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StartseiteKalenderblattUnerhörte Töne24.04.2007

Unerhörte Töne

Volker Brauns "Übergangsgesellschaft" erntete Argwohn bei der DDR-Führung

Der Lyriker, Prosa-Autor und Dramatiker Volker Braun war ein kritischer Beobachter des sozialistischen Systems in der DDR. Sein Stück "Die Übergangsgesellschaft" gleicht einem Abgesang auf die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR. Vor 20 Jahren wurde es in Bremen uraufgeführt.

Von Heinz Klunker

Der Schriftsteller Volker Braun. (AP-Archiv)
Der Schriftsteller Volker Braun. (AP-Archiv)


"In einem kühlen Grunde mein Liebchen ist verschwunden, die dort gewohnt hat."

"Wir haben die Morgenröte entrollt, um in der Dämmerung zu wohnen. Die Revolution kann nicht als Diktatur zum Ziel kommen. Wir zahlen Tribut an die tote Zukunft."

Unerhörte, auf DDR-Bühnen bislang ungehörte Töne! Ein Vorschein jener Glasnost-Hoffnungen, die Gorbatschow Jahre später erst propagieren sollte. Volker Brauns "Übergangsgesellschaft" lag bereits 1982 vor und verfiel, wie fast alle Stücke dieses sanften Provokateurs, einer bösen Konfliktgeschichte von Verkennung, Verzögerung und Verhinderung in einer kulturpolitisch eng geführten DDR. Einer der das Theater zum Laboratorium sozialer Fantasie machen wollte, die Bühne für gesellschaftliche Experimente okkupieren, die im wirklichen Leben zu teuer und zu gewagt wären, durfte seine Texte nicht sinnvoll ausprobieren, wenn sie auf der Tagesordnung standen.

"Ich bleib im Lande und nähre mich im Osten / Mit meinen Sprüchen, die mich den Kragen kosten / In anderer Zeit, noch bin ich auf dem Posten [...] Die Bleibe, die ich suche, ist kein Staat / Mit zehn Geboten und mit Eisendraht [...] Wie komm' ich durch den Winter der Strukturen."

Aufmüpfig und melancholisch zugleich fahndet der Lyriker Braun nach einem Leben, "das nicht vergeben wird". Der Stückeschreiber muss kämpfen, wittert aber Morgenluft: Seine realitätsgesättigte, von der dogmatisierten Obrigkeit ungeliebte Komödie wird in Berlin verängstigt von einem Theater zum anderen gereicht, und also immer schmerzhaft-gegenwärtiger.

"Sie hat die Treu gebrochen, dann ging das Band entzwei."

Also erlebte die "Übergangsgesellschaft" im ansonsten verpönten Westen - in Bremen ihre Uraufführung: am 24. April 1987. Selbst der Autor war erstaunt, wie spielbar sich das Stück ohne alle DDR-Hypotheken erwies; verständliche Irritationen und allfällige Missverständnisse verdankten sich den herrschenden deutsch-deutschen Entfremdungsverhältnissen. Sie waren dann wie weggewischt, als die "Übergangsgesellschaft" im März 1988 dort ankam, wo sie hingehörte und sich zu entfalten vermochte.

Volker Braun hatte angesichts einer außergewöhnlichen Inszenierung von "Drei Schwestern", seit Januar 1979 am Berliner Maxim-Gorki-Theater gespielt mit ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, Sehnsüchten und Resignationen, den Tschechow zu einem Frustrationsendspiel in die realsozialistische DDR fortgeschrieben. Das gleiche Figuren-Arsenal sah sich von Thomas Langhoff, demselben Regisseur, nun in Brauns Stück in eine Gegenwartsszene versetzt, die zum Affront wurde zu den herrschenden DDR-Verhältnissen und sie zum Tanzen brachte.

Im Gegensatz zu der ästhetisch subtilen, gleichwohl psychologisch eindrücklichen Berliner Version der "Übergangsgesellschaft" hatte die Dresdner Inszenierung von Irmgard Lange - die Premiere war am 14. Oktober 1988, in Anwesenheit des Perestrojka-Bezirksparteichefs Hans Modrow - Volker Brauns dialektisches Kunststück ideologisch entschlüsselt und politisch radikalisiert. Entpuppte sich Tschechows Personal in Berlin aus feinen Folien, so traten sie hier aus krudem Packpapier in die DDR-Realität ein. Was gedacht war als Meilenstein in die Zukunft einer offeneren Gesellschaft, vielleicht eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz, das erwies sich dann als Grabstein in der Sackgasse einer erstarrten zukunftsuntauglichen realsozialistischen Deutschen Demokratischen Republik.

Als erste DDR-Inszenierung eines DDR-Stückes wurde "Die Übergangsgesellschaft" bei einem Festival in der Bundesrepublik präsentiert - bei den Mülheimer "Stücken" im Mai 1988. Volker Braun heute:

"Wenn in einer Gesellschaft nichts mehr zu erwarten ist - das war das Grundgefühl -, dann bedarf es des radikalen Bruchs mit der alten Existenz. Das ist das, was wir fürchten und wozu die Kunst ermutigt."

"Ich möcht' am liebsten sterben, dann wärs auf einmal still."

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