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StartseiteEuropa heuteUnter roter Fahne31.03.2010

Unter roter Fahne

Tschechien streitet um den Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit

In Tschechien ist eine heftige Debatte über die 'richtige' Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit entbrannt. Auslöser ist die Neubesetzung des Direktorenpostens im Institut für das Studium totalitärer Regime, einer Art tschechischer Birthler-Behörde.

Von Silja Schultheis

Sowjetische Panzer im sogenannten "Prager Frühling" 1968.  (AP)
Sowjetische Panzer im sogenannten "Prager Frühling" 1968. (AP)
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Dank und Applaus für Pavel Zacek, den scheidenden Direktor des Instituts für das Studium totalitärer Regime. Auf einer internationalen Konferenz über die Verbrechen des Kommunismus, Zaceks letzter großer Initiative, wird sein Engagement gewürdigt.

Vor drei Jahren beauftragte ihn die Regierung mit der Gründung des Instituts – nun soll sein Nachfolger Jiri Pernes das Amt übernehmen. Doch der steht seit Wochen im Mittelpunkt einer heftig geführten, öffentlichen Debatte: Denn im Bewerbungsverfahren hatte er den Besuch der Abenduniversität für Marxismus-Leninismus zunächst verschwiegen und später als akzeptablen Kompromiss bezeichnet, um trotz fehlenden Parteibuchs seine wissenschaftliche Karriere fortsetzen zu können.

Ausgerechnet in einem Institut, das sich die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit auf die Fahnen geschrieben habe, sei eine solche Biografie völlig inakzeptabel, meinen Kritiker. Während sie eine Neuausschreibung der Stelle fordern, warnen Andere vor einer pauschalen Dämonisierung:

"Ich finde, man sollte sich mehr in die Betroffenen hineinversetzen, sagt die Publizistin und frühere Dissidentin Petruska Sustrova. Wenn jemand sich damals wirklich bemüht hat, anständig zu bleiben, niemand anderem geschadet hat, aber trotzdem kleinere Kompromisse mit dem Regime eingegangen ist – weil es anders ja auch gar nicht ging -, dann ist er deshalb noch lange kein weniger integrer Mensch. Schließlich kann man die Menschen nicht nur nach ihrem Verhältnis zum System beurteilen, das wäre ja traurig."

Neben dem neuen Direktor Jiri Pernes ist aber auch die bisherige Arbeit des Totalitarismus-Instituts in die Kritik geraten: Es habe sich zu sehr auf Geheimdienst-Akten und Agenten-Affären konzentriert, zu wenig mit anderen wissenschaftlichen Instituten zusammengearbeitet, beanspruche die einzig 'wahre' Interpretation der Geschichte für sich und sei politisch instrumentalisierbar. Das will Nachfolger Jiri Pernes ändern:

"Mein Hauptziel ist es, die tschechische Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass dieses Institut keine politische Einrichtung ist, sondern eine wissenschaftliche, die zu einem besseren Verständnis unserer jüngeren Geschichte beitragen soll."

Dazu möchte Pernes künftig stärker mit weiteren wissenschaftlichen Instituten kooperieren. Bislang blickten viele Historiker eher argwöhnisch auf das vergleichsweise hochdotierte Institut, außerdem hatten sich mehrere jüngere Historiker mit dem bisherigen Direktor überworfen und das Institut verlassen. Jetzt sei es dringend geboten, an einem Strang zu ziehen und die kommunistische Vergangenheit endlich vielschichtiger und interdisziplinärer zu erforschen, fordert der Historiker Michal Kopecek vom Institut für Zeitgeschichte:

"Also Agent als Symbol des politischen Systems – irgendwie ist das natürlich verlockend. Aber auf der anderen Seite ist es total falsch, weil der Alltag der Bürger in den 70er- und 80er- Jahren natürlich viel breiter war als nur Geheimpolizei. Und die Repression war nur eine Seite des Systems. Natürlich war sie sehr wichtig in stalinistischen Zeiten. Aber das ist nicht die ganze Story. Und wenn man verstehen will, wie sich die verschiedenen Leute verschieden verhalten haben, dann muss man die ganze Geschichte viel breiter erklären."

Vor allem aber sollte es nicht bei einer rein wissenschaftlichen Auseinandersetzung bleiben, meint die frühere Dissidentin Petruska Sustrova:

"Wichtig ist vor allem die Selbstreflexion. Und die sehe ich bislang noch gar nicht. Die meisten Tschechen stellen sich noch nicht mal die Frage, wie sie sich selbst während dieser Zeit verhalten haben. Geschweige denn, dass sie sich dafür schämen oder entschuldigen würden - so wie es seinerzeit der Schriftsteller Arthur Koestler getan hat, der öffentlich bekannte, dass er auf der falschen Seite gestanden habe und ihm das leid tue. So etwas habe ich hier in den ganzen 20 Jahren seit 1989 nicht einmal erlebt. Deshalb finde ich die Debatte, die jetzt in Gang gekommen ist, so wichtig."

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