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StartseiteCampus & KarriereKlassenziel verfehlt09.04.2015

UNESCO-WeltbildungsberichtKlassenziel verfehlt

Heute gehen weltweit 50 Millionen Kinder mehr zur Schule als 1999. Das ist aber auch das einzig positive Ergebnis des aktuellen UNESCO-Weltbildungsberichts. Noch immer gibt es zu viele Analphabeten, zu wenig Bildungschancen für Frauen und kaum internationale Partnerprojekte, kritisiert Ex-UNESCO-Kommissionspräsident Walter Hirche im DLF.

Walter Hirche im Gespräch mit Markus Dichmann

Kinder stehen auf einem Müllberg im Slum Kibera in Nairobi. (picture alliance / dpa / Carola Frentzen)
Walter Hirche (UNESCO): "Wir müssen insbesondere für Mädchen- und Frauenbildung in den nächsten Jahren eine Menge tun." (picture alliance / dpa / Carola Frentzen)
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Weiterführende Information

Unicef-Bericht - Arme Kinder in reichen Ländern
(Deutschlandfunk, Aktuell, 28.10.2014)

Indien - Keine Bildung für arme Kinder
(DRadio Wissen, Globus, 12.05.2011)

Markus Dichmann: Alle Kinder dieser Welt sollen als absolutes Minimum eine Grundschulausbildung erhalten. Das war der Plan im Jahr 2000, vor 15 Jahren, das war der Plan der Vereinten Nationen, dem auch ein Name und ein Budget gegeben wurden: "Bildung für alle" hieß das UN-Projekt, auf eben 15 Jahre angelegt, und heute mit dem UNESCO-Weltbildungsbericht können wir ein Fazit ziehen – und es ist ein ziemlich ernüchterndes Fazit. Es ist gerade mal die Hälfte aller Staaten dieser Welt geworden, die den Kindern eine Grundschulausbildung gewährt, die Zahl der Analphabeten sollte halbiert werden, das hat ebenfalls in Dreiviertel aller UN-Länder nicht funktioniert, und insgesamt sind die Bildungsziele nur von einem Drittel der Mitgliedsstaaten umgesetzt worden.

Ich kann jetzt Walter Hirche in der Sendung begrüßen, langjähriger Präsident der deutschen UNESCO-Kommission und heute Vorsitzender ihres Bildungsausschusses. Guten Tag, Herr Hirche!

Walter Hirche: Einen schönen guten Tag, Herr Dichmann!

Dichmann: Sind Sie heute eigentlich nicht bodenlos enttäuscht, wenn Sie diese Ergebnisse hören?

Hirche: Nein, die Ergebnisse überraschen leider nicht, wir haben ja die Entwicklung in den letzten Jahren schon gesehen. Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, und es ist auch keine Entschuldigung, dass in der Zwischenzeit die Weltbevölkerung vielleicht stärker gewachsen ist, als man im Jahr 2000 angenommen hat. Wenn immer noch 100 Millionen Kinder weltweit die Grundschule nicht abschließen, dann ist das ein trauriges Signal für die Zukunft.

"Zusammenhang von Armut und Bildung ist unterschätzt worden"

Dichmann: Wenn ich mir diese so ganz simple Frage erlauben darf – und ich weiß, es wird sicherlich nicht einen Grund haben –, aber Herr Hirche: Woran lag es, wieso ist so wenig erreicht worden?

Hirche: Das hat verschiedene Ursachen. Einmal ist es in den Ländern offenbar nicht gelungen, eine ausreichende Zahl von Lehrern rechtzeitig auszubilden. Man hat auf Zugang zu Schulen geguckt und gesagt, dass da Anmeldungen erfolgen, aber keine qualifizierten Lehrer gehabt, und das heißt, viele Kinder sind auch vielleicht eingeschult worden, aber haben dann die Schule wieder verlassen.

Es ist auch nach wie vor der Zusammenhang zwischen Armut und Bildung unterschätzt worden, denn in vielen Ländern ist es so, dass wir Kinderarbeit haben und die Eltern fast die Einkünfte der Kinder brauchen, weil sie selber nicht genug haben. Also dieser Zusammenhang ist unterschätzt worden.

Überhaupt die Vernetzung der Probleme ist von vielen der Regierenden in den einzelnen Staaten nicht erkannt worden, und wir im Norden der Erdkugel, wir haben uns konzentriert auf unsere eigene Situation und im Süden nicht genug darauf geguckt, dass die Bildungsstrukturen besser ausgebaut werden.

"Bildung muss anders organisiert werden"

Dichmann: Hat der Norden also, wenn ich Sie richtig verstehe, dem Süden nicht genügend unter die Arme gegriffen.

Hirche: So ist es. So ist es – vor allen Dingen auch geglaubt, Entwicklungshilfe hat dann schon ihr Ziel, wenn wir hier mal ein Krankenhaus und dort eine Straßenverbindung einweihen und bezuschussen. Aber das sind Augenblicksprojekte, die sind notwendig, aber viel notwendiger oder man kann sagen existenzieller ist eben, jetzt die Jugend auszubilden, damit die morgen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen können und eben nicht mehr auf Hilfe von außen angewiesen sind.

Dafür müssen Gelder umgesteuert werden, aber es muss auch mehr Qualität in die Bildungseinrichtungen selber kommen. Es muss vielleicht mehr Verbindung auch von Bildung mit praktischen Problemen, also mit der Lösung von Gesundheitsfragen, mit Ernährungsfragen gemacht werden. Insofern muss Bildung ein bisschen anders organisiert werden als in der Vergangenheit.

Dichmann: Da sprechen wir jetzt an dieser Stelle aber oft auch von der Verantwortung der einzelnen Mitgliedsstaaten, solche Projekte zu verwirklichen. Wir wissen, die UN kann da nichts erzwingen, aber trotzdem: Haben sich die UN, auch die UNESCO vielleicht selbst Fehler zuzuschreiben bei dieser Entwicklung?

Hirche: Also es ist so, dass man, glaube ich, zu lange geglaubt hat, wenn man Ziele aufstellt, dann werden die schon erreicht. Klar geworden ist, es muss – wie das so neudeutsch heißt – gemonitort werden, es muss überprüft werden, es muss kontrolliert werden, und dann müssen Weichen neu gestellt werden, es müssen also Schrauben anders angezogen werden oder anders angesetzt werden. Das ist nicht ausreichend gemacht worden, und es sind vielleicht zu viele Schönwetterberichte gemacht worden.

Das ist ja gerne so, damit ein Staat gut dasteht oder besser dasteht, und dann wird erst mal gesagt, wir schaffen das und wir machen das. Und das wird nicht mehr ausreichen in Zukunft.

Der neue Ansatz ist ja für die Entwicklungsziele, die die UN-Vollversammlung im Herbst dieses Jahres beschließen will, dass wir nicht getrennte Ziele jetzt für Nord und Süd aufstellen, sondern dass die Welt in der Gesamtverantwortung ist, und wir im Norden müssen eben auch gucken, in Partnerschaften, in Kooperationen mit Staaten im Süden, dass die besser vorankommen.

Und die schwierigsten Situationen sind nach wie vor in den Subsahara-Staaten, also insbesondere in Afrika, aber auch Südostasien haben wir viele Problemkinder. Südostasien ist ein Beispiel, Myanmar, wo die Situation ganz schlecht ist im Augenblick, allerdings in letzter Zeit einige Anstrengungen unternommen werden, aber in Afrika ist es eben so. In Mali und Niger und Tschad, in diesen Staaten, die auch in kriegerischen Wirren sind, ist der Ausbau des Bildungssystems sehr langsam vorangekommen.

"Das Tempo reicht einfach nicht aus"

Dichmann: Herr Hirche, gibt es denn bei aller Enttäuschung über diesen Bericht auch irgendetwas Positives, was wir aus den letzten 15 Jahren herauslesen können?

Hirche: Es ist ganz sicher als positiv zu verzeichnen, dass heute auf der Welt 50 Millionen mehr Kinder in die Schule gehen als 1999, das ist schon mal positiv, aber das Tempo reicht einfach nicht aus. Auch im Bereich der Erwachsenenbildung haben wir die Verbesserung weitgehend daraus zu erklären, dass eben mehr Jugendliche in die Schule gegangen sind und dann natürlich nicht mehr Analphabeten sind als Erwachsene, aber wir werden noch über einige Jahrzehnte mit einem großen Anteil an Analphabeten zu rechnen haben. Und was mich besonders bedrückt, ist eben, dass nach wie vor Mädchen oder Frauen besonders benachteiligt sind in der Bildungsbeteiligung.

Da aber Frauen oft die alleinige Verantwortung noch tragen für Kleinkindererziehung, droht sich damit eine negative Entwicklung fortzusetzen in die Zukunft. Das bedeutet, wir müssen insbesondere für Mädchen- und Frauenbildung in den nächsten Jahren eine Menge tun.

Dichmann: In "Campus & Karriere" haben Sie gerade Walter Hirche gehört, langjähriger Präsident der Deutschen UNESCO-Kommission, heute Vorsitzender ihres Bildungsausschusses. Danke für das Gespräch, Herr Hirche!

Hirche: Danke, Herr Dichmann!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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