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StartseiteForschung aktuellMacht Ultraschall krank?25.01.2016

Unsichtbare GefahrMacht Ultraschall krank?

Ausdünstungen von Kopierern, Strahlung aus Mobilfunkmasten, störender Infraschall von Windkraftanlagen: Es gibt viele Aspekte der modernen Technik, die angeblich gesundheitsschädlich sind. Und nun könnte auch noch Ultraschall krank machen. Das zumindest behauptet ein vielfach ausgezeichneter englischer Wissenschaftler und Erfinder.

Von Volkart Wildermuth

Eine Lautsprecherbox hängt in einer Disco und wird durch das Licht leicht lilafarben angestrahlt (imago / David Heerde)
Eine kräftige Ultraschallquellen: Lautsprecher. (imago / David Heerde)
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Professor Timothy Leighton ist Spezialist für Ultraschall und Unterwasserakustik an der Universität Southampton. Auf diesem Gebiet ist er ein vielfach ausgezeichneter Experte und Erfinder und taucht gelegentlich auch in den Medien auf. So sind Menschen auf ihn aufmerksam geworden, die sein Fachwissen anzapfen wollten.

"Etwa vor einem Jahr haben mich unabhängig voneinander mehrere Leute aus ganz England kontaktiert. Sie litten an Kopfschmerzen, an Übelkeit, Schwindel, Erschöpfung und Migräne. Und das führten sie auf Ultraschall zurück."

Die Ärzte hatten sie abgewiesen, oft mit dem Argument, dass Ultraschall nur wenig Energie transportiert. Aber das gilt ja auch für hörbaren Schall, und dass der bei hohen Dezibel-Werten krank machen kann, gilt als erwiesen. Timothy Leighton beschloss der Sache nachzugehen.

"Wir holten Mikrofone und Rekorder, drei Systeme. Ich wollte mich nicht nur auf eines verlassen, wenn ich etwas messe, das ich gar nicht hören kann. Und dann gingen wir raus in die Welt und haben nach Ultraschall gelauscht, vor allem an Orten, wo sich Leute beschwert hatten. In Bahnhöfen, Büchereien, Museen und Schwimmbädern entdeckten wir kräftige Ultraschallquellen: die Lautsprecher für Durchsagen."

Ungültige Richtlinien, falsche Statistiken

Die Betreiber müssen sicherstellen, dass solche Ansagesysteme ständig funktionieren. Deshalb senden die Lautsprecher unhörbaren Ultraschall aus. Der stört nicht, und wenn er wegfällt ist klar, das System muss repariert werden. Eigentlich kein Problem, die Ultraschallpegel liegen unter den Grenzwerten. Das beruhigte auch Timothy Leighton, bis er sich die Studien genauer ansah, auf denen diese Grenzwerte beruhen.

"Die gültigen Richtlinien sind nicht angemessen. Sie beruhen auf schlechter Statistik und gelten nur für den Arbeitsplatz."

Zumindest mit seiner Einschätzung der Richtlinien steht er nicht alleine da. Professor David McAlpine vom australischen Hearing Hub, dem dortigen Zentrum für Hören, schreibt in einem Kommentar für das australische Wissenschaftsportal "scimex":

"Unser Verständnis der Effekte lauter Geräusche verändert sich rapide und es zeigt sich: Sie sind schädlicher, als gedacht. Dass der Artikel jetzt fordert, die Empfehlungen zu überdenken, kommt zur rechten Zeit."

Die Lärmschutzrichtlinien für Ultraschall sind überholt, so viel scheint klar zu sein. Aber das ist nicht unbedingt ein Problem, schließlich kann man Ultraschall nicht hören. Etwa einer unter zwanzig nimmt Frequenzen um 20 kHz aber tatsächlich als hohes Sirren wahr. Außerdem könnte es sein, dass das Trommelfell dem Gehirn direkt eine Schwingung meldet, auch wenn das Innenohr sie nicht als Ton interpretieren kann. Ein solcher Widerspruch zwischen den Sinnesdaten könnte körperliche Symptome auslösen, spekuliert Timothy Leighton, etwa wie bei der Seekrankheit. Trotzdem ist die entscheidende Frage ungeklärt: Haben die Symptome der Betroffen überhaupt irgendetwas mit Ultraschall zu tun? Beim Umweltbundesamt hat es bislang jedenfalls keine Anfragen zu Thema Ultraschall gegeben. Es geht ja auch um recht unbestimmte Beschwerden, die von den Betroffenen auf eine ganze Reihe möglicher Ursachen zurückgeführt werden, etwa auf das Sick-Building-Syndrom oder auf virale Infekte. Deshalb äußert sich auch der Psychologe David McGonigal von der Universität Cardiff gegenüber dem englischen Science Media Center skeptisch.

"Obwohl der Titel etwa anders nahelegt liefert der Artikel keine Belege für einen Zusammenhang zwischen Ultraschall und subjektiven Symptomen wir Kopfweh oder Schwindel."

Die könnten nur gut geplante Studie liefern, so McGonigal, Anekdotenreichen nicht aus. Das sieht Timothy Leighton im Grunde genauso, plädiert aber trotzdem für schnelles Handeln.

"Aussagekräftige Studien brauchen viel Zeit. Während sie laufen, soll es da keine Kontrollen geben? Sollen wir die Befürchtungen ignorieren? Oder sagen wir: Wir brauchen schnell neue Grenzwerte, die die Hersteller nicht überschreiten dürfen."

Warnung vor Panikmache

Diesen Alarmismus hält Jan Schupp, Professor für Hirnforschung an der Universität Oxford für weit übertreiben. Er schreibt in einem Kommentar:

"Millionen von Menschen waren jahrelang Ultraschall von Leuchtstoffröhren ausgesetzt, und trotzdem leben sie länger und gesünder als die Generation ihrer Eltern. Wir wissen genug, um sicher zu sein: Ultraschall ist für die Menschen keine relevante Gesundheitsgefahr."

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