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StartseiteTag für TagFriedrich Schillers ästhetische Erziehung des Menschen27.11.2015

"Unter der Hülle aller Religionen liegt das Göttliche"Friedrich Schillers ästhetische Erziehung des Menschen

Friedrich von Schiller (1759-1805) gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter. Aufgewachsen in einem pietistischen Milieu in Marbach am Neckar distanzierte er sich früh vom christlichen Glauben und beschäftigte sich mit religionsphilosophischen Fragen. Ergebnisse dieser Überlegungen hat er in seinen Schriften zur ästhetischen Erziehung des Menschengeschlechts festgehalten.

Von Astrid Nettling

(picture alliance / dpa / Inga Kjer)
Eine Statue des Dichters, Philosophen und Historikers Friedrich Schiller in Marbach (picture alliance / dpa / Inga Kjer)

Im Alter von 13 Jahren wird er auf Anordnung des Herzogs Karl Eugen in dessen "militärische Pflanzschule" bei Stuttgart, der späteren Hohen Karlsschule, aufgenommen. Acht Jahre später, im Dezember 1780, verlässt er sie nach hartem Schuldrill und ungeliebtem Medizinstudium - sowie mit einer massiven Glaubens- und Weltanschauungskrise. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Riedel:

"Newton war allenthalben das große Vorbild, die Trias 'Beobachtung - Feststellung von Regelmäßigkeiten - Festhalten dieser Regelmäßigkeiten in möglichst mathematisch beschreibbaren Gesetzen' sollte für alle Wissensgebiete gelten. Spekulationen über die 'hinter' den empirischen Sachverhalten liegenden Kräfte waren verpönt."

Für Schiller war es ein Schock. Noch während seines Studiums antwortet der Medizinstudent auf diesen "Angriff des Materialismus", der sich auf die bloße Erkenntnis kausal-mechanischer Naturzusammenhänge beschränkt, mit einer Philosophie allumfassender Liebe, einer "Theosophie", die auf ein göttliches Prinzip 'dahinter' spekuliert.

Friedrich von Schiller: "Das Universum ist ein Gedanke Gottes. Nachdem dieses idealische Geistesbild in die Wirklichkeit hinübertrat, ist der Beruf aller denkenden Wesen, in dem vorhandenen Ganzen die erste Zeichnung wiederzufinden. Liebe - das schönste Phänomen in der beseelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt - ist der Widerschein dieser einzigen Urkraft."

Dazu der Literaturwissenschaftler Benno von Wiese: "Das Schema seines philosophischen Denkens ist eine aufgeklärte Theodizee, die ihre Wurzel in Leibniz hat. Die Welt - das "Universum" - ist von Gott, dem höchsten denkenden Wesen, nach einem Plan entworfen. Einsicht in diesen Plan bedeutet für den Menschen Glückseligkeit. Es ist das gleiche geistige Gesetz, das in der Natur und in der Menschenwelt herrscht, Schiller nennt es die "Liebe"."

Friedrich von Schiller: "Möglich, daß das ganze Gerüste meiner Schlüsse ein bestandloses Traumbild gewesen. Aber eine Wahrheit ist es, die gleich einer festen Achse, durch alle Religionen und alle Systeme geht! - "Nähert Euch dem Gott, den ihr meinet!""

Welchen Gott aber meint Schiller, wenn es weder der Gott seines ersten naiven Glaubens, noch der Gott seiner pietistischen Herkunft ist, aber ebenso wenig der Gott, den die Metaphysik mit den Mitteln spekulativer Vernunft zu erfassen suchte.

Immanuel Kants Kritik dieser Vernunft, die den Höhenflügen metaphysischer Spekulation klare Erkenntnisgrenzen gesetzt hatte, hatte auch Schillers Enthusiasmus gestutzt, ihn aber zugleich jenen Fragen ausgeliefert, von denen die Vernunft dennoch bedrängt wird. Nach Kant sind dies die unabschließbaren Fragen nach: "Gott, Freiheit und Unsterblichkeit".

Diese Fragen lassen auch den Dichter in der Folge nicht unberührt. In seinem Gedicht "Resignation" räumt Schiller ganz im Geiste Kants mit dem Gedanken der Erlösung "als philosophischer Mythe" auf - wie er es später nennt - sowie mit dem "Fieberwahn Unsterblichkeit", das heißt, mit dem Glauben, "in einem anderen Leben" für weltliche Entsagung und diesseitiges Leid Entschädigung zu finden. Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt:

"Seine Botschaft ist illusionslos: Das nach dem Tod auf der 'Schauerbrücke' zum Jenseits stehende Subjekt des Textes muss erfahren, dass die Hoffnung auf eine im Paradies erfolgende Belohnung seines weltlichen Verzichts trügerisch war."

Dass der Tod die Grenze allen Lebens bedeutet, war dem Dichter seit seinem Medizinstudium Gewissheit. Wohl steht es den Menschen frei zu hoffen, wie es ihnen genauso freisteht, die Güter dieser Welt zu genießen. Stets aber entscheidet ihre Wahl für ein Leben, das sie hier und jetzt, ohne Jenseitserwartung zu führen haben. Am Schluss des Gedichts wendet sich ein unsichtbarer Genius an die Menschen:

"Zwei Blumen, hört es, Menschenkinder,
Zwei Blumen blühen für den weisen Finder,
Sie heißen Hoffnung und Genuß.
Wer dieser Blumen eine brach, begehre
Die andre Schwester nicht.
Genieße, wer nicht glauben kann.
Wer glauben kann, entbehre.
Die Weltgeschichte ist das Weltgericht."

Wolfgang Riedel: "Unmissverständlich verweist der Genius das Ich in die Immanenz zurück. Auch der Glaube an ein ewiges Leben ist nur eine innerweltliche Haltung, die sich im irdischen Leben erfüllt, und nicht danach. Dies meint der Titelbegriff 'Resignation': Verzicht auf jede Unsterblichkeitshoffnung, Resignation in die Immanenz der Weltgeschichte. Sie bedeutet Schillers vollständigen Übergang von der Theologie zu einer rein innerweltlichen Lehre vom Menschen."

So bleibt es nicht aus, dass diese Hinwendung zur Diesseitigkeit ebenso zu einem Bruch mit der christlichen Gottesvorstellung führt. Benno von Wiese:

"In der Konsequenz dieses Ansatzes lag es, dass der richtende, nach abstrakten Gesetzen handelnde Gott in zunehmendem Maße zu einem falschen Gott wurde, dem gegenüber die Instanz des wahrhaft Göttlichen im konkret Diesseitigen selbst gesucht werden musste. Hier setzt die Abwendung Schillers vom Christentum ein, die wenige Jahre später in dem Gedicht "Die Götter Griechenlands" gipfelte."

"Da ihr noch die schöne Welt regiertet,
An der Freude leichtem Gängelband
Glücklichere Menschenalter führtet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!"

Im März 1788 erscheint das Gedicht in Wielands "Teutschen Merkur". Seinem Freund Gottfried Körner teilt Schiller voller Freude mit, dass es wohl das Beste sei, was er in letzter Zeit hervorgebracht habe.

"Da der Dichtkunst malerische Hülle
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! -
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
Und, was nie empfunden wird, empfand.
Schöne Welt, wo bist du? - Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
lebt noch deine fabelhafte Spur.
Alle jene Blüten sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn,
Einen zu bereichern unter allen,
Musste diese Götterwelt vergehn."

Unmittelbar nach Erscheinen bricht ein Sturm der Empörung los. Man wirft dem Dichter antichristliche Tendenzen und atheistische Gotteslästerung vor, er falle hinter die Errungenschaften aufgeklärter Theologie zurück und verrate eine bedenkliche Nähe zu heidnischer "Abgötterei".

Schiller bleibt gelassen. "Die Götter Griechenlands" sei schließlich ein dichterischer Entwurf und kein Pamphlet für oder gegen eine bestimmte religiöse Weltsicht. Im Dezember heißt es in einem Brief an Körner:

"Der Dichter behandelt nie die Moral, nie die Religion, sondern nur diejenigen Eigenschaften von einer jeden, die er sich zusammen denken will. Wenn ich aus den Gebrechen der Religion oder der Moral ein schönes übereinstimmendes Ganze zusammenstelle, so ist mein Kunstwerk gut, und es ist auch nicht unmoralisch oder gottlos, eben weil ich beyde Gegenstände nicht nahm, wie sie sind, sondern erst wie sie nach neuer Zusammenfügung wurden."

Dazu Rüdiger Safranski:

"Selbstverständlich weiß Schiller, dass die Wirklichkeit der griechischen Antike sich nicht mit dem Phantombild des ästhetischen Weltzustandes deckt. Es geht ihm um den Grundtypus eines alternativen Weltverständnisses. Er imaginiert das Fabelland der griechischen Antike, um den Denkraum zu erweitern. Es geht um Freiheit gegenüber den Zwängen der eigenen Epoche."

"Da die Götter menschlicher noch waren,
waren Menschen göttlicher",

lautet der Befund Schillers. In einer Epoche, die durch nüchternen Rationalismus sowie den unsinnlichen Purismus aufgeklärter Vernunftreligion geprägt ist, kann sich - davon ist der Dichter überzeugt - nur ein Menschentum entwickeln, das in seinen Möglichkeiten beschnitten ist.

Denn was bleibt, wenn sich das Göttliche aus der Natur und der sinnlich erfahrbaren Wirklichkeit in die Unsichtbarkeit eines "deus absconditus", eines dem Menschen verborgenen Gottes, zurückgezogen hat.

"Ausgestorben trauern die Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach! von jenem lebenswarmen Bilde
Blieb nur das Gerippe mir zurück."

In den folgenden Jahren arbeitet Schiller an seiner Theorie des Schönen. Sie soll die durch den Dualismus von Geist und Natur, Vernunft und Sinnlichkeit, Pflicht und Neigung unselig entzweite Menschennatur durch die Idee eines ganzen Menschen - "einig mit sich selbst" - versöhnen. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Riedel:

"Mit allem Nachdruck verschreibt sich Schiller dem Programm der 'Rehabilitation der Sinnlichkeit'. Der "ästhetische Zustand", in den das Ich bei der Erfahrung des Schönen der Natur oder der Kunst gerät, wird von Schiller begriffen als eine Balance, ein Ausgleich zwischen jenen beiden Naturen."

"Dadurch schon, daß die Natur ihn zum vernünftig sinnlichen Wesen, d. i. zum Menschen machte, kündigte sie ihm die Verpflichtung an, nicht zu trennen, was sie verbunden hat, auch in den reinsten Äußerungen seines göttlichen Teils den sinnlichen nicht hinter sich zu lassen und den Triumph des einen nicht auf Unterdrückung des anderen zu gründen. In einer schönen Seele ist es, wo Sinnlichkeit und Vernunft, Pflicht und Neigung harmonieren", erklärt Schiller in seiner 1793 veröffentlichten Schrift "Über Anmut und Würde". Eigentlich ein Bewunderer Kants, spricht er sich darin gegen dessen rigorosen Pflichtbegriff aus, wie er ihn in seiner praktischen Vernunft entworfen hat. Friedrich von Schiller:

"In der Kantischen Moralphilosophie ist die Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen, die alle Grazien davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen könnte, auf dem Weg einer finstern und mönchischen Asketik die moralische Vollkommenheit zu suchen."

Der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt: "Damit sucht Schiller den Weg zu einer Synthese zwischen Ästhetik und Moral zu bahnen, die für Kant undenkbar schien."

"Es gibt keinen anderen Weg, den sinnlichen Menschen vernünftig zu machen, als dass man denselben zuvor ästhetisch macht.", bekräftigt er in seinen Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", die 1795 erscheinen. Dies aber ist die Aufgabe der Kunst.

"Die Anlage zu der Gottheit trägt der Mensch unwidersprechlich in sich: der Weg zu der Gottheit, wenn man einen Weg nennen kann, was niemals zum Ziele führt, ist ihm aufgetan in den Sinnen."

Und dabei wird es bleiben. Ende 1795 schließt der Dichter seine "philosophische Bude", wie er in einem Brief an Goethe schreibt.

Der Schriftsteller Rüdiger Safranski: "Die historischen, positiven Religionen waren für ihn Kulturleistungen vom schöpferischen Geist der Menschen hervorgebracht. Es war Schillers Bestreben in den manifesten Religionen die Spreu vom Weizen zu trennen."

Daran hat Schiller bis zum Schluss festgehalten. Im Vorwort zu seinem Trauerspiel "Die Braut von Messina", das er 1803, zwei Jahre vor seinem Tod, beendet, kommt er noch einmal darauf zurück:

"Ich halte es für das Recht der Poesie, die verschiedenen Religionen als ein kollektives Ganzes für die Einbildungskraft zu behandeln. Unter der Hülle aller Religionen liegt die Religion selbst, die Idee eines Göttlichen, und es muss dem Dichter erlaubt sein, dieses auszusprechen, in welcher Form er es jedes Mal am bequemsten und am treffendsten findet."

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