Kommentare und Themen der Woche 04.08.2020

Unterricht und COVID-19Rückkehr zum normalen Schulbetrieb ist verantwortunglosVon Frank Capellan

Beitrag hören Schüler und Schülerinnen sitzen mit Masken an ihren Tischen im Unterricht im April 2020 in Marktoberdorf. (imago / Action Pictures)Maskenpflicht nicht nur an der Schule, sondern auch im Unterricht – diese Regelung gilt für den Schulstart in NRW (imago / Action Pictures)

Das gesamte Corona-Management könnte mit der Rückkehr zum normalen Schulbetrieb innerhalb weniger Wochen aufs Spiel gesetzt werden, kommentiert Frank Capellan. Besser wäre es, die Regeln aus der Vor-Ferienzeit beizubehalten. Das könnte das Infektionsrisiko mindern - auch für Lehrerinnen und Lehrer.

Es ist ein Wahnsinn – die Politik läuft gerade ein bisschen Amok. Auf Teufel komm raus zurück zum Normalbetrieb an Deutschlands Schulen! Das gesamte Corona-Management, das hierzulande bisher als vorbildlich galt, könnte innerhalb weniger Wochen aufs Spiel gesetzt werden.

Gerade heute warnt die Ärzteschaft, dass wir am Beginn einer zweiten Infektionswelle stehen. Niemand weiß, ob nicht auch Deutschland ein zweiter Lockdown drohen könnte, und dennoch soll wieder unterrichtet werden als sei nichts gewesen.

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Völlig zu Recht sind viele Lehrer und Eltern verunsichert und verärgert. Das Risiko, das wir in diesen Tagen des Schulbeginns eingehen, ist nicht kalkulierbar.

Regeln aus der Vor-Ferienzeit beibehalten

Dass die liberale Bildungsministerin von Nordrhein-Westfalen, Yvonne Gebauer, sonst eher bekannt für einen lockeren Corona-Kurs, als erste eine Maskenpflicht auch in Klassenräumen verhängt und Masken-Muffeln sogar mit Schulverweis droht, zeigt, dass auch den Verantwortlichen langsam mulmig zumute wird. Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die vor kurzem noch über eine generelle Aufgabe der Maskenpflicht nachdachte, hat ihre Meinung geändert.

Mütter und Väter müssten auch schier verzweifeln, wenn die berühmten AHA-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmasken) in der Schule tatsächlich nicht mehr gelten sollten. Mühsam versuchen sie ihre Kinder vom Sinn des Mund-Nasenschutzes zu überzeugen, beim Einkaufen und im Bus muss er aufgesetzt werden, im Klassenzimmer aber darf die Maske fallen?

Wer kann das noch erklären, zumal sich doch in den letzten Wochen gezeigt hat, dass Aerosole offenbar eine gravierende Rolle bei der Virus-Übertragung gespielt haben – Familienfeiern und Gottesdienste wurden immer wieder zu Infektionsherden.

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Ein mit 30 Schülern eng besetzter Raum soll da unbedenklich sein? – Nein, es wäre dringend geraten, die Regeln aus der Vor-Ferienzeit beizubehalten: Halbe Klassenverbände im Präsenz-Unterricht, die andere Hälfte im Online-Betrieb. Das könnte das Infektionsrisiko mindern, auch für die Lehrerinnen und Lehrer, über deren Ansteckungsgefahr allzu wenig gesprochen wird.

Eltern, Lehrer und Kinder nicht zu zu Versuchskaninchen machen

Sollten einige Bundesländer den Schulbetrieb tatsächlich ohne große Restriktionen aufnehmen, ist das im übrigen Wasser auf die Mühlen der Corona-Leugner, die mit ihrem ignoranten Verhalten auf diversen Demos dem Image Deutschlands in der Corona-Krise schon erheblich geschadet haben.

Wir sind gerade auf dem besten Wege, dieses negative Bild durch eine verantwortungslose Schulpolitik zu verfestigen. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbandes, hatte schon vor einigen Wochen im Deutschlandfunk erklärt, er fürchte, dass an Deutschlands Schulen und Kindergärten ein riesiges Experiment gestartet werden soll. Wir sollten es aber nicht zulassen, dass Eltern, Lehrer und Kinder zu Versuchskaninchen gemacht werden!

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

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