aufgaben auch mehr männlich und mehr weiblich wahrzunehmen. Also so eine androgyne Redefinition nennen wir das.

Götzke: Androgyn? Das klingt ja spannend, also ein bisschen auch nach zwiespältigen Wesen?

Sobiraj: Ja, aber ich würde es eher als Ressource argumentieren. Also ein Mann, der in seiner Tätigkeit weibliche und männliche Aspekte erkennt, sich auch weibliche und männliche Aspekte zuschreibt, der hat ja einen guten Fit zwischen den beiden Sachen dann. Und das kann man dann eher als natürlich förderlich dafür sehen, dass man eine Arbeitstätigkeit ausüben kann.

Götzke: Sie haben ja auch die Arbeitszufriedenheit der Männer in den Frauenberufen untersucht. Was haben Sie da herausgefunden?

Sobiraj: Hier ist es so, dass das soziale Umfeld eine große Rolle spielt, wenn es um Arbeitszufriedenheit geht, und wir konnten zeigen, dass es eben bei Männern, die mit sehr traditionellen Kolleginnen zusammenarbeiten, also Frauen, die die Vorstellung davon haben, dass Männer eben sehr stark diese geschlechtsstereotypen Eigenschaften eines Mannes aufweisen sollen, dass die Männer, die mit solchen Kolleginnen zusammenarbeiten, höhere Konflikte im Team berichten und somit sie auch in ihrer Arbeit nicht so zufrieden sind.

Götzke: Und andererseits? Wenn die Frauen auch ein modernes Männerbild haben, gibt es weniger Probleme?

Sobiraj: Genau. Dann ist das soziale Klima am Arbeitsplatz was besser, und dadurch ist die Arbeitszufriedenheit auch besser bei den Männern.

Götzke: Sind die Männer in Frauenberufen zufriedener als Männer in Männerberufen?

Sobiraj: Oh, da gibt es ganz verschiedene Studienresultate, also das kann man ganz verschieden diskutieren. Es kommt vielleicht ein bisschen darauf an, worauf man schaut: Also es gibt Studien, die sagen, Männer sind prinzipiell arbeitszufriedener, weil sie eine sehr überlegte Berufsentscheidung zum Beispiel getroffen haben, in diesen Frauenberuf reinzugehen. Andererseits, wenn Sie dann aber wie wir verschiedene andere Aspekte sich noch anschauen im Berufsalltag dieser Männer, findet man aber auch, dass da auch Abstriche zum Teil gemacht werden müssen in der Arbeitszufriedenheit. Und dann kommt es eben auch wieder, dass solche Männer auch unzufriedener sein können als Männer in klassischen Männerberufen.

Götzke: Sie haben es gerade angesprochen, die Männer haben sich sehr bewusst für den Frauenberuf entschieden. Heißt das, es ist immer noch ein sehr großer Schritt, als Mann zu sagen, ich werde Erzieher, ich werde Krankenpfleger?

Sobiraj: Ich glaube, schon. Also häufig kann man beobachten, dass das Männer sind, die quer einsteigen. Das heißt, die haben schon häufig wahrscheinlich eine etwas männlichere Ausbildung gehabt und merken dann irgendwann, dass ihnen vielleicht was fehlt, und satteln dann um in den sozialen Bereich. Also deswegen sind häufig männliche Auszubildende in so Frauenberufen auch einen Tick älter als ihre weiblichen Mitauszubildenden. Und das deutet eben genau darauf hin, das ist wohlüberlegt und das dauert eben eine Weile, ehe man vielleicht auch solche gesellschaftliche Barrieren überwindet. Das geht vielleicht noch nicht, wenn man sehr jung ist.

Götzke: Es scheint aber ein weiter Weg zu sein bis dahin, dass diese Rollenklischees überwunden werden, oder?

Sobiraj: Genau, aber es wäre ein wichtiger erster Schritt, vielleicht auch schon in der Schule anzufangen, wie es zum Beispiel zum Boys'Day jetzt versucht wird, auch Jungen schon davon zu begeistern oder einfach, sie aufzuklären. Weil ich glaube, häufig herrschen einfach falsche Vorstellungen davon, was in den Berufsfeldern gemacht wird, die dann abschreckend sind.

Götzke: Die Psychologin Sonja Sobiraj hat sich mit Männern in Frauenberufen und deren Arbeitszufriedenheit auseinandergesetzt. Vielen Dank!

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