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StartseiteKommentare und Themen der WocheMehr Masse als klare Aussage13.10.2018

#Unteilbar-DemonstrationMehr Masse als klare Aussage

Was von der #Unteilbar-Großdemonstration in Berlin im Gedächtnis bleibe, sei die beeindruckende Masse an Menschen, die ein Zeichen gegen Hass und Ausgrenzung setzen wollten, kommentiert Anja Nehls. Allerdings drohten bei der Vielzahl der vertretenen Anliegen die Inhalte zu verschwimmen.

Von Anja Nehls

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Der Zug der Demonstration gegen Rassismus und Rechtsruck mit dem Motto "Unteilbar" zieht vor dem Brandenburger Tor auf der Straße des 17. Juni Richtung Siegessäule. (picture alliance / Christoph Soeder)
Mehr als 242.000 Menschen waren laut Veranstalter in Berlin auf der Straße - das hatte "eher einen Happening-Charakter", so die Polizei (picture alliance / Christoph Soeder)
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Ein gutes Essen besteht meist nicht aus einer unüberschaubaren Anzahl von Zutaten. Wenige Gemüsesorten und je nach Geschmack eine einzige Fleischsorte, fein abgeschmeckt und raffiniert präsentiert - das bleibt im Gedächtnis. Ein Zuviel an kulinarischen Themen auf dem Teller sorgt dafür, dass man die einzelnen Bestandteile nicht mehr richtig wahrnehmen kann - und das gilt nicht nur beim Essen.

Alle, die irgendwie ein Anliegen haben

Wenn bei der #unteilbar-Demonstration linke Gruppen für Klassenkampf statt Rassismus kämpfen, Vertreter von Mieterorganisationen für bezahlbare Wohnungen, Umweltschützer gegen Atomkraftwerke, Streikende von Ryanair gegen niedrige Löhne, Sozialverbände gegen das aktuelle Hartz IV, Lesben und Schwule gegen Ausgrenzung, Flüchtlingshilfeorganisationen gegen Abschiebungen, Klimaschützer gegen die Autolobby und alle zusammen irgendwie auch gegen die AfD, dann fragt man sich, was dabei am Ende eigentlich herauskommen kann.

Der Schirm ist so weit gespannt, dass alle darunter Platz finden, die irgendwie ein Anliegen haben, von dem sie aus irgendeinem Grund überzeugt sind, dass es irgendwie zu den Guten gehört. Der Zentralrat der Muslime ist auch dabei und betont, der Islam gehöre zu Deutschland. Die Menge klatscht. Die dezente Kritik einer Seyran Ates, dass es da Verflechtungen des Zentralrats mit islamistischen und rechtsextremen Gruppen gebe, wird von den Veranstaltern weggelächelt fast wie bei Merkel.

Unteilbar - Solidarität statt Ausgrenzung, für eine offene und freie Gesellschaft: Das Motto habe schließlich jeder gelesen und man könne davon ausgehen, dass jeder, der hier mitmacht, auch dahintersteht. Das könnte man naiv nennen und die Frage stellen, ob eine große Bühne, mehrere zehntausend Menschen davor und die Medien nicht auch ein gutes Lockmittel für Anliegen aller Art sind - ob es wirklich die guten sind, kann bei der Vielzahl der Anliegen sowieso nicht mehr geprüft werden.

Ein Zeichen setzen - oder nur die Sonne genießen?

Sahra Wagenknecht von der Linken hat gezweifelt, weil sie keine Forderung nach offenen Grenzen oder unbegrenzter Migration unterstützen will. Worauf die Initiatoren den Schirm gleich noch ein bisschen weiter aufgespannt haben und versicherten, dass man offene Grenzen oder unbegrenzt Migration auch nie gefordert habe. Und dann ist vielleicht die Frage auch schon berechtigt, warum ausgerechnet die AFD keinen Platz unter diesem Riesenschirm finden sollte. Wahrscheinlich wären deren etwas unverfänglichere Themen, wie zum Beispiel die Rente, hier genauso wenig aufgefallen wie alle anderen Anliegen auch.

Was im Gedächtnis bleibt, ist die pure Masse von über 100.000 Menschen, die alle irgendwie ein Zeichen setzen wollten oder auch nur einen sonnigen Nachmittag und einen Abend mit Herbert Grönemeyer verbringen wollten. Und allein durch diese Masse derer, die heute den Allerwertesten hochbekommen haben, wurde ja auch ein Zeichen gesetzt – für zivilgesellschaftliches Engagement und Demokratie  – auch wenn die Inhalte verschwimmen. Aber ein Gefühl von Einigkeit bei bestem Wetter ist ja auch bereits ein Wert an sich. Bei einem Essen mit zu vielen Zutaten würde man sagen, es hat zwar nicht geschmeckt, niemand weiß, was drin war, aber der Koch hat sich Mühe gegeben und die Gesellschaft war doch nett.

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