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StartseiteEuropa heute"Uns hilft ja auch keiner"25.03.2010

"Uns hilft ja auch keiner"

Niederlande diskutiert über Notfallhilfen für Griechenland

Für die Finanzsorgen der Griechen gibt es in den Niederlanden wenig Verständnis. Den EU-Partner in der Wirtschaftskrise finanziell zu unterstützen, das kommt für viele Niederländer nicht infrage - auch nicht für die Mehrheit der Abgeordneten im Parlament.

Von Kerstin Schweighöfer

Dunkle Wolken über der Akropolis. (AP)
Dunkle Wolken über der Akropolis. (AP)

Auf dem Treubplatz im Haager Vorort Voorschoten, gleich gegenüber vom Blumenladen, steht wie jeden Vormittag Käsehändler Bink Heijmans mit seinem Stand.

An den runden gelbgold glänzenden Käsekugeln, die sich auf seiner Theke türmen, haben nicht nur Touristen ihre helle Freude. Auch die Stammkunden wissen seinen pikanten Bauern- oder seinen Kümmelkäse zu schätzen. Egal, ob mager oder vollfett, groß oder klein, der alte Bink hat die verschiedensten Sorten in petto - bloß keinen griechischen Käse:

"Kommt nicht infrage!", stellt er klar. Denn auf die Griechen ist er nicht gut zu sprechen. Keinen Cent an niederländischen Steuergeldern hätten die verdient:

"Diese Suppe haben sie sich selbst eingebrockt, die müssen sie auch selbst wieder auslöffeln. Wir müssen ja auch sehen, wo wir bleiben! Uns hilft ja auch keiner!"

"Wenn ich Mist gebaut habe, geben Sie mir dann vielleicht 100.000 Euro?", " fragt er eine Kundin.

""Natürlich nicht!", erwidert diese und erinnert daran, dass die Niederlande jahrelang EU-Nettozahler waren, das heißt, sie haben mehr an Brüssel gezahlt, als sie bekommen haben. Dabei, so klagt sie, hätte der Euro das Leben schon teuer genug gemacht! Am liebsten hätten sie und ihr Mann den guten alten Gulden zurück.

Das wünscht sich immer noch jeder zweite Niederländer, hat eine Untersuchung im vergangenen Jahr ergeben. Kaum einem anderen EU-Land ist der Abschied von der alten Währung so schwergefallen wie den Niederländern. 97 Prozent rechnen bei großen Beträgen immer noch um. Und 89 Prozent geben dem Euro die Schuld an den gestiegenen Preisen.

Angesichts der Wirtschaftskrise jetzt auch noch für die Griechen zu zahlen, kommt für viele Niederländer deshalb nicht infrage - auch nicht für die Mehrheit der Abgeordneten im Parlament: Die Hand aufhalten könne Griechenland nur beim Internationalen Währungsfonds IWF, dafür sei der schließlich da. Das müssten Finanzminister Jan Kees de Jager und Premierminister Balkenende beim Gipfel in Brüssel unmissverständlich klarmachen:

"Bisher haben unsere Finanzminister in Brüssel immer Rückgrat bewiesen und sind noch nie eingeknickt", so der rechtsliberale Abgeordnete Frans Weekers. "Deshalb: Kein niederländisches Geld an Griechenland."

"Auch für uns kommt nur der Weg über den IWF infrage", betonte der Christdemokrat de Nereé. "Wenn das nicht reicht, müssen die Möglichkeiten des IWF erweitert werden. Jedenfalls haben auch alle zusätzlichen Darlehen über den IWF zu laufen."."

Premierminister Balkenende und Finanzminister de Jager allerdings, beide ebenfalls Christdemokraten, sehen das nicht ganz so streng. Im äußersten Falle müssten sich die Niederländer kompromissbereit zeigen, so de Jager:

""Sonst komme ich möglicherweise mit leeren Händen aus Brüssel zurück", warnte er das Parlament. "Wir können es drehen und wenden, wie wir wollen, aber wenn Not am Mann ist, wenn der IWF alleine nicht ausreicht, dann muss Europa bereit sein, den Griechen zu helfen!"

Das sei gefährlich, mahnen Wirtschaftsexperten. Manche prophezeien bereits das Ende des Euro, darunter auch Wirtschaftsprofessor Arjo Klamer von der Rotterdamer Erasmus-Universität:

"Griechenland ist ein fauler Apfel, der andere Äpfel im Korb anstecken könnte", warnte Klamers die niederländischen Fernsehzuschauer. Irgendwann sei das Maß voll: "Die Frage ist bloß, wann das erste Land aussteigt und sich vom Euro trennt", so der Professor. "Währungsunionen werden niemals alt, sie leben höchstens 20, 25 Jahre. Denn dazu braucht es einen starken politischen Willen. Deshalb wird auch der Euro nicht sonderlich alt werden", prophezeit Klamer. "Wir können uns besser auf sein vorzeitiges Ende einstellen."

Käsehändler Bink Heijmans und seine Kundschaft würden das nur begrüßen. Aber für den alten Bink ist die Sache ohnehin klar: Die harte Haltung gegenüber Griechenland hält die niederländische Regierung in Brüssel am Ende doch nicht lange durch:

"Es wird drauf rauslaufen, dass wir klein beigeben und den Griechen doch helfen. Aus unserem Nein wird ein Vielleicht und letztendlich zahlen wir doch!"

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