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StartseiteKultur heutePeinliches, zähes Sinnsucher-Stück06.03.2015

"Unerträglich lange Umarmung" Peinliches, zähes Sinnsucher-Stück

Zwei Frauen und zwei Männer in ihren privaten, sexuellen Verwicklungen. Sie suchen nach so etwas wie Sinn in ihrem Leben. Ein Stück darüber, "wie Menschen wieder aufwachen und ihr Leben neu entdecken", so formuliert es der Autor Iwan Wyrypajew. Das Deutsche Theater in Berlin hat jetzt Wyrypajews Stück "Unerträglich lange Umarmung" aufgeführt. Andrea Moses führte Regie.

Von Hartmut Krug

Zwei Männer, zwei Frauen, drei aus Osteuropa, einer aus Amerika, treffen in New York aufeinander und suchen nach dem echten Leben. Es sind Menschen um die Dreißig und hülsenhaft leere Prototypen, denen der Autor Iwan Wyrypajew ein Leiden an der sogenannten Plaste-Welt verordnet hat.

Mit ihnen, aber ohne sie und ihre Lebensrealität genauer zu benennen, sucht Wyrypajew nach dem Sinn und der Echtheit des Lebens. Nachdem der Autor mit dem Stück "Sauerstoff" vor über zehn Jahren über die Moral in der Sowjetunion nachgedacht hatte, schrieb er mehrere Auftragsstücke für deutsche Bühnen, in denen redselige Figuren nach existenziellen Wahrheiten in der westlichen Welt suchten. Auch die "Unerträglich lange Umarmung" ist ein Sinnsucher-Stück.

Es beginnt mit der Hochzeit von Monika und Charlie, doch auf das Glück folgen Schwangerschaft und eine emotional nicht verarbeitete Abtreibung. Während Monika zuhause weint, trifft Charlie zufällig eine ehemalige Freundin:

Charlie: "Jetzt trifft Charlie auf der Straße seine ehemalige Freundin Emmy, sie gehen zu ihr nach Hause, um darüber zu reden, wie beschissen es ihnen „in dieser Plastewelt geht, in der keiner etwas fühlt und es so scheint, als ob nun verfickt noch mal alles in den Arsch geht."

Charlie: "Jetzt streift Charlie Emmys Höschen herunter und legt sich auf sie drauf."

Emmy: "Jetzt dringt Charlie langsam in Emmy ein, Emmy schließt die Augen und flüstert, - ich will ins Paradies, Charlie."

Charlie: "Ich bin doch nicht Herrgott, Emmy, ich bin einfach Charlie, - flüstert Charlie."

Emmy: "Hi, Charlie, - flüstert Emmy, - willkommen in mir, in meinem Innersten. Jetzt scheint Emmy, dass sie und Charlie zusammen sein sollten, die verfickte Plastewelt um sie drumherum aber so eingerichtet ist, dass alles kopfsteht."

Viel "verfickt"-Geschimpfe

Wyrypajews Figuren tragen ihre Monologe mit viel "verfickt"-Geschimpfe vor und lassen ihre Handlungserzählungen oft mit einem "jetzt" beginnen. Sie haben viel Sex und erzählen gern davon, ob anal oder oral, ohne ihn zu zeigen und auch ohne letztlich glücklich zu sein. Doch immer, wenn sie kurz vor dem freiwilligen oder unfreiwilligen Tod stehen, kommt Hilfe aus dem Universum.

Eine Stimme aus einer fernen Galaxie gibt ihnen einen Impuls oder eine Telefonnummer zu einem Kontakt mit einem Menschen auf der Erde, während ein Delfin oder ein buntes Muster helfen, Erkenntnisse zu gewinnen. Doch mancher verschmilzt voller Selbsterkenntnis mit einem blauen Punkt oder einer roten Blume. Bedeutungskitsch, wohin man hört. Vor allem, wenn Figuren glücklich werden, indem sie sich selbst dem Tod anheimgeben:

Emmy: "Eine 'ich liebe dich Charlie'-Zelle hält eine 'Verzeih Emmy, aber ich liebe meine Frau Monika'-Zelle in unerträglich langer Umarmung fest. Millionen Zellen haben sich in der unendlichen Weite des Universums gefunden. Millionen Zellen umarmen Millionen andere Zellen."

"So ist das Universum, Emmy, - hört man die bekannte Stimme aus der anderen Galaxie. Verficktnochmal!, - antwortet Emmy, und Millionen ihrer Zellen umarmen Millionen von Charlies Zellen noch inniger."

Charlie: "Das ist das Universum, Charlie, - sagt der Delfin."

"Verficktnochmal!, - schreit Charlie."

Spielfreudige Darsteller

Viel prätentiöser Schwulst also, der von unfreiwilliger Komik geprägt ist. Dabei fragte man sich nach der Lektüre, Auftragswerk hin oder her, warum und wie dieses Stück überhaupt auf die Bühne gebracht werden musste und konnte.

Regisseurin Andrea Moses bekam den Text mit ihren vier Darstellern, die, man sagt wohl, äußerst "spielfreudig" wirkten, in der ersten Hälfte des knapp zweistündigen Abends immerhin erstaunlich gut in den Griff. Weil ihre Schauspieler, die anfangs in einer Reihe auf Stühlen frontal zum Publikum saßen, die Texte mit durchaus leicht ironischer Lebendigkeit gaben.

Wie Moritz Grove, Julia Nachtmann, Franziska Machens und Daniel Hoevels ihre schrecklich wesentlichen Figuren so scharf und witzig zu charakterisieren versuchten, dass man ihnen eine Zeit lang gern zusah, das verlangt ihre eben erfolgte namentliche Nennung. "Natürlich" war die Bühne in den Kammerspielen anfangs völlig umhüllt von Plastebahnen, wo doch Wyrypajews Figuren sich wie in einer Plastewelt fühlten. Hier zogen sich alle mal aus oder um und kletterten gelegentlich ins seitliche Bühnengestänge.

Leider aber ließ die Regisseurin Wyrypajews Text völlig ungekürzt spielen. Da dieser aber immer redundanter und peinlich bedeutungsschwangerer war, wurde die Aufführung so zäh wie langweilig und insgesamt eher zu einem theatralen Desaster.

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