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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Anforderungen nicht erfüllt15.12.2019

UNO-KlimakonferenzDie Anforderungen nicht erfüllt

In Madrid ist die Weltklimakonferenz zu Ende gegangen. Bis Sonntagvormittag wurde über das Abschlussdokument verhandelt. Das Warten hat sich nicht gelohnt. Es wurde lediglich ein kompletter Gesichtsverlust vermieden, findet Georg Ehring.

Von Georg Ehring

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Carolina Schmidt (M), Präsidentin des Klimagipfels, leitet eine Sitzung. (Ricardo Rubio/Europa Press/dpa)
Auf der UNO-Klimakonferenz in Madrid wurde lange über ein Abschlussdokument verhandelt. (Ricardo Rubio/Europa Press/dpa)
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Es war ein quälend langes Finale: Der Abschluss sollte zunächst am Freitagabend gelingen, dann ging es die Nacht durch, bis dann am Samstag die Delegierten das Abschlusspapier der chilenischen Konferenzleitung wegen seiner Unverbindlichkeit förmlich in der Luft zerrissen. Dann ein neuer Versuch – die nächste Nacht, Beratungen im kleinen Kreis und wartende Delegierte. Immer mehr Gipfelteilnehmer reisten ab, die Gefahr der Beschlussunfähigkeit lag in der Luft. Die, die blieben, suchten sich wenigstens vorübergehend ein Ruheplätzchen: Schlafende in den Ecken, auf den Sofas und auch auf dem Boden. Das Schlussplenum wird verschoben, 20 Uhr, 22 Uhr, Mitternacht, drei Uhr. Gegen zehn Uhr heute Vormittag war es dann endlich so weit.

Doch das Warten hat sich nicht gelohnt – die Madrider Konferenz hat lediglich den kompletten Gesichtsverlust vermieden. Die Schlusserklärung von Madrid sollte Druck ausüben: wenn die Weltgemeinschaft deutlich macht, dass sie gemeinsam hinter höheren Zielen steht, dann schafft das Vertrauen, dass viele Staaten sich gemeinsam mehr vornehmen, damit es in der Summe hinterher reicht. Starke Worte sind also gefragt, und vor allem Verbindlichkeit.

Der Druck der Jugend und der Wissenschaft

Viel Druck kam von außerhalb der Verhandlungsräume, hier hat sich der Wind komplett gedreht. Da ist erstens der Druck der Jugend: Die Schülerbewegung "Fridays for Future" brachte zehntausende Menschen auf die Straße, wenn nicht noch mehr. Die Schülerinnen und Schüler haben nicht nur in Physik aufgepasst. Sie haben auch erkannt, dass es ihre Generation ist, die die Katastrophe erleben wird – wenn sie sie nicht doch noch verhindert.

Dazu kommt der Druck der Wissenschaft. Die präsentierte die bekannten, äußerst unangenehmen Fakten: Eine drei Grad wärmere Welt wäre kein guter Ort zum Leben, Hitzewellen und Dürren, verheerende Wirbelstürme, überschwemmte Städte und ein Meeresspiegel, der immer schneller steigt. Doch bei so wenig Klimaschutz wie zurzeit sind wir auf dem Weg in diese Zukunft.

Die Gesellschaft erwartet Ergebnisse

Die schwierige Suche nach einer Antwort auf diesen Druck brachte die Konferenz in Madrid an den Rand des Scheiterns. Die Gesellschaft erwartet vom Klimaschutz nicht mehr nur, dass er Autofahrer und Stromkunden verschont. Sie erwartet Ergebnisse -  die begonnene Katastrophe muss abgewendet werden. Endlich! Die Europäische Union hat sich dem jetzt als erste große Wirtschaftsmacht gestellt. Der "Green Deal" mit dem Ziel Treibhausgas-Neutralität bis zum Jahr 2050 ist deshalb in Madrid zu Recht geradezu enthusiastisch aufgenommen worden – allein, es fehlen noch die Nachahmer.  

Trotzdem kam am Ende nur ein Formelkompromiss heraus. Zwar werden die Parteien zu mehr Ehrgeiz aufgefordert. Doch das steht schon im Pariser Abkommen von 2015 und die wachsweichen und noch immer unverbindlichen Formulierungen in der politischen Erklärung von Madrid bringen keinen zusätzlichen Schwung. Und in anderen Fragen gab es überhaupt keine Einigung. Der Streit darum, zu welchen Bedingungen Industrieländer Klimaprojekte in Entwicklungsländern auf die eigenen Ziele anrechnen lassen können, wurde noch einmal vertagt.

Australien, Brasilien und die USA gehören zu den Bremsern

Dass der Gipfel so wenig brachte, hat viel mit dem Einmütigkeitsprinzip bei den Vereinten Nationen zu tun. Schon der Einspruch eines einzigen Staates kann einen Beschluss verhindern. Und in Madrid war der Gegendruck stark: Australien bremste, das Land setzt weiter auf Kohle, selbst wenn durch die Erderwärmung verstärkte Waldbrände den Menschen Sicht und Atem nehmen. Brasilien, das den Regenwald zu Geld machen will, bremst auch und nicht zuletzt die USA, die so tun, also ob sie sich von dieser Gemeinschaftsaufgabe der Menschheit einfach verabschieden können. Gemeinsam mit anderen versuchten sie bis zum Schluss, ein ehrgeiziges Ergebnis zu hintertreiben.

Der Klimagipfel in Madrid hat trotz Rekord-Überlänge die hohen Anforderungen, die an ihn gestellt werden mussten, nicht erfüllt. Nun geht die Verantwortung an die Regierungen, an die Parlamente und an die Menschen. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, ob das Vertrauen auf gemeinsames Handeln stark genug ist, für einen Ausweg aus der Klimakrise.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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