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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWissenschaft zwischen Krieg und Fortschritt24.10.2019

Universitäten in AfghanistanWissenschaft zwischen Krieg und Fortschritt

Afghanistan kommt nicht zur Ruhe. Unverändert flüchten viele junge Menschen, auch angehende Akademiker, aus dem Land. Ursachen sind mangelnde Sicherheit und fehlende Arbeitsmöglichkeiten. Gleichzeitig drängen immer mehr Abiturienten in afghanische Universitäten, doch die sind veraltet.

Von Martin Gerner

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Afghanische Studenten in Kabul bei der Abschlussfeier (picture alliance / dpa / S. Sabawoon)
Afghanische Studenten in Kabul bei der Abschlussfeier (picture alliance / dpa / S. Sabawoon)
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In der Avicenna Privatuniversität in Kabul drängen sich junge Frauen mit Kopftuch an bewaffneten Kontrollposten vorbei. Ein dreistöckiger Büro-ähnlicher Komplex. Ali Amiri lehrt hier Religionswissenschaften und Philosophie. Seit Jahren gehen ihm Studenten verloren, weil sie nach Deutschland und Europa flüchten.
 
"In diesem Jahr sind rund 50 bis 60 Studenten ins Ausland gegangen. Mindestens die Hälfte davon nach Europa. Sie haben die Hoffnung auf eine bessere Zukunft verloren. Sie kommen aus Familien mit Bildung, die das nötige Geld für eine Fahrt nach Europa haben."

Seit 2015 verliert die private Avicenna Hochschule so Jahr um Jahr Hunderte junger Männer und Frauen.

"Auf den Lehrplänen steht nur alte Inhalte. Kulturell ist das langweilig für die junge Generation. Wenn sie weg wollen, dann weil sie eine echte Herausforderung suchen."

Wer Geld hat geht zum Studieren nach Europa

Amiri redet von einer Magie, die von Europa ausgehe. Und davon, dass die Jugend in Afghanistan Werte und Traditionen der Älteren oft nicht mehr akzeptiere.
Die Bewaffneten am Eingang der Uni sind Zeichen fehlender Sicherheit. Damit einher geht Afghanistans wirtschaftliche Krise: Rekordarbeitslosigkeit. Verstärkt durch eine der

weltweit höchsten Geburtenraten. So viele Jugendliche wie noch nie zuvor machen Jahr um Jahr ihr Abitur. Niamatullah Ibrahimi forscht über die afghanische Hochschul-Landschaft.

"Zum ersten Mal in der afghanischen Geschichte explodiert der primäre Bildungssektor. Das heißt: die Universitäten geraten unter Druck, weil immer mehr Abiturienten sich für ein Studium bewerben. Zugleich dehnen sich private Hochschulen rapide aus. Der Staat kann die Nachfrage nicht befriedigen. Deshalb appelliert man an private Hochschulen."

Zurzeit studieren circa 350.000 Studenten an Afghanistans rund 130 staatlichen und privaten Hochschulen. 40 Prozent mehr als vor vier Jahren noch. Das klingt nach viel, wären das nicht all die grundlegenden Probleme, so Yayha Wardak.

"Qualitativ ist die Lehre sehr schlecht. Der Unterricht findet wie vor 100 Jahren statt. So, dass der Dozent kommt und seine Inhalte diktiert. Und die Studenten schreiben alles mit. 30 bis 40 Seiten pro Semester. Das lernen sie dann auswendig. So wird an vielen naturwissenschaftlichen Fakultäten gelernt. Es gibt keine aktualisierten Lehrbücher, keine funktionierenden Labore. Und am Bett eines Patienten lernt kein Medizin-Student. Wenn er fertig ist, nennt er sich zwar Doktor. Aber einen Patienten hat er kaum untersucht. Er kennt die praktische Arbeit eines Arztes also nicht."

Die Universitäten sind zu klein, die Lehr-Methoden veraltet

Wardak pendelt seit vielen Jahren zwischen Afghanistan und Deutschland. Er hat hier seine Ausbildung gemacht. Seit 2009 berät er das afghanische Bildungsministerium.

"Ich habe gesehen, dass Medizin-Studenten deshalb schlecht sind, weil sie kaum Bücher besitzen. Deshalb habe ich ein Konzept mit afghanischen Dozenten entwickelt, wie die Unis ihre Lehrmaterialien updaten können. Wir drucken und publizieren die mit Geld aus Deutschland. Und verteilen die Lehrbücher dann landesweit. Das ist ein Pilot-Projekt. Aber trotzdem fehlt den Unis ein Labor. Ohne Labor kann man nicht richtig aus den Büchern lernen."

Seine Kritik am afghanischen Hochschulwesen ist fundamental. Ob er damit in Kabul ankommt, eine andere Frage:

"Afghanen planen nicht im Voraus. Afghanische Politiker können nicht vorausschauend denken und planen. Da fehlt es an Willen und an Mitteln. Man hätte wirklich die große Zahl von Abiturienten vorhersehen müssen. Man hätte neue Unis gründen und erweitern müssen, auch staatliche. Das alles hat man aber nicht gemacht."

Die Intervention des Westens 2001 in Afghanistan betrifft auch die Hochschulen. Rasche Modernisierung steht immer wieder auf dem Wunschzettel. Aber mehr als ein Vorhaben scheitert, weil sich beide Seiten nicht einig sind. Yahya Wardak:

"Schuld an der Situation sind die Afghanen selbst. Aber auch die Internationale Gemeinschaft. Die Helfer, die kamen, haben nicht da angesetzt, wo die Afghanen sind. Sondern viele haben ihre eigenen Vorstellungen. Etwa US-Amerikaner, die vor zehn Jahren Millionen-Gelder für ein e-learning Projekt ausgegeben haben, weil sie das toll fanden. Aber wir hatten damals keinen Strom in Kabul, keine Computer, keine Internet. Ich hatte im Ministerium mindestens zweimal am Tag keinen Strom. Natürlich sind e-Learning-Programme aktuell. Aber die Afghanen bräuchten einfache Lehrbücher in ihrer Sprache. Aber nein! Die Amerikaner wollten unbedingt e-learning einführen.

Wenn es keinen Strom gibt, macht e-learning wenig Sinn

Immer wieder werden so westliche Blaupausen über die Gegebenheiten in Afghanistan gestülpt. Das Ergebnis sind Missverständnisse, vergeudete Millionen, versandete Pläne. Hochschul-Curricula zusammenzuführen bleibt Sisyphusarbeit.

"Schleppend ist es besser geworden", so Wardak. "Zurzeit haben wir in jeder Provinz eine Uni, in manchen Provinzen gibt es mehrere Universitäten. Es sind über 130 private Universitäten in den letzten Jahren entstanden. Sie sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Manche sind besser als die staatlichen, viele schwächer. Sie drucken und händigen im Grunde einfach nur Diplome als Studiennachweis aus."

Nach bald 40 Jahren Krieg am Hindukusch haben mehrere Generationen an Lehrern und Dozenten das Land verlassen. Die Folge: Dozenten mit Bachelor- und Master-Abschluss müssen erst neu ausgebildet werden.

"Es gibt keine öffentlichen Zahlen", erklärt Niamatullah Ibrahimi. "Aber an der staatlichen Uni in Kabul haben über die Hälfte der Dozenten nur einen Bachelor. An den neuen privaten Unis sollte jeder Dozent mindestens einen Master haben. Aber ob das wirklich eingehalten wird, ist fraglich."

Ein staatliches Gremium soll die privaten Hochschulen kontrollieren. Tatsächlich funktioniert das nicht. Ethnische Rivalität, Vorurteile und verbreitete Korruption sorgen dafür, dass ein Teil der privaten Hochschulen Orte für politische Kämpfe geworden sind. Ihre Mäzene nützen die fehlende Hochschulaufsicht gnadenlos aus.

Warlords und Taliban nutzen private Universitäten, um ihre Ideologien zu verbreiten

"Diese Machthaber, darunter ehemalige warlords, nutzen private Universitäten um ihre Patronage-Netzwerke zu erweitern. Sie eröffnen eine Uni, um ihre eigene politische oder religiöse Ideologie weiter zu verpflanzen. Das ist natürlich nicht gesund für das System, vor allem weil es kein kritisches Denken fördert. Andere Privat-Hochschulen dienen als kommerzielle Geschäftsmodelle in erster Linie. Business-Leute und Investoren wollen damit schnellen Profit machen, schon nach sechs Monaten oder einem Jahr."

Auch ehemalige Taliban haben so private Hochschulen im Land gegründet. Sie bekämen sogar regen Zulauf:

"Die ehemaligen Taliban Mullah Mutawakil, ex-Außenminsiter der Taliban, und Mullah Zaeef, ex-Botschafter der Taliban in Pakistan, haben die Salam Universität mitgegründet. Das Neue ist: es sind dort auch eine Reihe von Frauen zugelassen. Aber unter eigenen Regeln: Frauen tragen dort die Burka. Es gibt keinen Kontakt zwischen Mann und Frau. Kein Kontakt zwischen Frauen und Dozenten. Männer und Frauen studieren zu verschiedene Tageszeiten, damit sie nicht in Berührung kommen. Besorgt bin ich auch über Tendenzen der Radikalisierung in derlei Hochschulen."
 

Die gute Nachricht: Immer mehr Frauen studieren insbesondere in großen Städten

Immerhin: Landesweit besuchen mehr Frauen als je zuvor eine Hochschule, so Yahya Wardak.

"An vielen afghanischen Universitäten sehen wir von Jahr zu Jahr mehr Mädchen. Vor allem in Kabul, in Herat, in Mazar. Da studieren fast 30 bis 40 Prozent Mädchen an den Fakultäten. Das ist sehr erfreulich. Aber an anderen Fakultäten finde ich nur zwei bis drei Mädchen unter 60 Männern. Etwa in Nangarhar. Aber es gibt auch Fakultäten wo gar kein Mädchen studiert."

Das Stadt-Land-Gefälle benachteiligt Studentinnen. Beispiel: Uni-Wohnheime für Frauen. Für Familien vom Land ein Problem für ihre Töchter: Wachpersonal oder junge Studenten könnten den Mädchen auflauern. Ein Sicherheitsproblem. Auch warten auf Frauen weniger Berufschancen, als all die Werbung auf Kabuls Strassen suggeriert.

"Als Krankenschwester, als Hebamme und als Ärztinnen sind sie sehr gefragt", so Wardak. "Weil Afghanistan eigentlich aufgrund des Krieges eigentlich kaum weibliches Personal ausgebildet hat. Da ist der Bedarf sehr groß. Aber nicht in anderen Bereichen. Ich kenne viele Studentinnen, die ohne Job und Einkommen sind. Das erzeugt wieder neue Armut. Denn die Eltern haben viel in die Bildung ihrer Kinder investiert, und gehofft und erwartet, dass der Sohn oder die Tochter einen Job bekommt und Geld mit nach Hause bringt. Aber das passiert in vielen Fällen nicht."
 

In pflegenden und medizinischen Berufen sind Frauen sehr gefragt

Bedeuten Studium und Hochschule in Afghanistan also Desillusionierung und Rückschritt wohin man blickt? Niamatullah Ibrahimi:

"Im Vergleich zu 2001/02 hat Afghanistan eine viel stärkere Bildungsschicht. Und eine, die sich ausweitet. Wir erleben die Geburt einer neuen breiten Bildungsschicht. Dazu studieren rund 5.000 Stipendiaten in Indien, weitere 15 Tausend in Pakistan, Iran und anderen Ländern."

Nach Ansicht von Ibrahimi hat die ausländische Intervention das Land gesellschaftlich kurzfristig positiv, langfristig dagegen eher negativ beeinflusst, gerade im Bereich der neuen Bildungselite.

"Die Mittelklasse, die wir jetzt haben, hängt vor allem vom Geld der ausländischen Präsenz ab. Ihre Aufträge und Einkommen sind allein davon abhängig. Zugleich hat der Westen nicht wirklich in afghanische Firmen von nationalem Ausmaß und große Infrastrukturprojekte investiert. Landwirtschaft und Industrie hat man links liegen gelassen. Jetzt haben wir eine wirtschaftliche Blase, als Ergebnis der militärischen Präsenz und ihrer Ausgaben. Trotz des Abzugs des westlichen Militärs bleiben die Abhängigkeiten von westlicher Hilfe. Darauf ist das ganze Staatswesen aufgebaut. Darauf vertraut man unverändert. Aber kann das gutgehen?"

Afghanistan ist durch die Intervention von 2001 zu einem Standort oft wilden Kapitalismus geworden. Im Hochschulbereich jagt deshalb ein Teil der Dozenten Geld nach, statt für Studenten da zu sein.

Die Abhängigkeit von Geldern aus dem Ausland befördert Korruption

 
"Wir haben bei den Jüngeren gesehen, dass sehr viele Dozenten kaum Zeit verbringen an den Universitäten, Zeit mit den Studenten", so Wardak. "Das ist ein anderes Problem. Der Arzt arbeitet lieber im Privat-Krankenhaus. Viele Dozenten müssten anwesend sein an  staatlichen Unis. Aber sie unterrichten oft schon früh morgens für zwei Stunden an privaten Universitäten, weil sie dort viel Geld bekommen. Das ist irgendwie eine Form von Korruption. Weil sie Geld von der Uni beziehen, müssten sie mindestens acht Stunden an der Uni sein. Aber sie sind vielleicht ein zwei Stunden da, und dann gehen sie wieder."

Was macht Hoffnung bei all dem? Die Hochschul-Partnerschaften, wie sie ein halbes Dutzend deutscher Hochschulen seit Jahrzehnten pflegen? Etwa die Uni Bochum, die viele afghanische Master-Studenten und Doktoranden ausgebildet hat?

"Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften hat man rund 100 afghanische Dozenten ausgebildet in Bochum. Einige deutsche Universitäten haben sich hier engagiert", so Wardak. "Aber das ist wie der bekannte Tropfen auf dem heißen Stein. Afghanistan und die afghanischen Hochschulen haben so viele Probleme und Herausforderungen, um künftig auf internationalen Standards zu kommen. Keine afghanische Uni hat internationalen Standard."

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