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StartseiteInformationen am MorgenChina verbietet Smog-Doku09.03.2015

"Unter dem Firmament"China verbietet Smog-Doku

China will härter gegen die verheerende Umweltverschmutzung im Land vorgehen. Als jedoch ein Film über Smog ein Millionenpublikum erreicht, greifen die Zensoren hart durch. Auch dem neuen Umweltminister wird ein Maulkorb verpasst.

Von Ruth Kirchner

Starker Verkehr in Peking, die Stadt liegt unter dichtem Smog  (picture alliance / dpa / Stephan Scheuer )
Dichter Smog in Peking (picture alliance / dpa / Stephan Scheuer )
Weiterführende Information

China - Recht auf saubere Luft
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 08.09.2014)

Kohlekraft - Smog-Land China als Klimaretter
(Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher, 11.04.2014)

Tagung des Volkskongresses - China steigert Militär- und Umweltetat
(Deutschlandfunk, Aktuell, 05.03.2014)

Erst der Film, die große Debatte, dann der Maulkorb. Der Film, "Unter dem Firmament" [Anmerkung d.Redaktion: Originaltitel der Dokumentation heißt "Under the dome"], der China letzte Woche aufrüttelte und den jetzt keiner mehr anschauen darf, beschreibt eindringlich die verheerende Luftverschmutzung in Peking und anderen Landesteilen.

"Nur wenn die Luft gut ist, kann ich mit meiner Tochter nach draußen gehen", erzählt die bekannte Journalistin Chai Jing. "Aber an wie viel Tagen geht das? 2014 hatten wir an 175 Tage eine schwere Luftverschmutzung. Das heißt, fast ein halbes Jahr musste ich meine Tochter zu Hause wie eine Gefangene halten."

"Unter dem Firmament" ist sehr persönlich gehalten, erläutert aber vor allem, was viele in China nicht wissen oder nicht wahrhaben wollen: Wie Smog entsteht, wie Feinstaubpartikel in die Lunge geraten, wie sie Krebs auslösen können. Chai Jing zeigt auch das Versagen der Politik: Mitarbeiter der Umweltbehörde berichten von ihrer Ohnmacht gegenüber Staatskonzernen. Damit traf die Journalistin einen Nerv, nicht nur bei der Regierung, sondern auch im Milliardenvolk: Rund 200 Millionen Chinesen haben "Unter dem Firmament" letzte Woche im Internet angeklickt.

"Ein großartiger Film", sagt ein Pekinger Passant. "Der Film zeigt, dass der Smog wirklich alle angeht."

"Noch nie da gewesener Konflikt zwischen Entwicklung und Umweltschutz"

Doch mit der Aufklärung ist es schon wieder vorbei. Nachdem anfangs sogar Staatsmedien für den Film geworben hatten, wurde er am Wochenende von allen Videoplattformen entfernt - ohne Erklärung.

Antworten erhofften sich die Journalisten bei der ersten Pressekonferenz des neuen Umweltministers Chen Jiming. Ende Februar war der 51-jährige ehemalige Präsident der Elite-Universität Tsinghua zum Umweltminister berufen worden. Er sollte dem schwachen Ministerium mehr Einfluss verleihen.
"Wir sind mit einem in der Menschheitsgeschichte noch nie da gewesenen Konflikt zwischen Entwicklung und Umweltschutz konfrontiert", sagte er vor voll besetztem Saal."Chinas Umweltprobleme können nicht über Nacht gelöst werden, unsere Erwartungen dürfen nicht zu hoch sein. Aber wir dürfen nicht nachlassen, nicht faul oder passiv sein."

Und der Dokumentarfilm? Fragen dazu waren nicht zugelassen. Chinesische Journalisten waren angewiesen worden, heikle Themen zu vermeiden. Korrespondenten großer internationaler Medien kamen nicht dran. Der neue Umweltminister, kaum eine Woche im Amt, und schon ein zahnloser Tiger.

Internet-Film durfte nicht die Debatte beherrschen

Vor allem fragen sich viele, warum die Zensoren nicht mal eine Dokumentation über den Smog zulassen können. Wovor haben sie Angst, fragte ein Internetnutzer? Wo doch selbst Premier Li Keqiang dem Smog den Krieg erklärt hatte? Doch zu viele Fragen soll das Milliardenvolk offenbar nicht stellen - etwa nach dem Einfluss der großen Kohle- und Ölkonzerne.

Und noch etwas mag der Führung aufgestoßen sein. Zum Volkskongress läuft die Propagandamaschine auf Hochtouren, berichten die Staatsmedien stunden- und seitenlang über ein Parlament, das keine Macht hat, und über Pressekonferenzen mit vorher bestellten Fragen. Dass stattdessen ein privat finanzierter Internet-Film die Debatte beherrscht, das durfte nicht sein. Die Anweisungen der Zensoren waren eindeutig: Nehmt "Unter dem Firmament" aus dem Netz, heißt es in den Direktiven. Verhindert, dass die Themen des Volkskongresses verwässert werden. Blockiert alle Äußerungen, die Zweifel an der Regierung wecken könnten.

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