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StartseiteKultur heuteUnterschichten-Bewohner auf der Bühne29.01.2011

Unterschichten-Bewohner auf der Bühne

David Bösch inszeniert Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" in Bochum

Auf der Bühne ist Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" eher selten anzutreffen. In Bochum jetzt hat der 33-jährige David Bösch, seit dieser Spielzeit leitender Regisseur, die expressionistische Berliner Mietshausdichtung inszeniert.

Von Dina Netz

Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann, 1930 (AP Archiv)
Der deutsche Dichter Gerhart Hauptmann, 1930 (AP Archiv)

In der "Berliner Tragikomödie" "Die Ratten" wohnen sie alle in derselben Mietskaserne, aber nicht auf derselben Etage: der frühere Theaterdirektor Harro Hassenreuter mit seiner Familie und das Ehepaar John. Frau John hält den Theaterfundus in Schuss, den Herr Hassenreuter auf dem Dach lagert, hoffend, dass ihn samt Fundus mal wieder jemand engagiert. Frau John hat so ihre eigenen Sorgen, denn ihr Sohn ist kurz nach der Geburt gestorben, und seitdem will sich kein Kind mehr einstellen. Zumal ihr Mann sich mehr oder weniger nach Hamburg abgesetzt hat und nur gelegentlich in Berlin vorbeischaut. Da kommt das schlesische Dienstmädchen Pauline Piperkarcka gerade recht, das ungewollt schwanger ist und sich in die Spree stürzen will. Frau John, gespielt von Katharina Linder, sorgfältig onduliert und adrett gekleidet, schlägt Pauline ein Geschäft vor:

"Es ist uns doch beeden jeholfen. Ihnen is jeholfen und desselbijen jleich och mir. Und Paul wat mein Mann is is jeholfen, wo so sterbensjerne n Kindeken will. Weil uns doch unser eenzijes, unser Adalbertchen, jestorben is. Also: Wenn et jeboren wird, nehm ich dat Kind. Et soll et madich jut haben, wie et besser keen jeborener Prinz und keene Prinzessin haben tut."

So geschieht es, und niemand bemerkt den Schwindel. Bis Pauline Gewissensbisse bekommt, ihr Kind sehen will, es beim Amt anmeldet. Das setzt eine Kaskade von Katastrophen in Gang, die hier nicht wiedergegeben, höchstens bilanziert werden können: Am Schluss sind zwei Menschen tot, einer wird wegen Mordes gesucht, und Frau John ist wieder kinderlos.

Diese "kleinen Leute" liegen Regisseur David Bösch offenbar ganz sentimental am Herzen: Die Figuren von Frau Johns Bruder Bruno und des Hausmeisters Emil wertet er sogar deutlich auf. Gestrichen wird bei Familie Hassenreuter und ihrem Umfeld. Bösch reduziert Theaterdirektor Hassenreuter und seinen Studenten Spitta darauf, den bei Hauptmann vollkommen ernsthaften Diskurs über die Erneuerung des Theaters in die Karikatur zu überführen. Matthias Eberle als Spitta verwandelt sich in Bochums Intendanten Anselm Weber, ruft alle früheren Bochumer Intendanten als Gewährsleute herbei und verheddert sich in dem Satz: "Das Theater muss..."

Eberle, dann wieder zurück in der Rolle des Studenten Spitta, will nämlich Schauspieler werden:

"Das Glück hat mich in Ihr Haus geführt, und von diesem Augenblick an, da fühlte ich, wie ich dem wahren Ziel meines Lebens näherkam. Verstehen Sie, Herr Direktor, ich glaube auch an die Unsterblichkeit des Theaters! Es ist der seligste Schlupfwinkel für all diejenigen, die sich ihre Kindheit in die Tasche gesteckt haben, sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiter zu spielen."

Dieser Erzählstrang ist in Bochum reiner Theaterdiskurs: Dass Direktor Hassenreuter und Spittas Vater die Heirat ihrer Kinder verhindern wollen, dient diesen dazu, sich als Romeo und Julia in Szene zu setzen.

Es ist konsequent, die Theater- und die Milieu-Ebene der "Ratten", die schon bei Hauptmann wenig Berührungspunkte haben, völlig zu trennen. Im ersten Teil der Inszenierung findet David Bösch allerdings keine rechte Balance, keinen Ton. Die Geburt des Kindes wird durch Knall und Blitz verkündet, jede Menge Plüschtiere kommen zum Einsatz, dem Theaterdirektor fällt Sternenstaub aus der Tasche, immer wieder wird das traurige Chanson von Friedrich Hollaender eingespielt:

Im zweiten Teil verzichtet David Bösch weitgehend auf seine gewohnten Regie-Mätzchen, sodass die von Patrick Bannwart gebaute Bühnen-Höhle oder Bühnen-Hölle viel besser zur Geltung kommt. Im Hintergrund dieses feuchten Kellers hängen Tier-Kostüme kopfüber von der Decke wie grausige Stillleben. Ans überdeutliche Berlinern hat man sich inzwischen gewöhnt, und so kann man sich viel besser konzentrieren auf die Hölle, die Frau John und die Ihren sich errichtet haben. Auch die Schauspieler wirken am Ende näher bei ihren Rollen.

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