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StartseiteCampus & Karriere"Dramatischer Lehrermangel"29.01.2014

UNESCO-Bildungsbericht"Dramatischer Lehrermangel"

Die Weltgemeinschaft hinkt bei der Bildung ihren selbst gesetzten Zielen hinterher. Noch immer können 250 Millionen Kinder nicht lesen und schreiben. Auch in den Industrieländern bleibe noch einiges zu tun, sagte UNO-Bildungsexpertin Barbara Malina.

Barbara Malina im Gespräch mit Sandra Pfister

Schüler in der kenianischen Stadt Eldoret beim Computer-Unterricht. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
Schüler in der kenianischen Stadt Eldoret beim Computer-Unterricht. (picture alliance / dpa / Andreas Gebert)
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UNESCO-Bericht - Wege aus der globalen Bildungskrise (DLF, 29.11.2014, Aktuell)

Sandra Pfister: Die Vereinten Nationen werden ihre Millenniumsziele in der Bildung nicht erreichen. Sie hatten sich feierlich vorgenommen, bis zum kommenden Jahr die Zahl der Analphabeten auf der Welt zu halbieren und allen Kindern kostenlosen Zugang zu Grundschulen zu verschaffen. Aber aus Bildung für alle wird nichts. Der Weltbildungsbericht der UNESCO zeigt heute, weltweit können 250 Millionen Kinder im Grundschulalter weder schreiben noch lesen, ob sie nun eine Schule besucht haben oder nicht. Wir reden darüber mit Doktor Barbara Malina, der Bildungsexpertin bei der deutschen UNESCO-Kommission. Frau Malina, wir reden hier über Länder wie Indien, Pakistan, Nigeria, aber auch Brasilien. In denen haben viele Kinder nicht mal elementare Fähigkeiten, die sie aus der Schule mitnehmen. Wenn ich Ihren Bildungsbericht richtig verstehe, sagen Sie, es liegt oft an den Lehrern. Sind die so schlecht?

Barbara Malina: Nein. Der Bericht stellt allerdings fest, dass in vielen Entwicklungsländern zu viele Lehrer nicht oder nicht gut ausgebildet sind. Hinzu kommt ein dramatischer Lehrermangel in vielen Ländern. Der Bildungsbericht geht davon aus, dass wir weltweit 5,2 Millionen neue Lehrer einstellen müssen, damit alle Kinder eine Grundschulbildung erhalten. Deshalb fordert der Bericht neben besserer Lehrerausbildung auch stärkere Anreize, den Lehrerberuf zu ergreifen. Das bedeutet zum Beispiel angemessene Bezahlung und auch gute Arbeitsbedingungen.

Pfister: Angemessene Bezahlung, da wären wir ja wahrscheinlich an einem Punkt, der für viele ärmere Länder wirklich schwierig ist. Ist dann dieses Bildungsdefizit im Endeffekt nicht doch ein Armutsproblem? Die Länder haben kein Geld, Lehrer anständig zu bezahlen oder in ihre Ausbildung zu investieren – oder ist Armut keine Ausrede für schlechte Schulbildung?

Malina: In der Tat wird insgesamt zu wenig Geld in die Bildung investiert. Diese Finanzierungslücke könnte aber geschlossen werden mit vereinten Kräften der Länder und auch der Geber. Das zeigt der Bericht ganz deutlich. Bildung muss einfach höher auf die politische Agenda, bei ärmeren Ländern kann zum Beispiel ein gut funktionierendes Steuersystem, das tatsächlich alle Einwohner, auch die Eliten mit einschließt, sehr viel erreichen. Und die damit verbundenen höheren Einnahmen könnten viel zusätzliches Geld für die Bildung bereitstellen. Der Bericht zeigt auch ganz deutlich, nicht die fehlende Bildung ist ein Armutsproblem, sondern die Armut kann durch Bildung bekämpft werden. Sie kann langfristig auch nur durch Bildung bekämpft werden. Bildung und nur Bildung befähigt den Menschen, einen Beruf zu erlernen und seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Das heißt, langfristig wird die Armut nur durch Bildung zu beseitigen sein. Und deshalb lohnt es sich auch, das Geld hier zu investieren.

Soziale Unwuchten in den Industrieländern

Pfister: Da müssen Sie wahrscheinlich dicke Bretter bohren, oder?

Malina: Durchaus muss sowohl bei den Nehmerländern als auch bei den Geberländern Bildung eine höhere Priorität haben, also das trifft für beide zu.

Pfister: Heißt das denn umgekehrt, weil wir gesagt haben, Armut ist keine Entschuldigung für schlechte Bildung, bei uns ist alles in Ordnung, weil wir in einem reichen Land leben? Also unsere Schulen werden den Schülern im Wesentlichen gerecht nach ihrem Bericht?

Malina: Bei uns ist die Situation in der Tat nicht vergleichbar mit dem, was wir gerade besprochen haben. Allerdings stellt der Bericht auch in Industrieländern durchaus Probleme fest. So werden auch die Bildungssysteme von Industrieländern häufig benachteiligten Schülern nicht gerecht. Die Lehrer werden auch hier zum Teil nicht gut auf den Unterricht mit benachteiligten Kindern vorbereitet. Das betrifft zum Beispiel Schüler mit Behinderungen oder auch Schüler mit Migrationshintergrund. Also auch hier ist einiges zu tun.

Pfister: Das war Barbara Malina, die Sie da gerade gehört haben, die Bildungsexpertin der deutschen UNESCO-Kommission. Denn heute ist der Weltbildungsbericht der Vereinten Nationen erschienen. In ihm steht, dass weltweit 250 Millionen Kinder kaum lesen und schreiben können. Es sind da keine großen Fortschritte zu verzeichnen gewesen in den vergangenen Jahren. Danke Ihnen, Frau Malina!

Malina: Bitte schön!

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