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StartseiteTag für TagUnterdrückt und kriminalisiert21.02.2012

Unterdrückt und kriminalisiert

Die Situation der Bahai im Iran

Im Iran ist der Islam zwar Staatsreligion, aber offiziell gelten religiöse Minderheiten als geschützt. Doch die Realität sieht anders aus. Vor allem die Mitglieder der Bahai-Religion werden seit Jahren verfolgt.

Von Marie Wildermann

Straßenszene in Teheran (picture alliance / dpa - Bernd Weißbrod)
Straßenszene in Teheran (picture alliance / dpa - Bernd Weißbrod)

Die staatlich gelenkte Presse Irans fährt eine neue Hetzkampagne gegen die Bahai – das hat die Internationale Bahai-Gemeinde kürzlich dokumentiert. Im Iran hat die kleine religiöse Minderheit gerade einmal 300.000 Anhänger. Die Bahai – in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt – treten ein für die Gleichberechtigung der Geschlechter, für Pluralismus, Demokratie und Menschenrechte und damit sind sie schon durch ihre bloße Existenz Feinde für das Ayatollah-Regime. Die Angehörigen der Bahai-Religion werden schon seit Beginn der islamischen Revolution 1979 unterdrückt und kriminalisiert. Die gesamte Führung der iranischen Bahai-Gemeinde wurde damals ermordet. Unter ihnen war der Vater von Wahied Wahdat-Hagh. Wahdat-Hagh ist Publizist in Berlin, er arbeitet für die European Foundation for Democracy. Seine Eltern waren Mitte der 70er-Jahre in den Iran zurückgegangen, er blieb zum Studium in Deutschland. Wahdat-Hagh erinnert sich:

"Er wurde im September verhaftet, ich hab gerade in Italien Sommerurlaub gemacht, kam aus Italien zurück und bekam einen Anruf von einem Professor der Freien Universität Berlin, der ein Freund meines Vaters war. Und er hat mir quasi die Nachricht gebracht, dass er verhaftet worden ist, das war im September 1981."

Sein Vater hatte sich, als pensionierter Ingenieur, beim Aufbau einer Berufsschule für junge Bahai engagiert, denn schon gleich nach dem Beginn der Machtübernahme durch Ayatollah Khomeini wurden die Bahai von den Universitäten ausgeschlossen. Der Vater von Wahied Wahdat-Hagh wurde getötet.

"Ja, mein Vater wurde am 28. Februar 1982 im Iran hingerichtet, der Grund war die Bahai-Religion, er war auch nicht bereit, sich zum Islam bekehren zu lassen, und er wurde deswegen hingerichtet, ja."

Seine Mutter, die auch inhaftiert worden war, kam nach einigen Monaten frei und konnte fliehen. Sie lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland. In den Iran konnte sie nie mehr zurückkehren.

Die Bahai sind seit Beginn der islamistischen Revolution Menschen zweiter Klasse. Zugang zu Bildung und Arbeit wird extrem erschwert, in 25 - meist akademischen - Berufen herrscht praktisch Berufsverbot. Auf staatliche Anordnung von Khamenei sollen die iranischen Bahai am Rande des Existenzminimums gehalten werden und in der ständigen Angst, bei geringster Gesetzesübertretung mit drakonischen Strafen rechnen zu müssen. Viele werden unter absurden Anschuldigungen verhaftet. Häufig sind die Familien gezwungen, gigantische Kautionsforderungen zu zahlen – und verlieren dadurch ihre Lebensgrundlagen. Die iranische Hetzpropaganda erklärt die Bahai zu Staatsfeinden, Verschwörungsbestrebungen werden ihnen unterstellt – Muster, die wir aufgrund unserer eigenen deutschen Geschichte gut kennen.
Wahied Wahdat-Hagh:

"Meines Erachtens gibt es eine genozidale Politik gegenüber den Bahai, also wenn man sich das nach dem Statut von Rom näher betrachtet, da wird ganz klar in Paragraf 6 gesagt, dass Gruppen oder Gemeinden, die systematisch verfolgt werden, ob das jetzt Einzelne dieser Gruppen oder die Gesamten sind, verfolgt, getötet oder eingeschüchtert werden, dass dann sozusagen ein genozidaler Prozess anfängt."

Ebenso gefährdet wie die Bahai sind Irans Christen. Nicht in erster Linie die sogenannten ethnischen Christen, also Armenier, Assyrer und Chaldäer. Die können als anerkannte religiöse Minderheiten Gottesdienste feiern, aber nur innerhalb ihrer eigenen Kirchen und Sprachen.

Gefährdet sind vor allem vom Islam zum Christentum Konvertierte, denn auf Apostasie, also "Abwendung vom Islam", steht die Todesstrafe. Trotzdem entscheiden sich immer mehr, vor allem junge Menschen, Christen zu werden.

"Die sagen, dass das, was sie von den Ayatollahs im Namen von Islam gelernt haben, dass es ein grausamer Gott ist, dass es ein strafender Gott ist, dass dieser Gott überhaupt nicht barmherzig ist. Und es ist ein sehr einfacher Grund oft, dass sie bei den Christen mehr Liebe erfahren, mehr Freundlichkeit erfahren, auch freier sich bewegen können, wenn sie in einer Hauskirche sind, auch mal Satellitenfernsehen anschauen können, auch mal 'n Gläschen Wein trinken können."

Die konvertierten Christen müssen sich heimlich treffen, in kleinen Hauskirchen. Dennoch kommt es immer wieder zu Verhaftungen, das Land ist durchdrungen von Spitzeln der Geheimpolizei. Einer der spektakulärsten Fälle ist der des Pastors Youcef Naderkhani, seit mehr als zwei Jahren sitzt er in der Todeszelle. Mit 19 wurde Naderkhani Christ. Bislang hat das Ayatollah-Regime die Todesstrafe noch nicht vollstreckt, wohl auch als Warnung an alle potentiellen Apostaten.

Eingeschüchtert werden sollen aber auch, wie in jeder Diktatur, Menschen, die nicht systemkonform sind und damit die Herrschaft der religiösen Diktatur in Frage stellen. Unter ihnen viele Blogger und Internetaktivisten

"Der Druck nach innen geht immer zuerst in Richtung Minderheiten, in Richtung Frauen, in Richtung Homosexuelle, in Richtung Linke, alle, alle, die anders denken, in Richtung von jemand, der mit BBC spricht, in Richtung von jemand, der mit der Deutschen Welle spricht, also jeder, der mit dem Ausland einen Kontakt hat, ist gefährdet."

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