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StartseiteGesichter EuropasDas Wunder von Helsinki28.07.2018

Unterzeichnung der KSZE-SchlussakteDas Wunder von Helsinki

Mitte Juli trafen sich Donald Trump und Wladimir Putin zum bilateralen Gipfel in der finnischen Hauptstadt – mit wenig greifbaren Ergebnissen. Dagegen war Helsinki vor 43 Jahren Schauplatz eines zweifellos historisch zu nennenden Zusammentreffens der Staatenlenker aus Ost und West.

Von Jenni Roth

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Blick in die Finnlandia-Halle in Helsinki während der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki 1975  (dpa / picture alliance / Horst Sturm)
Blick in die Finnlandia-Halle in Helsinki während der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki 1975 (dpa / picture alliance / Horst Sturm)
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Am 1. August 1975 unterzeichneten sie dort zum Abschluss der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) ein beispielloses Abkommen. Besonders die darin festgeschriebenen Grundsätze·zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten ließen die Bürgerrechtsbewegungen im Ostblock erstarken -  und wurden so zu einem Sargnagel des Sowjetimperiums.

Vermutlich wäre die Schlussakte von Helsinki nie zustande gekommen, hätte es Urho Kekkonen nicht gegeben. Der finnische Langzeitpräsident verschaffte sich mitten im Kalten Krieg Gehör beiderseits des Eisernen Vorhanges. Er freundete sich sogar mit dem sowjetischen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin an - und gründete ein damals kühnes Verhandlungsforum für 35 Außenminister, darunter auch dem der USA. 

Präsident Urho Kekkonen pochte auf Neutralität

Um die verfeindeten Machtblöcke zusammenzubringen, bediente sich Kekkonen auch unkonventioneller Methoden: Immer wieder lud er hochrangige sowjetische Vertreter zu vertrauensbildenden Gesprächen in seine Privat-Sauna ein. Westliche Hardliner sahen die "Sauna-Diplomatie" mit Skepsis, der Begriff der "Finnlandisierung" machte die Runde, man kritisierte den Ausverkauf westlicher Interessen durch den auf Neutralität pochenden konservativen Präsidenten.

Ist Finnland heute noch immer eine Blaupause für außenpolitische Neutralität und Zurückhaltung? Vor allem seit der Ukraine-Krise wachsen die Sorgen im Grenzland vor einer russischen Intervention. Tatsächlich könnte im Angriffsfall jeder Bürger Helsinkis unter der Erde Zuflucht finden. Ist es Zufall, dass die Stadt ihre unterirdische Infrastruktur ausbaut?

"Gesichter Europas "begeben sich auf Spurensuche in Finnland, unter anderem mit Jaakko Ilomieni, der als Vertrauter Kekkonens die Konferenz mit vorbereitete, sowie René Nyberg, dem früheren Botschafter in Moskau. Und natürlich im Saunaclub Helsinkis, der bis heute ein Treffpunkt für Diplomaten aus aller Welt ist.

 Bundeskanzler Helmut Schmidt, der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, US-Präsident Gerald Ford und der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky (l-r) (picture-alliance/ dpa) (picture-alliance/ dpa)Erinnerungen an eine historische Konferenz
Ein kleines Land als Motor großer Weltpolitik und als Vermittler zwischen den verfeindeten Machtblöcken: Das war Finnland in den 70er-Jahren. Gekrönt wurde diese Politik der Verständigung durch die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1.August 1975. Eine Spurensuche 43 Jahre später.

Der finnische Staatspräsident Urho Kekkonen (Undatierte Aufnahme) (picture-alliance / dpa) (picture-alliance / dpa)Urho Kekkonen - der "finnische Machiavelli" 
Was sich mit der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki manifestierte, wäre ohne die Neutralitätspolitik des finnischen Präsidenten Kekkonen undenkbar gewesen. Niemand ahnte damals, dass die Beschlüsse den Anfang vom Ende des Ostblocks bedeuteten.

Einige Männer verlassen in Estland eine Sauna, die nach dem finnischen Präsidenten Kekkonen benannt ist. (imago stock&people) (imago stock&people)Die finnische Sauna-Diplomatie
"Zur Durchsetzung seiner Ziele bediente sich der finnische Präsident Uhro Kekkonen zuweilen ebenso unkonventioneller wie typisch finnischer Methoden: Er nahm seine Verhandlungspartner wortwörtlich in den Schwitzkasten.

Die von Timo und Tuomo Savolainen entworfene Temppeliaukio Kirche in Helsinki wurde 1969 geweiht (dpa / Pekka Sakki ) (dpa / Pekka Sakki )Die Stadt unter der Stadt
"Helsinki underground" ist die zweite, unterirdische finnische Hauptstadt. Ursprünglich in den Zeiten des Kalten Krieges geplant und konstruiert, wird sie auch heute noch immer weiter ausgebaut - und steckt voller Geheimnisse und Skurrilitäten.

Präsident Wladimir Putin, Mitte, steht mit US-Präsident Donald Trump, First Lady Melania Trump, links, und dem finnischen Präsidenten Sauli Niinisto und seiner Frau Jenni Elina Haukio zu Beginn eines Gipfeltreffens im Präsidentenpalast in Helsinki (imago / Sheala Craogjead) (imago / Sheala Craogjead)"Immer richtung Moskau winken"
Die Schlussakte von Helsinki hat bis heute nichts an inhaltlicher Aktualität eingebüßt - sie wächst sogar im Zeichen der neuen politischen Verhärtungen zwischen Ost und West. Für Finnland stellt sich mehr denn je die Frage, welche Sicherheit das Modell der Neutralität noch bietet.

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