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StartseiteForschung aktuellUnkonzentriert, weil der Pulli juckt10.09.2013

Unkonzentriert, weil der Pulli juckt

Kratzige Stoffe auf der Haut können die Aufmerksamkeit einschränken

Professor Dirk Höfer von den Hohenstein-Instituten hat in einem Experiment herausgefunden, dass einige Kleidungsstücke durch Hautkontakt die Aufmerksamkeit ihrer Träger verringern können. Das allerdings passiere oft unbewusst, erläutert der Humanbiologe.

Dirk Höfer im Gespräch mit Ralf Krauter

Kratzige Kleidungsstücke können offenbar ablenken.   (Stock.XCHNG / J. Andersen)
Kratzige Kleidungsstücke können offenbar ablenken. (Stock.XCHNG / J. Andersen)

Ralf Krauter: Wer öfter mal gestärkte Hemdkragen trägt, kennt das Problem: Textilien können kratzen und die Haut reizen. Doch selbst Stoffe, die das nicht tun und sich flauschig anschmiegen, können Irritationen hervorrufen, und zwar im Gehirn ihres Trägers –was sich dadurch äußert, dass er abgelenkt wirkt. Das trickreiche Experiment, das diesen Zusammenhang jetzt belegt hat, wurde durchgeführt von Professor Dirk Höfer von den Hohenstein-Instituten bei Ludwigsburg. Ich habe ihn vorhin gefragt: Wie kamen Sie auf die Idee, den Einfluss von Textilien auf die Konzentration zu untersuchen?

Dirk Höfer: Wir sind auf diese Idee gekommen, weil wir wussten, dass Textilien auf der Haut über bestimmte Nerven weitergeleitet werden. Wir kennen auch die Wege, die sie zum Hirn nehmen, diese Reize. Nur, wie das Gehirn diese Reize verarbeitet, war uns bis dato nicht klar. Und aus dem Grunde, haben wir auf dieses EEG gesetzt, auf diese Hirnscans gesetzt, um hier neue Wege zu gehen.

Krauter: Sie haben also Spannungspotenziale mit Elektroden am Kopf gemessen, um zu schauen, wie stark Probanden letztlich abgelenkt werden bei Berührung mit bestimmten Textilproben?

Höfer: Die Berührung war dauerhaft. Also wir haben ein spezielles Gerät und konstruiert, das den Druck und die Geschwindigkeit von Textilien auf der Haut variabel applizieren kann. Und dieser Textilreiz war also dauerhaft – so wie wir natürlich auch 24 Stunden am Tag unter Umständen Textilien tragen. Wir haben zusätzlich den Probanden dann einen akustischen Reiz dargeboten, der immer mal wieder abgewandelt wurde, sodass das Gehirn sich auf diesen akustischen, abgewandelten Reiz adaptieren musste und anpassen musste. Und die Fähigkeit, sich auf diesen abweichenden Ton zu konzentrieren, ist natürlich auch abhängig von dem Textilreiz, der parallel angeboten wird. Und da haben wir die Unterschiede festgestellt, dass Textilien, die stark das Gehirn ablenken, auch dazu führen, dass man sich nicht so gut auf diesen Ton konzentriert beziehungsweise dann auch länger abgelenkt ist davon.

Krauter: Was sind das für Textilien, die eher stören? Also naiv gesagt würde man sagen, wahrscheinlich etwas raues, etwas kratziges lenkt mich eher ab und schränkt sozusagen meine kognitiven Fähigkeit ein.

Höfer: Ja, das war erstmal die Hypothese. Auf diesem Grunde haben wir auch ein sehr raues Textil mit in die Untersuchung genommen. Die Kontrolle war ein kratziges Leinentextil, von dem wir angenommen haben, dass es sehr stark durch das Kratzverhalten das Gehirn beeinflusst. Und zwei sehr hochwertige waren dabei. Das eine war ein Baumwollunterhemd und das andere war ein neues Business-Unterhemd aus einer Mikrofaser mit hohem Polyamid-Anteil.

Krauter: Wie groß ist denn der Effekt? Also wie stark kann man abgelenkt werden durch solche Textilproben, die Sie untersucht haben?

Höfer: Das ist natürlich eine absolut berechtigte Frage. Wenn wir uns das jetzt im Bezug auf eine bestimmte Arbeitsleistung anschauen, dann können wir das derzeit noch nicht sagen. Sondern die Untersuchung hier hat uns erstmal gezeigt, dass das Gehirn tatsächlich abgelenkt wird. Eine bestimmte kognitive Arbeitsleistung, sagen wir einen Arbeitsvorgang, den haben wir ja nicht zugrunde gelegt. Das wäre jetzt quasi der nächste Schritt, dass wir die gleiche Untersuchung durchführen, jetzt aber eine bestimmte Arbeitsleistung parallel bei den Probanden abfragen, um zu sehen: Wie stark werden sie denn dadurch abgelenkt?

Krauter: Sie forschen ja im Auftrag von Textilherstellern auch. Was genau lässt sich denn aus diesen Ergebnissen ableiten? Sollten Zollbeamte zum Beispiel künftig Unterwäsche aus möglichst weichem Zwirn tragen, damit ihnen nichts durch die Lappen geht?

Höfer: "Durch die Lappen geht" – das ist eine sehr nette Formulierung in diesem Zusammenhang. Das gefällt mir sehr gut. Soweit können wir auch derzeit noch nicht gehen, sondern ich denke, dass die Prüfung, die ich gerade eben angesprochen habe, nämlich eine bestimmte Leistung abzufragen, erst einmal durchgeführt werden muss. Und das ergibt sich jetzt eigentlich zwangsläufig aus unseren Untersuchungen, weil wir gesehen haben, dass das Gehirn tatsächlich abgelenkt wird. Ob wie gesagt eine Leistung damit dann sehr stark gemindert wird – Zollbeamter oder Flugüberwachung –, das muss man dann in einem separaten Test untersuchen.

Krauter: Sie haben jetzt letztlich gemessen, wie stark also bestimmte Textilien als Reiz wahrgenommen werden und dadurch ablenken. Nun wissen wir aber von anderen Sinnesorganen, dass Reize vom Gehirn ja recht rasch ausgeblendet werden. Beim Geruch zum Beispiel ist es so, dass wir störende Gerüche nach 30 Sekunden gar nicht mehr wirklich wahrnehmen. Inwieweit schränkt denn dieser Gewöhnungseffekt die Relevanz ihrer Messmethode ein.

Höfer: Dieser Adaptionseffekt ist tatsächlich bei vielen Reizen gegeben. Aus diesem Grunde haben wir diesen Dauerreiz der Textilien auf die Haut einmal ausprobiert und das Gehirn parallel dazu gemessen. Das heißt, wir haben zwar einen Adaptionseffekt, der dafür sorgt, dass das Gehirn das nicht mehr bewusst wahrnimmt. Unsere Untersuchung ging aber quasi ins Unbewusste durch die Elektroenzephalografie. Deshalb merken wir, dass das Gehirn, obwohl das Ganze nicht die Bewusstseinsschwelle überschritten hat, dennoch mit diesem Textilreiz beschäftigt ist. Und so wird es beim Geruch tatsächlich auch sein.



Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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