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StartseiteEssay und DiskursVon der Neuerfindung von Kultur und Natur22.08.2021

Unruhige LandschaftenVon der Neuerfindung von Kultur und Natur

Strände, Berge, Steppen, Wälder: Landschaften verlocken, befremden, ergreifen oder erwecken Schauder - seit jeher. Durch eine zunehmende Ökonomisierung sind sie heute prekär geworden. Um sie zu regenerieren, ist nicht weniger notwendig als die Revolution der menschlichen Lebensweise.

Von Volker Demuth

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Clouds hang over the St. Johann chapel and the Dolomites mountains in St. Maddalena, St. Magdalena, in Val di Funes (Villnoess), in northern Italian province of South Tyrol, Italy, Friday, Aug. 20, 2021. (AP Photo/Matthias Schrader) (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Matthias Schrader)
Jeder von uns ist beteiligt an der Landschaft, in der er lebt und durch die er sich bewegt, er ist Mittäter (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Matthias Schrader)

Die Landschaft, weit draußen und von den unverdrossen wachsenden urbanen Ansammlungen aus schwer zu sehen, rückt heimlich ins Zentrum. Damit ist weder die Flut von Landschaftsmagazinen gemeint noch die anhaltende Konjunktur der Tier- und Landschaftsfilmen und auch nicht die zunehmende Sehnsucht von Stadtgesellschaften, auf dem Land umgeben von schöner Landschaft zu leben, und sei es bloß am Wochenende. Nein, Landschaften rücken auf andere Weise ins Zentrum unserer gegenwärtigen Welt.

Erstmals in der Geschichte nämlich zeigt sich die Gesamtheit irdischer Landschaften menschlichem Einfluss und zivilisatorischen Einwirkungen ausgesetzt. Wir begegnen in der Landschaft nicht mehr dem Fremdartigen, dem Natürlichen, das uns gegenüber steht; wir treffen vielmehr auf uns selbst, unsere eigene menschliche Spur, unser selbstgemachtes Unheil, unsere eigenen progressiven Gespenster.

Abgebrochener Eisberg in Qaqortoq/Grönland (Joe Raedle/Getty Images) (Joe Raedle/Getty Images)

Landschaften, die nicht oder schwach besiedelt sind, nehmen 97 Prozent des Festlands der Erdoberfläche ein, wobei die Hälfte der Weltbevölkerung sich auf nur einem Prozent der Landfläche zusammenballt. Doch der Schatten des Menschen fällt heute auf jede noch so entlegene Landschaft des Erdballs. Besonders auffällig wird das, wenn die Ereignisse von brennenden, vertrocknenden, überfluteten und überschwemmten Landschaften zusehends häufiger und die Ausmaße immer drastischer werden. Tatsächlich sind die Szenarien für uns inzwischen allgegenwärtig, mit denen die Medienwirklichkeit durch Bilder verheerender Taifune und kahlgeschlagener Regenwälder, von schwindendem Polar- und Gletschereis, sich ausdehnenden Wüsten und riesigen verlandenden Binnenseen angereichert wird.

Die Apokalypse wird nicht sein - sie ist

Die Ökonomien der Katastrophe sind zum einträglichen und globalen Vorführprogramm unserer Zeit geworden. Doch führen mediale Inszenierungen in die Irre, wenn sie nahelegen, die Apokalypse wäre an einem mehr oder weniger fernen Punkt der Zukunft zu erwarten. Die Apokalypse ist kein plötzliches Ereignis, sie ist eine Dauer. Sie wird nicht sein, sie ist. Und sie lässt sich an der Realität, gestützt auf empirische Forschungen und Langzeiterhebungen, ablesen.

Die Bestandsaufnahmen variieren, sind in ihrer Gesamtheit jedoch eindeutig. Die menschlichen Eingriffe in das Landschaftssystem der Erde sind so schwerwiegend, dass der Schwund der Artenvielfalt schier unvorstellbar ist: Allein in Deutschland befinden sich nur 30 Prozent der natürlichen Lebensräume noch in einem Zustand, der nach einer aktuellen Biodiversitätsstudie des WWF als gut zu bezeichnen ist.

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Das Verzeichnis der Verluste, das sich in unseren Landschaften mehr oder weniger unsichtbar verbirgt, verlängert sich nahezu täglich. Manche Forscher bezeichnen sie als ‚Ewigkeitskosten‘. Sie häufen sich weiter an, und wir sind Zeitgenossen und aufgrund unserer Lebensweise auch Mitwirkende an einer nie wieder gut zu machenden planetarischen Verarmung des biologischen Lebens. Die Verelendung und Verarmung ist von der Klassentheorie des 19. Jahrhunderts in die Ökosphäre von heute hinüber gewandert. Landschaften sind zum Problemfall geworden, und das Nachdenken über sie muss so umfassend sein, wie es die Schwierigkeiten und innigen Verknüpfungen des Lebens sind, denen wir in ihnen begegnen.

Fragen wir also, wie wir Landschaft erleben? Warum wirken Landschaften so faszinierend? Was ist so besonders daran, durch ein Hochmoor zu streifen oder an Feldgehölzen entlang zu spazieren? Landschaften verlocken, befremden, ergreifen oder erwecken Schauder in uns. Seit jeher wurden sie als Objekte von Bezauberung und Angst erlebt. Ob an Stränden, in Tundren oder Waldgebieten, gerade heute ist ihre Anziehungskraft trotz moderner Urbanisierung ungebrochen. Woran liegt das?

Sinnliche, emotionale und kognitive Begegnungen

Anders als Natur, die idealerweise als ein eigenständiges An-Sich gedacht wurde – für Hegel war sie das "Anderssein" schlechthin –, ist Landschaft ein Bezugssystem mit ungemein vielen Falten und Formen, ein verwirrender Bereich von Beziehungen. Die Verlagerung vom naturhaften ‚An sich‘ zur Landschaft als Beziehungsform setzt voraus, dass es zu einer sinnlichen, emotionalen und kognitiven Begegnung kommt. Wir riechen Landschaften, horchen nach ihrem Klang, empfinden ihre Temperaturen und Windströmungen, spüren die Feuchtigkeit auf der Haut, sehen die Lichtstimmung und das Formenspiel darin. Und diese angereicherte, dichte Sensualität wird uns auf eine kulturell geformte, unverwechselbare Weise bewusst. Allein unter der Voraussetzung ästhetischer Begegnung verwandelt sich das ‚An sich‘ von Natur, oder die abstrakte Vorstellung davon, zur erlebten Landschaft.

Spaziergänger gehen durch den Wald. Die Lage in nordrhein-westfälischen Wäldern verschärft sich: Bäume werden durch Borkenkäfer und Dürre auch 2020 massenhaft absterben, schätzen Experten. Das Land stockt seine Hilfen deutlich auf. (picture alliance/dpa | Fabian Strauch) (picture alliance/dpa | Fabian Strauch)Neuer Jahresbericht - Expertin: Zustand des Waldes "historisch schlecht"
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Der "romantischen Lage", von der der Dichter August von Platen einst sprach, kann sich bis heute als kultureller Beziehungsform zur Landschaft kaum jemand entziehen. Ursprünglich durch Kunst im 17. Jahrhundert in eine eigenständige Bildgattung verwandelt, wird die Landschaft allmählich zur innigen Erlebnisweise. Das bürgerliche Landschaftserlebnis entwickelt die Empfindsamkeit zum Rezeptor für das, was man unter Natur versteht. Dabei lassen sich erstaunliche emotionale Spannweiten gewinnen.

Das neuartige Gefühl setzt sich wilden, gefahrvollen oder auch arkadischen und anmutig-friedvollen Landschaften aus. Man spricht über sich selbst, über sein Inneres, wenn man über Landschaften redet. Der emotionale Kick, der dazu auffordert, in immer entlegenere, unwegsamere Terrains vorzudringen, wird entscheidend für eine sich anbahnende Moderne der Extreme.

Für die Breite der Gesellschaft gibt es jedoch auch gemäßigte Ausprägungen dieses ästhetischen Selbsterregungsmediums. Nicht lange wird es dauern, bis das Wild‑Romantische als Vergnügungsfahrt gebucht wird, und eine Frühform von Tourismus Landschaften in ein Objekt von Freizeitkonsum verwandelt.

Landschaft als Erlebnis- und Benutzungsraum

Landschaften öffnen sich uns nur im Dreiklang von Körper, Wahrnehmung und Denken. Ihrer Natur nach fordern sie dazu auf, mit ihnen als ganze Person in Beziehung zu treten. Ohne umfassende Präsenz entgehen uns wesentliche Teile einer Landschaft. Intensiver und grundlegender als das meiste, was unser Leben beschäftigt, sind Landschaften etwas, von dem wir uns nicht ausnehmen können. Jeder von uns ist beteiligt an der Landschaft, in der er lebt und durch die er sich bewegt, er ist Mittäter.

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Und das ändert sich auch nicht, wenn wir uns in Lebensstile einfügen, die von einer spätmodernen Widersprüchlichkeit gezeichnet sind. Die mobilen Milieus mit ihrem urbanen Nomadismus, täglich innerhalb von Städten und Jahr für Jahr zwischen zahllosen Metropolen unterwegs zu sein, verspüren gleichzeitig wachsende Lust, in Naturlandschaften einzutauchen, um dort Urlaub zu machen, um die Seele in etwas baumeln zu lassen, nach dem sie sich sehnen. Wer die Möglichkeit dazu hat, reist an idyllische Karibikstrände, wandert im Andengebirge oder macht Rafting auf nepalesischen Flüssen. Gleichzeitig sehen wir auf unseren mobilen Bildschirmen die arktische Kryosphäre wegschmelzen und erwarten den apokalyptischen Niedergang weiter Landstriche des Erdballs in der absehbaren Zukunft.

Wir haben uns, so scheint es, in der Mehrzahl daran gewöhnt, Landschaft in zwei Bereiche aufzutrennen: einerseits in einen Erlebnisraum, worin wir uns in einer Art Wellnessbereich für den gestressten Psychohaushalt erholen und in grünen Zonen für Zivilisationsmüde Natur erleben wollen; zum anderen in einen Benutzungsraum, den wir ausbeuten und aus dem wir so viel Kapital schlagen wie möglich.

Während der eine Raum – die romantisierte Idylle – geschützt und bewahrt werden soll, wird der andere Raum rücksichtslos vernutzt, zerstört und von der Ausplünderung zerfressen. Die Schizophrenie ist offensichtlich. Sie ist vergleichbar mit dem schier unstillbaren Bedürfnis nach leistungsstarken Geländewagen in einem Moment, wo die Verkehrsinfrastruktur endgültig alle Hindernisse beseitigt und jeden Nebenweg geteert hat. Der Verlust wilder Landschaft wird durch die symbolische Behauptung verdeckt und zum technischen Konsum, zur Simulation verwandelt.

Landschaft - zunächst ein politisch-rechtlicher Begriff

Es stellt sich also die Frage, ob es, abgesehen von vernutzten oder ästhetisierten Landschaften, noch eine andere Möglichkeit gibt? Um zu begreifen, weshalb Landschaft gerade heute eine Renaissance erlebt – ähnlich wie Volk, Nation oder Heimat –, müssen wir uns zunächst daran erinnern, wie stark sich das Wissen von der Landschaft und unser Bezug zu ihr in der Moderne verändert haben.

Landschaft war – ebenso wie Heimat – zunächst ein politisch-rechtlicher Begriff. Dem Heimatrecht ähnlich, das nur diejenigen erteilt bekamen, die in einem bestimmten Gebiet Eigentum und Grund besaßen, sind es formale – rechtlich und politisch gefüllte – Verhältnisse, wodurch der erste Sinn von Landschaft bestimmt wird.

Noch bis ins 18. Jahrhundert, bis zu Goethe und Justus Möser, bedeutete "Landschaft" das Ineinander-Verwobensein von menschlicher Lebensweise und natürlichem Lebensraum. Landschaft brachte die tiefe Verbindung von Sozialem und Raum, von Landstrich, Gemeinschaft und Natur zum Ausdruck.

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Diese zunächst formale Landschaft benennt also die Bedingung der historisch geschaffenen Zusammengehörigkeit von rechtlich-politischen Strukturen, sozialen Gruppen und natürlicher Umgebung. Eine vielschichtige Synthese, die geteilte Werte, Weltauffassungen, Arbeitspraktiken, Gestaltungsweisen und Traditionen beinhaltet. Sie kann als Ausdruck des gemeinsamen Raums, der Verbundenheit, die kollektive, allmendeartige Bewirtschaftung von "common pool ressources" einschließen, wie sie die Wirtschafts-Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom erforschte.

Diese integrale Landschaft ist ein miteinander geteilter, mitgeteilter – ein symbiotischer – Lebenszusammenhang, worin sich auch Nichtmenschliches preisgibt: Tiere, Pflanzen, Bodenbeschaffenheit oder klimatische Eigenheiten. Mit diesem Bezogenheitsethos ist die integrale Landschaft von Anfang an eine politische Sache, eine Angelegenheit der Gemeinschaft. Bis zu den agrartechnologischen Optimierungen der Moderne stellen Landschaften als das große Terrarium von Zucker und Eiweißen, von Zellen und Organen weniger eine Herausforderung für Nutzenvergrößerung und Gewinnsteigerung dar, sie stellen vor allem Fragen über Sinn und Sein, Bedeutung und Wert des Lebens, das in ihnen stattfindet.

Von der integralen zur effizienten Landschaft

Kaum erstaunlich also, wenn dazu etwas gehört, das die westliche Moderne der Landschaft rabiat ausgetrieben hat: der Sitz des Heiligen. Oftmals symbolisiert in sakralen Zeichen und heiligen Plätzen erschließt sich mit der metaphysischen auch die ethische Dimension integraler Landschaften. Es handelt sich um ein Ethos der Beziehungen, präsent in dem Bewusstsein, in einem großen Gefüge mit anderem Leben zu existieren. Integrale Landschaften beruhen auf einer Ethik der Mitlebewesen, in die sich Menschen eingefügt wissen. Das wehrt Überheblichkeit ab, weil jedes Leben auf anderes Leben verwiesen bleibt, von dem es lebt und dessen Leben es für wert erachtet zu sein.

Zwischen den integralen Landschaften und den Landschaften unsrer Gegenwart klafft ein zivilisatorischer Sprung. Wie ist es dazu gekommen und was sind die Antriebskräfte, die in Landschaften die Ewigkeitskosten in die Höhe schießen lassen wie nie zuvor in der Geschichte?

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Die Landschaft präsentiert sich mit ihren Wegen, der geometrischen Portionierung ihrer Felder und Waldstücke, bis hin zu dem in parallelen Linien gezogenen Mais und Getreide und der wie Armeen in Reih und Glied gepflanzten Nutzwaldfichten und ‑kiefern, nahezu durchgehend in linearer Gestalt. In dieser von natürlichen Gegebenheiten fast vollständig bereinigten Landschaft sind auf den Produktionsflächen, die einstmals Felder und Äcker waren, seit einiger Zeit, und lange vor entsprechend ausgerüsteten Autos, selbststeuernde Maschinen am Werk, die, gelenkt mittels Computerprogrammen und Satellitensignalen, zentimetergenau arbeiten. Riede und Moore wurden trockengelegt, die Flussläufe begradigt und ebenfalls auf Linie gebracht.

Dieses Bild ist eine zivilisatorische Signatur. Es handelt sich um eine extrem zugerichtete Landschaft, die anstrebt, ein Areal mit berechenbarer Ordnung zu sein. Entsprechend der modernen Maßgabe von Descartes, wir Menschen wären "Herren und Besitzer der Natur", erlauben es die landschaftsbereinigenden Maßnahmen, die vermeintliche Irrationalität der Naturräume in die Rationalitätsform von Effizienz und Produktivität umzuwandeln, und sie damit derjenigen einer Industriegesellschaft anzugleichen, welche Ertrag, Zeitaufwand und Investition genau berechnet. Dieser funktionalen, formalisierten und effizienten Landschaft sieht man sofort an, dass sich darin ökonomische Macht abbildet.

Ökonomische Verwertung von Landschaften

Sie ist keine integrale, sondern eine hegemoniale Landschaft, durchdrungen von Unterwerfungsenergie. Der einstige Fürsorgeraum Gottes, der vermeintliche ‚Naturhaushalt‘, weicht, optimiert von Landschaftsmarketing und Landmanagement, restlos den Kategorien wissenschaftlich-technischer Vernunft und agroindustrieller Überbietungsdynamik. Die Verwertung von Landschaften stellt Ertragsinteressen, ausgerichtet an wirtschaftlichen Steigerungsmodellen, in den Vordergrund.

Mit der größte Antreiber dafür ist die Kapitalisierung der Landschaften aufgrund der Landnahme durch Investoren, die Landschaft inzwischen weltweit als Renditeobjekt behandeln wie Immobilien, Aktien oder Unternehmen. Annähernd zwei Drittel der land- und forstwirtschaftlichen Fläche ist etwa in Deutschland nicht mehr in bäuerlicher Hand, sondern im Besitz von Investoren, was die Landschaft unter verstärkten Produktivitätsdruck setzt.

Der frivole Landschaftsutilitarismus geht so weit, Landschaften zu Ökosystemdienstleistern zu erklären, die saubere, feuchte Luft, klares Wasser oder Insekten für Bestäubungsleistungen kostenfrei zu Verfügung stellen. Selbst Sonne und Wind haben mittlerweile ihren in der Landschaft installierten Park und werfen Profit ab. Ausnahmslos alles lässt sich bewirtschaften, Wälder und Gewässer, Offenlandschaften und Unterglasplantagen. Aber auch der steigende Nitratgehalt im Boden und das zunehmende Kohlendioxid in der Luft.

Waldsterben in Deutschland 19.08.2019, Oberursel (Hessen): Abgestorbene Fichten stehen im Wald nahe der Altenhöfe im Taunus. Durch die Dürre in diesem und dem vergangenen Sommer sowie den Borkenkäferbefall sind viele Fichten in Deutschland abgestorben. (Luftaufnahme mit einer Drohne), Oberursel Deutschland *** Forest dieback in Germany 19 08 2019, Oberursel Hessen Dead spruces are standing in the forest near the Altenhöfe im Taunus Due to the drought this and last summer and the bark beetle infestation, many spruces have died in Germany Aerial view with a drone, Oberursel Germany (imago / Jan Eifert) (imago / Jan Eifert)Deutschlands grüne Lungen - Wie Wälder dem Klimawandel trotzen können
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Jene Landschaften, in denen wir uns heute bewegen, sind infolge ihrer Geometrisierung, Technisierung und Kommerzialisierung vom Faktor Beschleunigung erfasst, der sich in ihrem Veränderungstempo und den gewandelten Bewirtschaftungsweisen ausdrückt. Die Transformationen, welche die Landschaften aus ihrem integrierten Gleichgewicht kippen und in Unruhe versetzen, werden in aller Regel durch politische Instrumente unter Produktivitätsvorzeichen gesteuert. Der Planungs-, Erschließungs- und Verwaltungsgrad von Landschaft ist dabei maximal.

Gleichzeitig wird der Zugriff auf Landschaft in der Neuzeit immer unersättlicher: Seit Beginn der Industrialisierung um 1700 wurde fünfmal so viel Naturland weltweit zu Ackerfläche gemacht als jemals zuvor, das Weideland nimmt statt damals zwei Prozent der Erdoberfläche heute ein Viertel in Anspruch. Nicht zu reden von mehr und mehr verdichteten Ballungs- und Verkehrsräumen. Weiterhin machen Flächenfraß und Bodenversiegelung vor Landschaften keinen Halt, verschlingen allein in Deutschland jedes Jahr eine Landschaftsfläche annähernd in der Größe Frankfurts.

Wir wissen inzwischen, im Prozess der Kultivierung von Naturräumen und der Urbanisierung von Kulturlandschaften werden in aller Regel 90 Prozent der ursprünglich dort lebenden Organismen vernichtet. Dass selbst in einer Industrienation wie Deutschland im sogenannten ländlichen Raum beinahe die Hälfte der gesamten Wertschöpfung erzeugt wird, macht es verständlich, warum es Landschaften verwehrt ist, ihren ursprünglichen Anspruch, in Ruhe gelassen zu werden, auch nur in winzigen Resten zu behaupten.

Kampf um Reichtum auf den Rücken der Landschaften

Landschaften sind prekär geworden. An vielen Orten sehen wir sie in ihrer Eigenart bedroht oder bereits stark beschädigt, mit der Folge, dass aus hegemonialen oftmals dramatische Landschaften geworden sind. Klassischerweise ist das Drama der Ort, an dem zwischen Menschen und Göttern die allgemeine Ordnung, der Kosmos, verhandelt wird. Dramatische Landschaften sind Teil jenes Kosmos geworden, wo sich das Leben insgesamt in Frage gestellt sieht.

Halten wir uns vor Augen: Würde das Konsum- und Wohlstandsniveau Deutschlands der gesamten Menschheit zur Verfügung stehen, bräuchte es eine dreimal so große Erde, die Bedürfnisse zu befriedigen. Der ungebremste Kampf um Rohstoffe und Reichtum wird dabei vor allem auf dem Rücken der globalen Landschaften ausgetragen, mit real spürbaren Effekten: Erschöpfung, Degeneration, Übernutzung und Vergiftung. Wenn ‚Natur‘ nicht mehr Natur ist, sondern insgesamt zur Ressource wird, ob belebt oder unbelebt, haben sich die Vorzeichen für Landschaften fundamental verändert.

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Wo sich die Verantwortung für das Kollabieren weiter landschaftlicher Lebensräume aber nicht einfach von uns wegschieben lässt, ergibt sich daraus eine unerlässliche Schlussfolgerung: die Entstehung einer universellen Landschaftspolitik. Denn die Gefährdung und die wachsenden Risiken für Landschaften politisieren selbst jene Terrains, die man bis vor kurzem noch außerhalb von Politik wähnte: Gletscherrinnenseen, Magerwiesen, Wanderdünen oder Froschtümpel.

Die einst mit Verheißungen angefüllte Zukunft hat sich durch Klimawandel, Umweltzerstörung und anhaltendes Wachstum der Weltbevölkerung zu einer von Ängsten besetzten Vorstellung gewandelt. Die Melancholie, bisher vom Verlust des Vergangenen betrübt, hat ihre Richtung geändert: Sie trauert der Zukunft nach. Umso dringlicher stellt sich die Frage, ob es so etwas wie einen utopischen Impuls von Landschaft gibt? Wie sieht ein nächster Schritt aus, der aus den dramatischen Landschaften herausführt?

Bedingungen für ein besseres Leben

Wir leben nicht außerhalb von Landschaften, wir leben in der Landschaft, in die wir, gleichgültig wie lange und wie oft wir uns in ihr aufhalten, auf die eine oder andere Weise hinein verwoben sind. Ein umfassendes, alles einschließendes Netzwerk, worin nicht bloß eine Gattung die Fäden zieht, selbst wenn wir das erst wieder mühsam zu erlernen haben.

Wenn es kein Außen mehr gibt, in dem Natur existiert, blicken wir stattdessen auf etwas Anderes: ein allseitiges gemeinsames Hier. Das irdische Ganze. Jede Landschaft entsteht als Resultat von etwas, das aus unzähligen Mitwirkungen zustande kommt. Die Mitwirkenden sind Blätter, Pilze, Staub, Wolken, Mikroorganismen und tausend andere Coworker, darunter auch der Mensch. Diese ausgewogene, über lange Zeiträume hinweg eingespielte Kollaboration wird von hegemonialen Landschaften aufgekündigt und aktuell zum Drama des Lebens zugespitzt.

Um zu neuen – nennen wir sie – balancierten Landschaften zu kommen, bedarf es eines Verständnisses davon, dass jede Landschaft universell und politisch in dem genauen Sinn ist, in dem sie existenzielle Bedeutung für das lokale und planetarische Leben besitzt. Miteinander verflochten und verschränkt, schaffen wir die Bedingungen für ein besseres Leben nicht, indem wir beträchtliche Teile der Biosphäre abschaffen. Wenn es heute zwingend erforderlich ist, balancierte, nichthegemoniale Landschaften für alle Teile der Erde auszuformulieren, dann verknüpft sich damit eine umfangreiche natural-soziale Handlungsaufforderung.

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Ausgewogene Landschaften, in denen Interessen der Gesamtheit von Lebewesen und Topografien Berücksichtigung finden, setzen eine behutsame Wahrnehmung der feinen räumlichen Gleichgewichte des nichtmenschlichen Lebens voraus. Sie verlangen eine radikale Verringerung des Landschaftstempos, womit biologische Balancen wieder ermöglicht und natürliche Räume in einer bewegten Ruhe gehalten werden, deren Verschiebungen in Zeiträumen vonstattengehen, welche Lebewesen die nötigen Modifikationen und Anpassungen erlauben.

Zudem kommen wir nicht länger darum herum, in die Landschaft das angespannte Beziehungsgefüge von Stadt und Land mit einzutragen. Was die Aufgabe benennt, aus städtischen Ausfransungen und erweiterten Stadtregionen neuartige Hybride urban-ländlichen Lebens herauszubilden, die mit Hilfe digitaler Technologien zu lokalen Arbeits- und Lebensorganisationen finden und aufgrund ihrer stärker ortsgebundenen Lebensweise wieder ein verbindliches Gefühl der Zuständigkeit für den Raum entwickeln, in dem man lebt.

Revolutions der menschlichen Lebensweise notwendig

Das alles, und anderes mehr, ist wichtig. Es gilt jedoch einen noch viel grundsätzlicheren Wandel einzuleiten und dabei den Sinn des Begriffs Fortschritt neu zu fassen. Sofern ausgewogene Landschaften nämlich kostbare Lebensgemeinschaften und Lebensgüter in einem umgreifenden Sinn darstellen, werden sie zwangsläufig zum Schauplatz einer Revolution, die aus ihnen selbst – aus den Böden, Pflanzen, Tieren, der Luft und Gewässern – hervorgeht: die Revolution der menschlichen Lebensweise.

Ökonomische Eigeninteressen sind gegenüber Allgemeingütern, wie es Landschaften sind, gänzlich neu abzuwägen, um das Wohlergehen aller, und damit ist gemeint: aller dortigen Lebewesen, respektvoll zu berücksichtigen. Die kapitalgetriebene Nutzenmaximierung, der sich Landschaften seit Jahrzehnten ausgesetzt sehen, lässt sich mit Belangen von Gemeinwohl und dem menschheitlichen Recht auf eine gute Zukunft nicht in Einklang bringen, ohne globale Einschränkungen zu formulieren. Es bedarf einer starken Bewegung für die erneuerte Einbettung von Landschaft in einen gesellschaftlichen Sinn, indem er die gemeinschaftliche Unterstützung bäuerlicher Produktion fördert und leidenschaftlich über Vorgehensweisen einer neuen Landreform nachdenkt, mit der Investorenland wieder in Erzeugerhand übergeht.

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Seit der Gründung erster mesopotamischer Städte vor 6.000 Jahren hat sich nichts an ihrer wesentlichen Voraussetzung verändert: einer die Zentren mit schmackhaften, hochwertigen Nahrungsmitteln versorgenden Landwirtschaft. Damit änderte sich aber auch nichts an der urbanen Abhängigkeit. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, Landschaften begännen am Rand von Städten. Sie beginnen in der Stadt, in jeder Wohnung, jedem Büro. Im Wissen, dass die Erzeugung von Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Produkten nicht aufs Spiel gesetzt werden darf, gehören balancierte, intakte und mit vielfältigem Leben erfüllte Landschaften, insbesondere vor dem Hintergrund der Verwobenheit aller Arten, Gene und Ökosysteme, zu den elementaren menschlichen Bedürfnissen.

Vielleicht ist heute der Zeitpunkt gekommen, wo zunehmend mehr Menschen das erkennen. Wo deutlich wird, wir sind als Menschen immer auf Landschaft und bestimmte Orte bezogen. Denn Landschaften räumen uns Orte ein, sie werden zu Bühnen der Verräumlichung oder genauer: der Verortung unseres Lebens. In ihnen bildet sich eine geschichtliche, politische und mentale Topografie ab. Landschaft ist, präzise gesagt, ein Erfahrungs- und Erzählraum, in dem wir uns selbst und anderen begegnen, in einer Spannung von Distanz und Identität.

Landschaften im planetarischen Zeitalter

Die Landschaft in ihrer erzählten Fremdheit und Vertrautheit ist ein eminent politischer Raum, worin sich, im besten Sinn, eine Identität von Nichtübereinstimmung als souveräne Zugehörigkeit ausbildet. Die Zivilisation der Überheblichkeit und Anmaßung blickt sich in der Landschaft selbst ins Gesicht, verletzt, unversöhnt. Kann sein, die zivilisatorische Pathologie, die uns in der Landschaft vor Augen tritt, ist in einem Maße unübersehbar geworden, dass das Verlangen nach neuen kulturellen Umgangsformen mit ihr wächst.

Gewiss aber ist, weniger denn je sind Landschaften im planetarischen Zeitalter schieres Privateigentum einiger Weniger. Vielmehr werden sie als Zukunftsressourcen in weitaus höherem Maße als bisher mit der Schutzanforderung eines öffentlichen Guts verknüpft werden müssen. Ein derartiger Systemwandel nimmt jedoch auch die Gesellschaft als Ganze, und damit jeden einzelnen, in die Verantwortung.

Er stellt nicht zuletzt Fragen nach anderen Konsumstilen und einer anspruchsvollen Genügsamkeit, der das Immer-mehr nicht gut genug ist. Und er legt nahe, über erneuerte Formen der landschaftsnutzenden Wirtschaft nachzudenken, die von rechtlichen Regelungen, der Umsteuerung durch Anreize und institutionelle Direktiven bis zu gesellschaftlichen Beteiligungen reichen können, mit denen sich das Modell der Allmende, des gemeinschaftlichen Landschaftseigentums, mit frischem Leben erfüllen lässt.

Es gibt also gute Gründe, die in unserem ureigensten Interesse liegen, aus der Landschaftsrenaissance eine sanfte Landschaftsrevolution werden zu lassen. In der globalen Welt gibt es nichts Fernes. Die Arktis und der Amazonasurwald sind nicht anderswo und auch nicht weit weg. Sie sind hier, unter unseren Füßen. Die denaturierten urbanen Zonen zu renaturieren und die degenerierten Landschaften zu regenerieren, fällt unter die nicht aufschiebbaren Aufgaben unserer heutigen Zivilisation.

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