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StartseiteKultur heuteUnterschichten-Menschenzoo09.01.2010

Unterschichten-Menschenzoo

Karin Beier inszeniert "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" nach Ettore Scola

In seinem Film "die Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen" porträtierte Ettore Scola in den 70er Jahren eine Familie in der Vorstadt Roms. Karin Beier hat das Geschehen jetzt auf die Bühne gebracht. Bei ihr gibt es Unterschichtporträt und Unterschichtenfernsehen live - Big Brother ohne Ton.

Von Karin Fischer

Karin Beier, Intendantin am Schauspiel Köln (Burgtheater Wien / Reinhard Werner)
Karin Beier, Intendantin am Schauspiel Köln (Burgtheater Wien / Reinhard Werner)

Die Zuschauer blicken auf den sehr breiten, grauen, aufgebockten Container mit den großen Glasscheiben ein bisschen wie in ein verglastes Raubtierhaus im Zoo: Dahinter bewegt sich was, aber man kann nichts hören. Was man sieht, ist der ebenso triste wie bunte und zum teil hochdramatische Alltag einer unbekannten Spezies, im Volksmund "Hartz Vierler" genannt, oder "Asis", oder – im Feuilleton - "bildungsferne Schicht".

Kostümbildnerin Maria Roers hat erfolgreich aus einem Schauspielensemble einen Haufen schmieriger Sozialhilfeempfänger gemacht. Die 13-köpfige Familie haust mit Stehlampen aus dem Baumarkt, Möbeln von der Caritas, Spielkonsole, Ghettoblaster, Mikrowelle und natürlich fetten Flachbildschirmen, was man halt so hat als deutscher Hartz-IV-Empfänger.

Karin Beier hat den römischen Slum aus Ettore Scolas Film aus den 70er-Jahren kongenial ins Unterschichten-Milieu von heute übersetzt, mit einer Zugabe: der ebenso klugen wie witzigen Verdoppelung des Unterschichten-Fernsehens. Denn während im Container der Shopping-Kanal dauer-werbesendet (und zwar vor allem Reinigungsmittel, vom Herdschaum über den Fleckentferner bis zur Klo-Chemie), bekommt das gebildete Publikum die Unterschicht selbst vorgeführt, im Breitwand-Format.

Der Clou dabei: Das Stück bleibt über weite Strecken eine pantomimische Angelegenheit, was sich ein bisschen anfühlt wie Big Brother gucken ohne Ton. Wenn es dann laut wird, was es natürlich wird, hört man Geschrei, Gezänk und Gezeter wie beim Streit ungeliebter Nachbarn. Trotzdem kriegt man das ganze Programm, und man kriegt es mit: Die Optik reicht von Leggings und schlecht gefärbten Dauerwellen bis zu Ballonseide-Anzügen, der Straftatbestand von der Bedrohung mit einer Schusswaffe bis zur Vergewaltigung in der Familie.

Ansonsten ist aber alles ganz normal: Die Mutter hat einen Putzzwang, die Tochter ist Dauertelefoniererin, der grobschlächtige Vater (Markus John ist herausragend in einem tollen Ensemble) sitzt auf seinem Geld und küsst seine jüngste Tochter auf den Mund. Die ist so klein, dass sie noch mit einem Kaninchen spielt, Rauchen kann sie aber schon. Der eine Sohn ist etwas debil, der andere will Friseur werden, der dritte ist schwul; er stiehlt sich weg zu kleinen Fluchten auf das Dach des Containers und träumt von einer Tunten-Tanz-Karriere. Der Rentenbescheid der Oma bringt Leben in die stumme Bude, Michael Wittenborn als Oma wird im Rollstuhl aus dem Haus entführt, damit sich die Verwandtschaft deren Rente unter den Nagel reißen kann.

Bis zum Mordkomplott gegen den Vater ist alles wie bei Scola, der seinen düsteren Film trotz der grausamen Sicht auf abgrundtiefe Dummheit und degenerierte Hässlichkeit und nicht nur armutsbedingte Bosheit im Vorstadt-Elend von Rom auch mit einem Schuss Heiterkeit, ja Romantik würzte. Eine ergreifende Ballade über menschlichen Abschaum, der neben Großstadtmüll lebt, war das.

In Köln ist die Heiterkeit mehr aufseiten des Publikums, die Inszenierung ist heller, auch intellektueller. Wenn sich nach kurzweiligen eindreiviertel Stunden alle Darsteller nackt ausziehen, dann will das vor allem sagen: Hier ist der Menschenzoo, nackt und bloß, aber reinschauen könnt ihr trotzdem nicht. Oder aber: Wenn uns hier was nackt macht bis auf die Haut, dann sind das eure Blicke und Vorurteile! Ein kleiner Fingerzeig für Menschen, die gern vorschnell definieren, welche Leute wir noch zu "unserer Gesellschaft" dazu rechnen wollen.

Die Inszenierung zählt darüber hinaus zu jenen Theaterexperimenten, die mit Karin Beiers Intendanz das Leben des Kölner Publikums so schön bereichern. Schon die Gruppe Signa verschaffte ihm in der Halle Kalk das zwiespältige Live-Erlebnis einer Kleinst-Diktatur. Katie Mitchell ließ aus einem stummen Stück einen Livefilm entstehen. Karin Beier wiederum hat aus einem Film nun ein Bühnenstück gemacht, bei dem das Publikum die Dialoge praktisch selbst erfinden muss. Das ist spannend wie ein Krimi, und – keine Sorge: mit ein paar Folgen GZSZ, Big Brother oder Kölner Tatort ist auch diese Aufgabe spielend zu bewältigen.

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