Montag, 20.08.2018
 
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StartseiteForschung aktuellVirunga-Nationalpark in Gefahr09.08.2018

Unruhen, Entführungen, MordeVirunga-Nationalpark in Gefahr

Zwölf ermordete Ranger und zwei entführte Touristen: Der Virunga-Nationalpark im afrikanischen Kongo ist für Besucher bis Ende 2018 geschlossen. Das habe auch Folgen für die dort lebenden Tiere, sagte Nicole Seiler vom Max-Planck-Institut in Leipzig im Dlf, zum Beispiel für vom Aussterben bedrohte Berggorillas.

Nicole Seiler im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Berggorilla im Dschungel, Virunga Nationalpark, Ost-Kongo (imago stock&people / Westend 61)
Das Wegbleiben der Touristen macht sich auch bei der Finanzierung von Hilfsprojekten im Virunga-Nationalpark im Kongo bemerkbar (imago stock&people / Westend 61)
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Kongo Virunga Nationalpark in Gefahr

Lennart Pyritz: Es ist der älteste Nationalpark Afrikas, knapp 8.000 Quadratkilometer groß, im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo gelegen: Virunga. Berühmt für die dort lebenden, vom Aussterben bedrohten Berggorillas, berühmt auch durch einen preisgekrönten, von Leonardo di Caprio produzierten Dokumentarfilm, aber auch berüchtigt für marodierende Milizen, Morde an Parkrangern und Wilderei. Der Direktor des Parks überlebte 2014 selbst schwer verletzt einen Anschlag.

Nach einer besonders blutigen Phase wurde der Park kürzlich bis zum Jahresende geschlossen. Was das für die dort lebenden Arten und die Forschung in der Region bedeutet, darüber habe ich am Telefon mit Nicole Seiler vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig gesprochen, die selbst in Uganda in unmittelbarer Nachbarschaft zum Virunga-Nationalpark geforscht hat. Ich habe sie zuerst gefragt, welche Arbeiten und Erfahrungen sie dabei gemacht hat.

Nicole Seiler: Also ich habe meine Dissertation in Uganda durchgeführt, im Bwindi-Nationalpark, und habe mir dort angeguckt die sozialen und ökologischen Faktoren, die die Raumnutzung von den Berggorillas beeinflussen und unter anderem eben auch die Faktoren, die dazu führen, warum Berggorillas den Nationalpark verlassen und dann die Felder von den Bauern plündern.

Im Jahr 2010 habe ich am Virunga-Zensus teilgenommen. Das ist ein Projekt, das versucht herauszufinden, wie viele Gorillas im Virunga-Massiv vorkommen. Virunga-Massiv besteht aus drei Nationalparks, eben dem Virunga-Nationalpark auf der kongolesischen Seite, dann den Vulkannationalpark in Ruanda und in Mgahinga, in Uganda, und auf der ugandischen Seite habe ich an dem Zensus teilgenommen, und es war eine sehr interessante Erfahrung, weil die Teams internationale Teams waren, das heißt, wir hatten Kollegen aus Ruanda, Uganda und aus dem Kongo, und da kriegt man natürlich viel mit, also die Probleme der Länder und auch der Ranger in den verschiedenen Nationalparks, und da findet ein sehr interessanter Austausch statt.

Ein Parkranger hat mir dann zum Beispiel bei einem Workshop erzählt, wie er sich bei einem Schusswechsel zwischen Milizen und den Parkrangern oder der kongolesischen Armee unter dem Bett versteckt hat und dort um sein Leben gefürchtet hat. Das sind natürlich Einblicke, die sehr beeindruckend sind und die man auch so nicht bekommt.

"Der Virunga-Nationalpark im Kongo hat viele verschiedene Habitate"

Pyritz: Welche Bedeutung hat denn der Virunga-Nationalpark oder diese komplette Region für die Artenvielfalt und besonders für die vom Aussterben bedrohten Berggorillas?

Ein bewaffneter Ranger im Virunga-Nationalpark in der Republik Kongo (picture alliance / Yannick Tylle)Zwölf Ranger sind in den letzten Monaten im Virunga-Nationalpark ermordet worden (picture alliance / Yannick Tylle)

Seiler: Also der Virunga-Nationalpark im Kongo hat sehr, sehr viele verschiedene Habitate. Also es reicht von der Savanne bis zum Bergregenwald, und dementsprechend hat es natürlich auch eine sehr hohe Artenvielfalt, also sowohl Fauna als auch Flora, und es gibt auch sehr seltene Tiere, wie zum Beispiel das Okapi, aber auch die vom Aussterben bedrohten Berggorillas.

Der Virunga-Nationalpark ist ein Teil vom Virunga-Massiv, wo eine der letzten Populationen von diesen Berggorillas vorkommt, und auf der kongolesischen Seite gibt es schon noch einige der Berggorillas, also ungefähr die Hälfte, knapp die Hälfte, die im Virunga-Massiv vorkommen, sind auf der kongolesischen Seite zu finden, und von dem her ist die Seite natürlich sehr wichtig, um diese Art zu erhalten.

"Ranger dort sind wahnsinnig motiviert"

Pyritz: In den vergangenen Monaten wurden zwölf Parkranger ermordet, zwei britische Touristen wurden von einer Miliz kurzzeitig entführt, und vor Kurzem hat die Parkdirektion entschieden, den Virunga-Nationalpark bis zum Ende des Jahres für Besucher zu schließen, um die Sicherheitsvorkehrungen zu überarbeiten. Wie wirkt sich so etwas Ihrer Einschätzung nach auf die Forschung und auch den Artenschutz in so einem Nationalpark aus?

Seiler: Also ich hoffe natürlich, dass trotzdem das tägliche Monitoring im Virunga-Nationalpark weiter stattfindet, und die Ranger dort, die sind wahnsinnig motiviert und die machen weiter, obwohl, wie Sie gesagt haben, sehr viele ermordet wurden. Das heißt, die gehen trotzdem weiterhin zu den Gorillas, täglich gucken, ob die Gruppen da sind, ob alle Individuen vorhanden sind, sie gucken, ob irgendwelche neuen Gorillas dazugekommen sind und welche abgewandert sind, und das ist sehr wichtig, um für uns Forscher, um herauszufinden, wie sich die Populationsdynamik entwickelt und ob diese Population stabil ist.

"Natürlich weiß man nicht, wie sich das jetzt weiterentwickelt"

Pyritz: Stichwort Populationsdynamik: Im Mai hat Ihr Institut noch die Ergebnisse eines Zensus gemeldet, nach dem sich der Bestand der im Virunga-Vulkangebiet lebenden Berggorillas in den letzten 30 Jahren mehr als verdoppelt hat. Besteht jetzt Grund zur Sorge, dass vermehrt Wilderer und Milizen zumindest in den Virunga-Nationalpark eindringen und den Bestand dadurch wieder dezimieren?

Seiler: Na ja, zum einen hat die Schließung des Nationalparks ja wirklich hauptsächlich mit der Sicherheit von Besuchern zu tun. Die Ranger werden trotzdem weitermachen, solange es geht, und die Ranger sind ja dazu da, dass diese Gorillas auch beschützt werden, und solange die Situation es zulässt, werden diese Menschen das auch weiter tun. Von daher ist erst mal, denke ich, nichts zu befürchten. Natürlich weiß man nicht, wie sich das jetzt weiterentwickelt.

Das Problem bei der ganzen Sache ist natürlich auch, dass wenn die finanzielle Unterstützung durch den Tourismus fehlt, wiederum das Geld fehlt, um die Ranger zu bezahlen, um die dementsprechend auszustatten, dass sie überhaupt eine Chance gegen Wilderer haben. Von daher kann das schon passieren, dass dann die Ressourcen nicht mehr vorhanden sind, um die Ranger überhaupt auszustatten und zu bezahlen, dass die überhaupt ihre Arbeit tun können. Nichtsdestotrotz machen das trotzdem viele und warten darauf, dass sie irgendwann wieder ihr Gehalt bekommen.

Internationale Unterstützung und Kollaboration erforderlich

Pyritz: Welche Maßnahmen, abgesehen von einer politischen Befriedung des Kongos natürlich, könnten denn helfen, ein Naturschutzgebiet wie den Virunga-Nationalpark vor Wilderei oder bedrohlichen Einflüssen der im Umland lebenden Menschen zu schützen?

Seiler: Also zum einen ist wirklich international Unterstützung, internationale Kollaboration nötig, um sicherzustellen, dass das Management vor Ort die Kapazitäten und auch die Ressourcen hat, den Park weiter zu managen, das heißt, weiterhin die Ranger auszustatten, die zu bezahlen, dass die ihre Arbeit erledigen können und somit auch die Gorillas schützen können. Zum anderen sind natürlich auch sowas wie grenzübergreifende Zusammenarbeit, also zwischen dem Kongo, Uganda und Ruanda, nötig, um Patrouillen durchzuführen, damit die Gorillas ungehindert zwischen den Ländern umherwandern können – das ist schließlich ihr Lebensraum, die erkennen ja keine Staatsgrenzen an –, und mehr Kontrollen, mehr Patrouillen, um auch Schlingen aufzufinden, einfach um das sicherer zu machen.

Bezüglich der lokalen Bevölkerung gibt es viele Projekte, die die lokale Bevölkerung unterstützen, sodass es nachhaltige Energieversorgung zum Beispiel gibt als eine Alternative zur Holzkohle. Menschen gehen ja hauptsächlich in den Wald, um Holz zu schlagen, damit sie überhaupt was zum Essen sich machen können oder eben besondere Öfen zu entwickeln, die energieeffizienter arbeiten. Also solche Projekte, und die sind zum Teil auch vorhanden, nur denke ich, dass sie einfach noch viel mehr unterstützt werden müssen, damit diese Menschen überhaupt eine Lebensgrundlage haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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