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StartseiteEuropa heuteUngarns Weg in die Armutsfalle07.11.2006

Ungarns Weg in die Armutsfalle

Zahl der Obdachlosen in Budapest steigt

Die jüngsten Unruhen in Ungarn galten vielen als Warnsignal. Tatsächlich musste die Bevölkerung einen hohen Tribut für die Sozial- und Wirtschaftsreformen der jüngsten Vergangenheit entrichten. Die Zahl der Armen hat dramatisch zugenommen. Alexander Kleider berichtet über die Obdachlosen in Budapest.

Der Glanz Budapests täuscht über die Armut an den Stadgrenzen hinweg. (AP Archiv)
Der Glanz Budapests täuscht über die Armut an den Stadgrenzen hinweg. (AP Archiv)

Der 35-jährige Csaba und seine Mutter leben seit sieben Jahren in einer rund acht Quadratmeter großen Hütte in einem Wald am Stadtrand von Budapest. Csaba hat die Behausung aus alten Fensterrahmen, Holzpaletten und Plastiktüten selbstgebaut.

"Im alten System hatten wir noch Wohnung und Arbeit. Ich hatte eine Stellung als Rettungspfleger. Meine Mutter war Erzieherin. Anfangs wohnten wir zur Untermiete, dann konnten wir die Miete nicht mehr bezahlen und kamen hierher. Die ungarische Regierung sagt zwar allerhand über soziale Hilfen, aber selbst viele Rentner können nicht mehr von ihrer Rente überleben. Es ist unmöglich."

Csabas Mutter liegt nach zwei Gehirnschlägen gelähmt im Bett. Sie ist auf seine Betreuung angewiesen.

"Meine Mutter liegt hier 24 Stunden. Ich kaufe ein, koche, und ich wasche sie. Eigentlich sollte sie eine spezielle Diät bekommen, da sie eine Bauchspeichelentzündung hatte. Finanziell ist das aber leider nicht drin. Zum Glück gibt es nette Menschen, die ab und zu kommen und mir eine kleine Arbeit anbieten."

Doch Csabas Mutter hat Angst vor dem Alleinsein in der Hütte.

"Wie oft haben sie im Wald das hohe Gras schon angezündet, die Feuerwehr musste kommen, damit ich nicht verbrenne. Deshalb wäre es gut, wenn ich möglichst bald in ein soziales Altersheim käme. Ich bitte sie sehr um Hilfe, damit ich hier bald wegkomme."

Csaba hat ebenfalls einen bescheidenen Wunsch für die Zukunft:

"Ich wünsche mir, dass die Leute, die ganz unten sind wenigstens eine Stufe gehoben werden könnten."

Tiefe Falten durchziehen Csabas Gesicht. Sie lassen ihn viel älter wirken, als er eigentlich ist. Gemeinsam müssen er und seine Mutter mit insgesamt 272 Euro Sozialhilfe und Pflegegeld monatlich auskommen. Davon können Sie wegen der stark gestiegenen Lebenshaltungskosten in den Wintermonaten nicht einmal Kohlen für den kleinen Metallofen kaufen.

Ähnlich ergeht es dem Rentnerpaar Hutocki, das seit 1999 in einer ebenfalls selbstgebauten Hütte unweit von Csaba und seiner Mutter wohnt. Die 383 Euro Rente reichen auch bei ihnen nicht für eine Mietwohnung aus.

"Die Scheidung von meiner Ex-Frau stürzte mich in die Armut. Am schwersten sind die großen Unterschiede zwischen den Menschen zu ertragen. Die, die sich in den Millionen suhlen, geben seltener etwas für Arme als Menschen, die selbst nicht viel Geld für sich zur Verfügung haben. Es gibt einen jungen Mann, der bringt uns hin und wieder etwas Futter für unsere Hunde. Heute brachte er ein Stück Schinken. Ich hab daran gerochen, und morgen essen wir es zum Frühstück."

Das Innere der Hütte von den Hutockis entspricht in keinster Weise dem Klischee des verwahrlosten Obdachlosen. Akribische Ordnung herrscht in der Kochnische, akkurat sind die Bücher im Regal geordnet. In einem kleinen Anbau halten sich die Hutockis zwei Schweine, einige Hühner und Hasen. Sie verkaufen sie auf Märkten und bilden so ein kleines Zubrot zur mageren Rente, so wie die Weinbergschnecken, die sie im Frühjahr sammeln und an die Feinschmeckerrestaurants verkaufen.

"In diesem Land sind 10 Prozent sehr reich, 20 Prozent leben gut, aber die Hälfte hungert. Schrecklich, was in diesem Land passiert."

Tausende Menschen leben auf diese Weise rund um Budapest. Noch will von offizieller Seite niemand das Wort Slum in den Mund nehmen. Verstärken sich die Probleme aber in den kommenden Jahren, könnten sich Elendsgürtel, ähnlich denen in Südamerika, um die ungarische Metropole legen.

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