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StartseiteGesichter EuropasVergessen im Wald: das Dorf Noderinho28.10.2017

Unterwegs in den Brandgebieten Portugals (3/5)Vergessen im Wald: das Dorf Noderinho

Immer wieder hat es im Sommer in den Wäldern rund um Noderinho gebrannt. Doch dieses Jahr war es für die Dorfbewohner "der reinste Horrorfilm". Sechzig Mal riefen sie in einer Brandnacht den Notruf - doch keiner kam, um ihnen zu helfen.

Von Tilo Wagner

Ein Pickup mit mobilem Löschgerät fährt am 19.06.2017 in den frühen Morgenstunden auf einer Straße zwischen den kleinen Ortschaften Casalinho und Enchecamas, etwa 150 Kilometer nordöstlich von Lissabon, (Portugal) auf einer Straße neben brennendem Buschwerk und Bäumen entlang. Der verheerende Waldbrand mit vielen Toten in Portugal ist der Polizei zufolge wohl durch Blitzschlag ausgelöst worden.  (dpa / Peter Kneffel)
An mehreren Fronten brannte in Zentral-Portugal im Juni 2017 das Feuer. Einen derartigen Brand erlebten auch die Bewohner des Dorfes Noderinho bis dato nicht. (dpa / Peter Kneffel)
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In dem kleinen Dorf Noderinho sprudelt am Ortsausgang Quellwasser in ein vier Quadratmeter großes Becken. Um den Brunnen herum wiegen sich Kräuter und Blumen im leichten Herbstwind: Ein paar Lissabonner seien hier vorbei gekommen und hätten die Pflanzen mitgebracht, erzählt Xavier Viegas: Das bisschen Grün im verbrannten Wald – ein Hoffnungsschimmer. Mit seinem Team von der Universität Coimbra besucht der Waldbrandexperte auch die kleine Siedlung unweit der Nationalstraße 236-1, um mehr Informationen zum Hergang des verheerenden Brandes Mitte Juni zu sammeln. In der Brandnacht hatten sich fast zwei Dutzend Dorfbewohner in und um den Brunnen versammelt und sich immer wieder mit dem Quellwasser abgekühlt. Mitten im Inferno aus Rauch und Feuer war das Wasserbecken die letzte Rettung für all diejenigen, die nicht geflohen sind.

Flammenwalzen stoppten die Flucht

Direkt neben dem Brunnen liegt das Haus von Maria do Céu. Die 46-jährige Frau mit den welligen braunen Haaren zählt Namen und Alter der Personen auf, die sich während des Waldbrandes im Dorf aufgehalten hatten. Professor Viegas schreibt alles mit. Er fragt die Frau mit ruhiger, leiser Stimme: Wer hatte als erstes die Idee, in den Brunnen zu gehen?

"Das war ich. Eigentlich wollten wir fliehen. Meine Mutter kann nur sehr schlecht laufen, und wir haben sie in der Hektik einfach nicht ins Auto gebracht. Da hat sie zu mir gesagt: 'Lasst mich hier zurück, ich bin schon alt, und wenn ich sterben muss, dann sterbe ich halt.' Überall war Rauch, die Flammen loderten, wir haben nichts um uns gesehen. Und dann fiel es mir plötzlich ein: Warum gehen wir nicht ins Wasser? Und so schleppten wir meine Mutter in das Becken, und nach und nach kamen immer mehr Dorfbewohner und versammelten sich hier am Brunnen."

Nicht alle blieben. Elf Personen, die aus dem Ort herausfuhren, starben in unmittelbarer Umgebung. Auf der Flucht kamen manche nur ein paar Hundert Meter weit, bevor sie von den Flammen eingekreist wurden.

Maria do Céu führt Viegas und seine Kollegen über eine enge Dorfstraße zu einem Hof. Eine kleine Frau mit kräftigen Händen steht zwischen Schuppen und Wohnhaus: Isabel Antunes lebt hier mit ihrer Mutter, ihrem Mann und ihrem jüngsten Sohn – Diego, der ältere, verbrannte mit 21 Jahren auf der Nationalstraße 236-1.

"Das war der reinste Horrorfilm"

Xavier Viegas stellt die ersten Fragen, mit leiser, gedämpfter Stimme und viel Respekt vor Isabels schmerzhaften Erinnerungen an ihren Sohn. Irgendwann am Abend sei er doch noch aufgebrochen, um den Lkw zu holen, erzählt sie mit gebrochener, hektischer Stimme. Diego war Waldarbeiter gewesen, und er hatte den Holztransporter wie immer übers Wochenende im Wald stehen gelassen. Doch als das Feuer immer näher kam, brach er auf, um den Laster vor den Flammen zu retten.

"Mein Sohn hatte große Angst vor Waldbränden. Er liebte den Wald und arbeitete sehr gerne in seinem Beruf. Er bestellte die Grundstücke, pflanzte Eukalyptus an, kaufte Waldstücke, fällte die Bäume und verkaufte das Holz – das war seine große Leidenschaft. Und das Feuer bedrohte alles, was er im Leben liebte. Zuerst lief er hier noch rum und spritzte die Geräte, das Haus und die Schuppen mit dem Gartenschlauch ab, aber irgendwann hatte er Angst um den Lkw und er brach auf und kam nie wieder zurück. Oben auf der Nationalstraße – das war der reinste Horrorfilm."

Eine verbrannte Eiche in den Wäldern um Noderinho (Portugal) (Deutschlandradio / Tilo Wagner)Stummer Zeuge: eine verbrannte Eiche in den Wäldern um Noderinho (Deutschlandradio / Tilo Wagner)

"Wir haben über sechzigmal den Notruf angerufen"

Xavier Viegas hört aufmerksam zu und versucht mit gezielten Fragen, die etwas wirre Erzählung der Frau zu ordnen. Zum Abschluss drückt er sie noch kurz an sich. Das Gespräch hat auch den sonst etwas stoisch wirkenden Hochschullehrer spürbar mitgenommen. Viegas läuft weiter an den einfachen Häusern aus dicken Granitsteinen vorbei, bis er in einer Garage auf einen kleinen älteren Mann im ölverschmierten Overall trifft. Manuel Antunes, der Vater von Diego, zeigt auf den ausgebrannten Dachstuhl eines Nachbarhauses. Das waren Flammen, die sich vom Wald her über die Häuser gerollt haben, erklärt er. Brandexperte Viegas schüttelt fassungslos den Kopf und zückt sein Notizbuch: Ein weiteres Indiz, dass der Waldbrand von Pedrógão Grande eine ganze eigene Dynamik entwickelte. Manuel Antunes rückt seine Schirmmütze ein Stück zurecht und dämpft die Stimme:

"Als wir unten am Brunnen waren, haben wir über sechzigmal den Notruf angerufen – und niemand kam hier vorbei. Wir fragen uns, wer ist schuld an dem Chaos? Der Zivilschutz? Die Feuerwehr? Wenn sie hier nur einen einzigen Feuerwehrwagen in den Ort gebracht hätte, dann hätten sich die Leute nicht so verloren gefühlt und wären nicht geflohen und es hätte ganz bestimmt viel weniger Opfer gegeben. Wir haben der Feuerwehr immer blind vertraut, aber das hat sich jetzt schlagartig geändert. Die sollen sich bloß nicht trauen, hier wieder mal herzukommen und um eine Spende zu bitten!"

Viele fühlen sich im Stich gelassen

Der 60-Jährige zieht die dichten Augenbrauen zusammen. Im Stich gelassen fühlt er sich. Vom Staat, von der Regierung, von den Behörden. Und wenn er an die Zukunft denkt, dann macht er sich große Sorgen:

"Wir werden erst in einem Jahr wirklich merken, was hier passiert ist. Ich habe gerade erst in eine Olivenölpresse investiert, und jetzt gibt es die nächsten Jahre erst mal keine Oliven in der Region. Was soll ich machen? Und was wird aus unserer Papierindustrie? Der Wald ist verbrannt, also gibt es kein Holz zur Herstellung der Cellulose. Und was ist mit den ganzen Grundstücken? Die alten Leute haben hier alle ein paar kleine Parzellen, auf denen Eukalyptus wächst, aber niemand hat das Geld, um jetzt die verbrannten Bäume zu fällen und die Grundstücke zu säubern. Ich habe zumindest eine Lehre gezogen: Auf meinen Grundstücken baue ich keinen Eukalyptus und keine Kiefern mehr an – nein, ich pflanze nur noch Olivenbäume."

Waldbrandexperte Viegas bedankt sich, steigt dann ins Auto zu seinen Kollegen und fährt zum nächsten Ortstermin. Die Leute redeten immer sehr ausführlich über den Brand, sagt er. Er habe das Gefühl, dass sie sich dadurch auch ein Stück von ihrer Last befreien können.

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