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StartseiteInformationen am Mittag"Die unteren 40 Prozent sind ausgeschlossen"07.10.2019

Ungleiche Lohnentwicklung in Deutschland"Die unteren 40 Prozent sind ausgeschlossen"

Die mittleren Einkommen in Deutschland sind deutlich gestiegen, besagt eine neue Untersuchung des gewerkschaftsnahen WSI - aber zwei Fünftel der Beschäftigten sind demnach von dieser Entwicklung ausgeschlossen. Die Studien nennt auch Gründe dafür und schlägt Maßnahmen dagegen vor.

Von Gudula Geuther

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Hände halten Euroscheine. (Unsplash / Christian Dubovan)
Große Teile der Bevölkerung bekommen vom allgemeinen Anstieg der mittleren Einkommen "wenig bis gar nichts ab", sagt die Studien-Hauptautorin Dorothee Spannagel. (Unsplash / Christian Dubovan)
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Das Einkommen in Deutschland ist immer ungleicher verteilt. Jedes Jahr befragt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahmen Hans-Böckler-Stiftung 25.000 repräsentativ ausgewählte Menschen. Demnach hält der Trend der vergangenen Jahre weiter an: Relativ gesehen nimmt die Zahl der Armen zu. Arm ist nach dieser Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. 2010 waren das noch 14,2 Prozent. Die Studie untersucht Werte von Ende 2016. Da war die Zahl auf 16,7 Prozent gewachsen.

Diese Entwicklung hat verschiedene Ursachen, erläutert die Hauptautorin der Studie Dorothee Spannagel. Eine davon ist durchaus positiv. Die mittleren Einkommen sind deutlich gestiegen: "Wir haben tatsächlich in den vergangenen Jahren eine sehr gute Entwicklung auch bei den Löhnen. Wir haben Lohnsteigerungen, die auch nicht nur die obersten Lohngruppen betreffen, sondern die bis in die Mitte der Lohnhierarchie hineinreichen".

Ungleiche Lohnentwicklung

Menschen mit einem festen Einkommen hätten so auch inflationsbereinigt spürbar mehr Einkommen zur Verfügung gehabt. Aber, fügt Dorothee Spannagel hinzu: "Die etwa unteren 40 Prozent der Lohn- oder Einkommensbezieher sind dabei systematisch ausgeschlossen und kriegen von dieser Lohnentwicklung wenig bis gar nichts ab". Allein diese Entwicklung führt bei dem relativen Armutskriterium dazu, dass die Armen außerdem immer ärmer werden."Wenn man sich anguckt, wie viel Geld diesen Haushalten fehlt, um über diese 60-Prozent-Armutsgrenze zu kommen, sieht man, dass da die so genannte Armutslücke in den letzten Jahren deutlich angestiegen ist. Das heißt, sie sinken immer weiter nach unten".

Im Schnitt fehlten armen Haushalten 3.400 Euro im Jahr bis zur 60-Prozent-Grenze. Dass immer mehr Menschen nicht von Lohnsteigerungen profitieren, führt die Studie auf mehrere Faktoren zurück: ein immer größerer Niedriglohnsektor, immer weniger Tarifbindung und damit typischerweise größere Einkommensspreizung auch innerhalb eines Betriebes. Zuletzt hatte die größte Ungleichheit 2005 bestanden, in den ersten Jahren danach hatten sich die Einkommen wieder mehr angeglichen. Nun ist nach den Daten der Böckler-Stiftung ein neuer Höchsttand erreicht.

Niedriglohnsektor bekämpfen

Von Anfang an ging dabei die Schere im Osten Deutschlands weniger weit auseinander. Das bleibt auch weiterhin so. Allerdings verringert sich der Unterschied. Mit anderen Worten: Die Ungleichheit im Osten wächst schneller als im Westen. Insgesamt aber steigt sie deutlich weniger schnell als noch zu Beginn des Jahrtausends. Wenig gewachsen ist der Anteil der besonders Reichen und liegt bei rund acht Prozent, wobei der Prozentsatz der Reichen und sehr Reichen im Osten leicht gesunken, im Westen leicht gestiegen ist. Gleichwohl geht die Böckler-Stiftung davon aus, dass die Steuerpolitik der vergangenen Jahrzehnte die Spreizung begünstigt habe.

Die Maßnahmen, die die Studienautoren empfehlen, setzen hier an. Daneben aber vor allem im unteren Bereich: Mit der Bekämpfung des Niedriglohnsektors, auch mit höheren Mindestlöhnen – und mit weniger Möglichkeiten, diesen Mindestlohn zu umgehen. Hartz-IV-Leistungen sollen nach den Vorstellungen so erhöht werden, dass sie nicht mehr – wie derzeit zum Teil – unter der 60-Prozent-Marke liegen. Und – so fordert Spannagel – Beratungsangebote für Problemgruppen – etwa Menschen mit hohen Schulden oder Suchtproblemen – sollten verbessert werden.

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