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StartseiteHintergrundDie Bundeswehr auf der Suche nach Traditionen03.01.2018

Unterwegs in kontaminiertem GeländeDie Bundeswehr auf der Suche nach Traditionen

Die Überprüfung des Traditionserlasses von 1982 ist seit Jahren überfällig und das eigene Geschichtsbewusstsein der Bundeswehr ein viel diskutiertes, wiederkehrendes Thema. Dabei ist die Bundeswehr mit über 60 Jahren inzwischen älter als Reichswehr und Wehrmacht zusammen.

Von Klaus Remme

Ein Großer Zapfenstreich, hier anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Deutschen Marine. Mit dem militärischen Zeremoniell mit Fackeln und Fanfare wird auch der Bundespräsident verabschiedet. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Ein Großer Zapfenstreich, hier anlässlich des 60-jährigen Jubiläums der Deutschen Marine. Mit dem militärischen Zeremoniell mit Fackeln und Fanfare wird auch der Bundespräsident verabschiedet. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
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"Für mich ist eine Armee ohne Märsche keine richtige Armee, da fehlt irgendetwas. Und wir haben in der deutschen Militärtradition sehr viele Märsche, die heute weltweit, ich nehme mal Preußens Gloria oder der Yorkscher Marsch, der wird ja nicht nur in Deutschland gespielt, sondern überall. Und nur weil zum Beispiel die Nazis den Marsch missbraucht haben, in der Zeit von 1933 bis 1945, heißt es ja nicht, und das ist auch das Gute, dass dieser Marsch durch die Nazis kreiert wurde, sondern er wurde eben durch dieses Unrechtsregime missbraucht, aber die Tradition dieser Märsche liegt ganz woanders."

Major Markus Danisch war das, 35 Jahre alt, aktuell Teilnehmer am Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr.

Das Ritual des Großen Zapfenstreichs, für die einen ist es politisch überflüssig, ja schädlich und "Zeugnis eines militaristischen Geistes, der der Gesellschaft gerne seinen Stempel aufdrücken möchte" - wie es in einer parlamentarischen Anfrage der Linksfraktion vor zwei Jahren hieß. Für Bundeswehr und Bundesregierung ist er schlicht das bedeutendste militärische Zeremoniell neben dem feierlichen Gelöbnis. 

"Anlässlich des 60. Jubiläums der Bundeswehr melde ich ihnen den Großen Zapfenstreich!"

Hochproblematische Assoziationen

Das war im November 2015. Deutsche Soldaten im Fackelschein und mit – wenn auch nicht mehr schussfähigen - Wehrmachtskarabiner vor dem Reichstagsgebäude. Aus Sicht der Kritiker wecken diese Bilder hochproblematische Assoziationen. Heute aber ringt die Truppe einmal mehr mit den gerade für die deutschen Streitkräfte so schwierigen Themen Tradition, Vorbilder und Identität. Im Mai, rund um die Festnahme des rechtsextremen Soldaten Franco A. , eskalierte die Lage. Unsere Nachrichten meldeten:

"Nach dem Fund von Wehrmachtsandenken in Kasernen hat der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wieker, die Durchsuchung aller Standorte verfügt. Zuletzt waren auch in einer Kaserne in Donaueschingen Wehrmachtsdevotionalien entdeckt worden. Funde dieser Art hatte es zuvor bereits im elsässischen Illkirch gegeben."

Ursula von der Leyen unterstellte der Truppe insgesamt ein Haltungsproblem, sprach von falsch verstandenem Korpsgeist, der Oppositionspartner ging auf Distanz zur Ministerin. Hier der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold im Bundestag:

"Sie sind verantwortlich für eine Kultur des Misstrauens inzwischen in den Streitkräften. Und die ist deshalb entstanden, weil sie Generale prüfen lassen, ob sie ihr Handy abgeben und endet unten beim einfachen Soldaten, dessen Stube plötzlich durchwühlt wird, ohne dass er selbst dabei ist. Gute innere Führung geht anders."

Soldaten beim Großen Zapfenstreich vor dem Reichtstaggebäude in Berlin (dpa /picture alliance /Rainer Jensen)Soldaten beim Großen Zapfenstreich vor dem Reichtstaggebäude in Berlin (dpa /picture alliance /Rainer Jensen)

Pauschalverdacht gegen die Truppe geht gar nicht, stimmte von der Leyen im Bundestag zu, andererseits könne man nicht einfach weitermachen wie bisher:

"Deshalb werden wir den Traditionserlass von 1982 überprüfen, in einem breiten, inklusiven Prozess und die Tatsache, wie weit das Pendel jetzt in der Diskussion von einer Seite zur anderen schwingt, zeigt auch, dass diese Debatte notwendig ist."

Überprüfung des Traditionserlasses

Schon allein das erwähnte Datum des noch geltenden Traditionserlasses hätte zeigen können, dass seine Überprüfung seit Jahren überfällig war. Der Fall der Mauer, das Ende des Kalten Krieges, das Ende der NVA, der Einzug von Frauen in die Bundeswehr, die Aussetzung der Wehrpflicht und die Bundeswehr als Armee im Auslands-Einsatz – keine dieser Entwicklungen war 1982 absehbar. Jedes Stichwort für sich genommen war eine Zäsur für die Truppe. Organisiert wurde die Diskussion über das eigene Traditionsverständnis durch mehrere sogenannte workshops. Brigadegeneral Alexander Sollfrank, Befehlshaber des Kommando Spezialkräfte konzedierte, ja, wir, die Truppe, waren der Auslöser der Debatte.

"Wir mussten uns allerdings wieder einmal rechtfertigen und uns erklären. "Wieviel Wehrmacht steckt in der Bundeswehr?", wurden wir gefragt und gleich die Antwort hinterher geschoben, es stehe, wie schon seit mehreren Jahren in der Öffentlichkeit beklagt, die falsche Glorie dahinter. Unverändert herrsche eine konservative, heimatkitschige Verklärung vor, "Euer Verdrängen kotzt uns an", so riefen Demonstrierende uns zu. Zuletzt entbrannte zudem, hier bei uns, eine öffentliche Diskussion über die Aussagen eines Politikers, der die besonderen Leistungen in der Wehrmacht würdigte und eine Neubewertung anregte. Ich denke, wir Soldaten werden es auch künftig ertragen müssen, natürlich nicht unwidersprochen, aber doch häufig hilflos, von den einen als ewig Gestrige diffamiert zu werden und von den anderen als Sekundanten ihrer Weltanschauung herangezogen zu werden."

Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Hauptarsenalgebäude mit Keil, Dresden, Sachsen, Deutschland militärhistorisches Museum the Bundeswehr with Keil Dresden Saxony Germany (imago stock&people)Militärhistorisches Museum der Bundeswehr, Dresden (imago stock&people)

Der Vergleich des 82er Erlasses mit dem neuen Entwurf macht deutlich: Ein radikaler Bruch bleibt aus. Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten dominieren. Werte und Normen des Grundgesetzes bilden nach wie vor den Maßstab für das Traditionsverständnis. Aber: Abgrenzungen zu nicht-traditionswürdigen Jahren der deutschen Geschichte sind jetzt deutlicher ausformuliert. "Die Wehrmacht ist als Institution nicht sinnstiftend", heißt es im Entwurf, und wenige Zeilen weiter: "Auch die NVA begründet als Institution keine Tradition. Die Ausschmückung von Diensträumen mit Exponaten der Wehrmacht und der NVA oder ihrer Angehörigen ist außerhalb von Militärgeschichtlichen Sammlungen nicht gestattet". Schwieriger als diese historischen Trennlinien zu schärfen, ist es offensichtlich, den Erlass an die Erfordernisse der heutigen Bundeswehr anzupassen. "Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen", diese Beschreibung des damaligen Generalinspekteurs Ulrich de Maiziere für deutsche Soldaten im Kalten Krieg ist längst Geschichte. Ursula von der Leyen weiß das natürlich:

"Heute ist es die Bewährung im Einsatz, außerhalb Deutschlands, die uns prägt. Die Bewährung im Kampf, Gefahr für Leib und Leben. Verwundung und Tod sind nicht länger abstrakte Begriffe, sondern Teil unserer Realität geworden."

Stimmen ranghoher deutscher Militärs

Diese Realität sollte sichtbare Konsequenzen haben, empfehlen Generäle wie Alexander Sollfrank vom KSK oder Kai Rohrschneider, Chief of Staff der US-Army Europe. Rohrschneider erklärt:

"Zwischen dem Traditionsbedarf der Streitkräfte aus Sicht der Soldaten und aus Sicht der Öffentlichkeit besteht ein Unterschied im Fokus. Soldaten suchen Traditionen zuallererst in Vorbildern oder Beispielen, die Erfolg im Kampf oder im Gefecht vermitteln. Die Öffentlichkeit betont die Einbindung in die staatliche Ordnung, in die Gesellschaft. Ich glaube allerdings, dass wir in der Bearbeitung unserer Tradition sehr stark den Bedarf der Gesellschaft reflektieren und berücksichtigen und den Bedarf der Truppe bislang vielleicht nicht so berücksichtigt haben, wie man ihn berücksichtigen könnte."

Stimmen ranghoher deutscher Militärs, die man so in der Öffentlichkeit selten hört. General Sollfrank fragt:

"Wie steht eigentlich unsere Gesellschaft dazu, dass die Truppe im Gefecht steht und in Operationen den Gefechtserfolg sucht? Soldaten müssen im äußersten Fall etwas tun, was westliche Gesellschaften mehrheitlich ablehnen. Sie wenden tödliche Gewalt an, weil es zum Beruf des Soldaten gehört. Insofern geht es für mich primär darum, den Traditionserlass zu erweitern, ihn zu ergänzen, ihn in das Jahr 2017/18 zu holen. Auch, um hierdurch den für diese Grenzsituationen erforderlichen Rückhalt der Gesellschaft zu bekommen."

Der Kommandeur des Kommando Spezialkräfte spitzt zu. Auf der Suche nach Vorbildern aus der Zeit vor 1945 sei das Vermächtnis des 20. Juli unumstößlich und Eckpfeiler des neuen Erlasses. Aber:

"Ich plädiere dafür, dies nicht dabei zu belassen. Für die Lebenswirklichkeit der Frauen und Männer, für die ich spreche, ist der Widerstand nur eine, wenngleich sicherlich wichtige Leitplanke des Orientierungsrahmens ihrer Lebenswirklichkeit. Ich glaube aber, wir brauchen aber weitere Leitplanken und Identifikationspunkte. Insbesondere jene, die Orientierung in Gefechtssituationen geben."

Soldaten der Bundeswehr legen am Sonntag (18.11.2007) bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee Kränze nieder. Mitglieder der Bundeswehr sowie Vertreter der Jüdischen Gemeinde ehrten die auf dem Friedhof bestatteten 395 deutschen Soldaten jüdischen Glaubens, die im ersten Weltkrieg fielen.  (picture alliance / dpa / Foto: Marcel Mettelsiefen)Soldaten der Bundeswehr legen bei der Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee Kränze nieder. (picture alliance / dpa / Foto: Marcel Mettelsiefen)

Diesen Forderungen kommt der aktuelle Entwurf nur in engen Grenzen entgegen. "Tradition dient der Selbstvergewisserung", heißt es wörtlich, "sie schafft und stärkt Identifikation, erhöht Einsatzwert und erhöht Kampfkraft". Kampfkraft! Ein Begriff, der im 82er Erlass nicht zu finden ist. Dennoch, vieles bleibt undeutlich. Für die Suche nach Vorbildern gilt: Militärische Exzellenz allein reicht ohne den historischen Zusammenhang nicht aus. Einzelne Angehörige von Wehrmacht oder NVA können traditionswürdig sein, die Beteiligung am militärischen Widerstand und die Auflehnung gegen die SED-Herrschaft, Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr oder die Armee der Einheit werden ausdrücklich genannt. Doch immer heißt es auch: Sorgfältige Einzelfallbetrachtung und Abwägung der persönlichen Schuld. Rohrschneider argumentiert aus pragmatischer, nicht akademischer Sicht, wenn er sagt:

"Der eigentliche Begriff der Tradition ist für die Truppe eher sperrig. Der Vorgesetzte zieht die Schlussfolgerung daraus: Wenn ich im Bataillon, in der Brigade mal einen Preis auslobe, dann nenn ich den lieber Gneisenau- oder Scharnhorst-Preis und besser nicht Moltke- oder Schlieffen-Preis. Nicht, weil er wirklich ein Problem mit Moltke oder Schlieffen hätte, aber weil er weiß: Na, im Zweifelsfall ist das besser so. Und meine Soldaten kennen alle vier nicht."

"Tugenden, Tapferkeit und Ritterlichkeit"

Aber auch Gneisenau und Scharnhorst führen in das Dickicht prominenter Namen der deutschen Militärgeschichte. Die Unsicherheit ist, wie eben von General Rohrschneider beschrieben, groß. Nichts verdeutlicht dies besser, als die Abhängung, und nach Protesten Wieder-Aufhängung eines Bildes des ehemaligen Verteidigungsministers und Bundeskanzlers Helmut Schmidts in Wehrmachtsuniform an der nach ihm benannten Bundeswehr-Uni in Hamburg. Der leitende Wissenschaftler am Zentrum für Militärgeschichte, Michael Epkenhans, beruft sich auf die Werteordnung des Grundgesetzes als Filter für die Traditionsbildung und sieht deshalb enge Grenzen, auch für die Zeit vor 1933. Gneisenau, Scharnhorst, Clausewitz, die preußischen Reformer? Möglich, meint der Historiker, aber natürlich waren das keine Demokraten im modernen Sinne, er verweist auf ihr nationalistisches Gedankengut, den Franzosen- und bei Gneisenau später den Polenhass. Epkenhans bilanziert: 

"Klassische militärische Leistungen und Tugenden, Tapferkeit und Ritterlichkeit oder das berühmte Feldherrengenie von Soldaten vor 1933 reichen in meinen Augen nicht mehr aus, um sie, wie es die Gründerväter unserer Bundeswehr in Anlehnung an alte Tradition getan haben, als traditionsbildend zu betrachten. In der Konsequenz bedeutet dies, dass es für eine Hindenburg-Kaserne heute ebenso wenig einen Platz geben kann wie für Emmich Cambrai oder die nach Immelmann, Richthofen oder Bölke benannten Traditionsgeschwader der Luftwaffe."

Umstrittene Kasernen-Namen, in diesem Zusammenhang ein thematischer Dauerbrenner. Seit etwa 20 Jahren überprüft die Bundeswehr ihre "Benennung von Liegenschaften", wie es im Amtsdeutsch heißt, auf ihre Traditionswürdigkeit. Bis 2016 wurden 16 Kasernen umbenannt. Die Namen Dietl, Kübler, Konrad und Fahnert sind vier Beispiele für ehemalige Generäle, die aufgrund ihrer Rolle in der NS-Zeit als Namensgeber ersetzt wurden: Allgäu, Karwendel, Hochstaufen und Kirchfeld, so heißen die Kasernen heute. Auch keine Lösung, meint der Militärhistoriker Epkenhans. Geschichtsbewusstsein entwickele sich nur durch die aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit:

"Wenn wir daher jeden Raum in einem Gebäude der Führungsakademie nach einem Gebirgszug oder einer Landschaft, jede Mole in Wilhelmshaven nach einer Insel im Wattenmeer oder jede Straße auf einem Fliegerhorst nach einem Sternbild benennen, dann kennen unsere Soldaten bald alle Landschaften, alle Inseln in der Nordsee und alle Sterne. Von unserer Geschichte wissen sie dann aber noch weniger, als dies leider häufig genug ohnehin der Fall ist."

Die Truppenfahne für das Kommando Cyber- und Informationsraum wird am 05.04.2017 in Bonn (Nordrhein-Westfalen) beim Dienstappell von Generalleutnant Ludwig Leinhos übergeben. (dpa / picture alliance / Ina Fassbender)Eine Truppenfahne der Bundeswehr (dpa / picture alliance / Ina Fassbender)

Weiterer Streit um Kasernennamen ist programmiert. Um den Namen Erwin Rommel wird seit Jahren gerungen. Für die einen der Wüstenfuchs mit Heldenstatus, für andere ein Nazi-Scherge. Der Mann kann kein Vorbild sein, sagt SPD Verteidigungspolitiker Rainer Arnold. Doch Ursula von der Leyen hält an Rommel als Namensgeber für deutsche Kasernen fest. Der Ministerin sind andere Namen ein Dorn im Auge. Dem Reservistenverband sagt sie im vergangenen Mai:

"Wir verbannen zu Recht Wehrmachtshelme aus der Stube, doch am Tor der Kaserne stehen nach wie vor Namen wie Hans Joachim Marseille oder Helmut Lent. Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr, sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann."

Eigene Traditionsbildung aus über 60 Jahren Bundeswehr

Von Marseille und Lent, zwei Jagdflieger aus dem 2. Weltkrieg, mit hohen Abschusszahlen, einst Fliegerasse eben mit Heldenstatus. Major Markus Danisch, aus dem Generalstabslehrgang an der Führungs-Akademie in Hamburg denkt über Vorbilder nach. Mit seinen 35 Jahren hat er bereits zwei Auslandseinsätze hinter sich, er war in Afghanistan und in Mali. Schwieriges Thema, sagt er, klar gehe es auch um Vorbilder für Soldaten im Kampf.

"Für mich ist es schon wichtig, wie die Kaserne heißt, in der ich diene, weil sie ja letztendlich mein zweites Zuhause ist. Ich fände es schade, wenn alle Kasernen nur nach Regionen oder nach Bundesländern oder was auch immer benannt werden würden, weil es eben militärische Persönlichkeiten gibt, definitiv auch in der Bundeswehr, die es wert sind, tradiert zu werden und die dementsprechend auch einen Kasernennamen erhalten können."

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) spricht am 21.11.2017 im Bundestag in Berlin. Dabei sind Spiegelungen eines Geländers zu sehen. In seiner 2. Sitzung der 19. Legislaturperiode berät der Deutsche Bundestag unter anderem über Bundeswehreinsätze und die Einsetzung verschiedener Ausschüsse. (Silas Stein/dpa)Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Bundestag (Silas Stein/dpa)

Eigene Traditionsbildung aus über 60 Jahren Bundeswehr heraus. Das ist der zentrale Bezugspunkt im neuen Erlass. Ursula von der Leyen wird nicht müde zu betonen, dass die Bundeswehr inzwischen älter ist, als Reichswehr und Wehrmacht zusammen. 

"Wenn wir unsere eigene Geschichte nicht erzählen, wenn wir unsere eigenen Traditionen nicht entdecken und entfalten, wer sollte es denn dann tun?"

Wo soll man suchen? Die Traditions-Workshops der vergangenen Monate zeigten Möglichkeiten auf. Hier der Kommandeur des Kommando Spezialkräfte, General Sollfrank:

"Wir kennen alle die Tradition der Bundeswehr als Verteidigungsarmee, die Tradition des Helfens, die Fluteinsätze in Hamburg, das Oder-Hochwasser, die Unterstützung im Rahmen der Flüchtlingshilfe, auch hat sich eine Tradition der Einsätze durchaus entwickelt. Die Einführung des Ehrenkreuzes für Tapferkeit, die Gefechtsmedaille war hier ein wichtiger Schritt." 

Winfried Nachtwei war als Bundestagsabgeordneter der Grünen im Verteidigungsausschuss an 70 Mandatsentscheidungen für Auslandseinsätze der Bundeswehr beteiligt. Er hat vor einigen Wochen im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema "Tradition im Heer" Dutzende von Anregungen und Beispielen für mögliche Traditionsbildung aus den letzten drei Jahrzehnten gesammelt. Darunter die beiden, die General Sollfrank hier konkret benennt:

"Wer von ihnen kennt die Operation Halmazag? Sie war für mich ein zarter Versuch, aus einer erfolgreichen Operation in Afghanistan möglicherweise etwas Bleibendes zu schaffen, dies war durch die Protagonisten des Geschehens selbst initiiert. Wer kennt die 2010 erfolgreich geführte Operation zum Freikämpfen des Raums Baghlan? Ist hieraus etwas Traditionsstiftendes für die Truppe erwachsen? Ich glaube, nicht viel. Hier müssen wir etwas tun."

Bedürfnisse der Truppe

Ehrenkreuze und Gefechtsmedaillen, aus Sicht der Soldaten sind sie kein Relikt aus vergangenen Epochen, sondern sie gehören zu den aktuellen Bedürfnissen der Truppe. Die Verteidigungsministerin sieht gerade mit Blick auf die junge Generation die Herausforderung, dieses Traditionsverständnis anschlussfähig für das gesellschaftliche Geschichtsbewusstsein zu halten:

"Nur wenn unsere Gesellschaft versteht, was wir denken, wie wir fühlen, wie wir unsere Vorbilder setzen, kann sie auch aus tiefstem Inneren stolz auf uns ein. Sie muss uns verstehen."

Noch wird der Entwurf des neuen Erlasses vor allem truppenintern diskutiert. Ein Manko, so Winfried Nachtwei, der die Diskussion intensiv begleitet:

"Dafür würde es eigentlich auch eines Dialogprozesses bedürfen, das haben wir aber bisher bei diesem Prozess mit der Gesellschaft im Grunde noch gar nicht."

Die Neufassung des Traditionserlasses war nach 35 Jahren überfällig, darüber sind sich fast alle einig. Über die stärkere Betonung der eigenen Bundeswehr-Vergangenheit herrscht Konsens. Kritik ist aber auch längst zu hören. Etwa, wie die Wehrmacht und die NVA mehr oder weniger im gleichen Atemzug und auf einer Stufe als "nicht sinnstiftend" ausgegrenzt werden, erscheint Kritikern als grobe Unwucht. Andere vermissen Stichworte wie Frauen in der Bundeswehr oder die Erwähnung der wachsenden Rolle von Migranten in der Truppe.

Kissen mit Orden: Auszeichnung mit der Einsatzmedaille für Soldaten der Bundeswehr (imago / Christian Thiel)Kissen mit Orden: Auszeichnung mit der Einsatzmedaille für Soldaten der Bundeswehr (imago / Christian Thiel)

Auch der Große Zapfenstreich ist aus Sicht der Truppe nach wie vor alles andere als eine museal anmutende Abendshow. Ausdrücklich wird er im neuen Erlass im Rahmen der Traditionspflege als besonders bedeutsam festgehalten. Norbert Lammert, der ehemalige Bundestagspräsident war es, der beim Zapfenstreich vor zwei Jahren das beispiellose Selbstverständnis der deutschen Streitkräfte als Parlamentsarmee würdigte. Ein Selbstverständnis, das traditionswürdig in sich selbst ist. Dieses Fundament der Bundeswehr gerät, bei aller notwendigen Aufmerksamkeit für rechtsextreme Spuren und falsche Vorbilder, manchmal in den Hintergrund:

"Es gibt kein zweites Beispiel weltweit, in dem die Verankerung einer Armee im demokratischen Staat in einer solchen Weise parlamentarisch festgeschrieben und legitimiert ist. Denn in Deutschland entscheidet der Bundestag darüber, ob überhaupt und wenn ja, wie viele Soldaten, an welchem Platz der Welt, welchen Auftrag wahrzunehmen haben!"

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