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StartseiteBüchermarktChronik eines Gescheiterten03.01.2020

Unvollendeter Roman von José María ArguedasChronik eines Gescheiterten

Von der Zerrissenheit eines Mannes und seines Heimatlandes erzählt José María Arguedas' letzter Roman. Eindrücklich und sprachmächtig beweist „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ erneut, dass zu wenig aus dem Werk des 1969 verstorbenen Peruaners ins Deutsche übersetzt wurde.

Von Maik Brüggemeyer

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Das Buchcover von José María Arguedas: „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ von einer peruanischen Industrielandschaft (Buchcover  Wagenbach Verlag/ (c) dpa / EFE/Paolo Aguilar)
José María Arguedas: „Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten“ vor einer peruanischen Industrielandschaft (Buchcover Wagenbach Verlag/ (c) dpa / EFE/Paolo Aguilar)

Der peruanische Schriftsteller José María Arguedas war ein zerrissener Mensch. Er stammte aus gutem Hause. Sein Vater war Anwalt, seine Mutter, die bald nach seiner Geburt starb, war Tochter eines Großgrundbesitzers. Da sein Vater viel unterwegs war, wuchs er bei der Stiefmutter auf und wurde gezwungen, bei ihren indianischen Dienstboten und Arbeitern zu leben, erlernte ihre Bräuche und wurde Zeuge der täglichen Demütigungen, denen sie ausgesetzt waren. Er hatte die Spannung zwischen der indianischen und der europäischen Kultur verinnerlicht. Und die bestimmte zwangsläufig auch seine Romane und Erzählungen.

Am 28. November 1969 nahm er sich im Alter von 58 Jahren in seinem Büro an der Universität in Lima, wo er als Ethnologe lehrte, das Leben. Den Roman "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten", der nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt und an dem er bis zu seinem Tod schrieb, hatte er bereits im Hinblick auf eine postume Veröffentlichung geschrieben. Der Text beginnt mit Tagebuchaufzeichnungen des Autors aus dem Mai 1968, in denen er seinen missglückten Suizidversuch zwei Jahre zuvor rekapituliert.

"Ich fülle diese Seiten, weil man mir bis zum Überdruss erklärt hat, ich müsse nur wieder schreiben, dann würde ich gesund. Da ich aber über selbst gewählte, ausgefeilte Themen, ob kleine oder anspruchsvolle, nicht schreiben kann, werde ich über das einzige schreiben, was mich noch reizt: dass ich es nicht geschafft habe, mich umzubringen und mir jetzt den Kopf darüber zerbreche, wie ich doch noch mit Anstand aus dem Leben scheiden kann, ohne all diejenigen, die mein Verschwinden bedauern werden, und all diejenigen, die eine Art von Vergnügen empfinden werden, über Gebühr zu belästigen."

Schreiben und Trauma liegen nah beieinander

Aus diesen Zeilen sprechen starke Selbstzweifel. Die scheinen unter anderem darin begründet, dass Arguedas sich angesichts der neuen, international erfolgreichen Generation lateinamerikanischer Autoren wie beispielsweise Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa oder Carlos Fuentes wie ein Auslaufmodell fühlte. Der nur drei Jahre jüngere argentinische Autor Julio Cortázar bezeichnete ihn zudem in einem Interview als Provinzautor.

Arguedas tritt in seinem Tagebuch in den inneren Dialog mit den erwähnten Kollegen, berichtet zugleich von traumatischen Erlebnissen sexueller Natur aus Kindheit und Jugend. Zeugungs- und Schaffenskraft scheinen bei ihm eins zu sein. So erklärt er, dass ihm in jungen Jahren die Bekanntschaft zu einer schwangeren Prostituierten namens Fidela geholfen habe, eine Schreibkrise zu überwinden. Dann verließ sie die Stadt, um zurück in das Bergdorf zu gehen, aus dem sie stammte. Am Ende dieses Romanabschnitts mischen sich die beiden titelgebenden Füchse ein und kommentieren die psychische Verfassung des Autors.

"Der Fuchs von oben: Die schwangere Fidela; Blut, sie ist weg; der junge Kerl war verwirrt, ist hinuntergestiegen auf dein Terrain. Der Fuchs von unten: Ein unvertrautes Geschlecht verwirrt die beiden. Die Prostituierten schimpfen und fluchen zu Recht. Sie haben den jungen Kerl noch weiter verunsichert. Das Geschlecht der Prostituierten, ihre ,Füchsin’, gehört niemandem; sie kommt aus der Welt von unten, meinem Terrain. Sumpfblume nennt man sie. In ihrer ,Füchsin’ erscheint die Angst und auch das Vertrauen."

Urpsrüngliche und sündige Füchse

Der Fuchs ist in der lateinamerikanischen Sagenwelt ein gerissener Betrüger, der allerdings meist am Ende den Kürzeren zieht. Bei Arguedas steht der Fuchs von oben für das landwirtschaftlich geprägte peruanische Hochland und die von dort stammenden indianischen Hochkulturen – also für das Reine, Ursprüngliche und Mythische. Der Fuchs von unten repräsentiert die karge Küstenregion, genauer gesagt die Kolonial- und Hafenstädte der spanischen Invasoren – also die Sünde, die Gewalt und den Geschäftssinn.

Diesen Gegensatz thematisiert Arguedas im weiteren Verlauf des Textes am Beispiel der modernen Hafenstadt Chimbode, die vor allem durch die Produktion von Fischmehl boomt. Der Autor führt den Leser vom Bord eines Schiffes ins Rotlichtmilieu der Stadt, die Sprache wird rauer und vulgärer, die Arbeiter und Prostituierten, die großenteils indianischer Abstammung sind, haben sich weit von ihrem Ursprung entfernt, scheinen unterzugehen in der sündigen Stadt. Ein Verrückter namens Moncada wettert über die Zustände, die Bewohner eines Armenviertels tragen Kreuze von einem stillgelegten Friedhof zu einer neuen Grabstätte, ein Zuhälter schüchtert eine Prostituierte ein.

Ein Fuchs in der Fischmehlfabrik

Und der Autor, so gesteht er im folgenden Tagebucheintrag, weiß nicht mehr, wie er mit seiner Erzählung fortfahren soll. Schließlich lässt er seinen Fuchs von unten ins Geschehen eingreifen.

"Als der Werkschef der Fischmehlfabrik ,Nautilus Fishing’, Don Ángel Rincón Jaramillo, aufsah, stand in der Tür seines Büros ein schlanker junger Mann mit einem schütteren Schnurrbart, dessen einzelne Haare sich nahezu horizontal voneinander wegstreckten, was eine unwiderstehliche heitere Neugier hervorrief: ,Ich habe hier einen Umschlag für Sie, Don Ángel’, sagte der junge Mann und näherte sich, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, dem Schreibtisch. Don Ángel fiel auf, dass der Mann sehr kurze Beine hatte, aber auf eine sehr harmonische Weise kurz, eine Eigenart, die noch hervorgehoben wurde durch eine höchst moderne, lange, fast gehrockartige Jacke mit goldenen Knöpfen. In der Hand hielt dieser Mann eine grau gesprenkelte Mütze, die Don Ángel auch bei den indianischen Minenarbeitern in Cerro de Pasco gesehen hatte, eine erste Annäherung an den Kleidungsstil der ,zivilisierten’ Welt."

Realität und Mythos verschmelzen

Der Fuchs hat die Gestalt des sich halb europäisch, halb indianisch kleidenden geheimnisvollen Don Diego angenommen, der mit dem Direktor der Fischmehlfabrik ebenso kommunizieren kann wie mit den kleinen Arbeitern. Er bringt Licht in die Halbwelt Chimbodes und kann sogar die kapitalistische Maschinerie kurzzeitig zum Stehen bringen.

Im folgenden Kapitel schildert Arguedas episodisch die Biografien einiger aus dem Hochland in die Stadt immigrierter Figuren wie etwa die des Schweinezüchters Bazalar. Denen stellt er die Geschichte des amerikanischen Ex-Soldaten Maxwell gegenüber, der sich als Maurergeselle ebenfalls in die Gesellschaft der Küstenstadt zu integrieren versucht. Auch hier taucht Don Diego wieder als vermittelnde, die Ordnung aber zugleich aus dem Gleichgewicht bringende Instanz auf. Man mag in ihm eine Verkörperung des Magischen Realismus sehen, jener von Gabriel García Márquez populär gemachten Form, in der die Grenzen zwischen Realität und Phantasie, Volkskultur, Mythologie, Religion, Geschichte und Geographie verschmelzen.

Ein letztes Zeugnis, kein leichtes

Aber José María Arguedas glaubt nicht an die Verbindung von Tradition und Moderne, er glaubt nicht mal an das Gelingen seines Romans, und schreibt im letzten Tagebuchabschnitt:

"Ich habe gegen den Tod gekämpft oder glaube gegen den Tod gekämpft zu haben. Auge in Auge, als ich diese stockende, klageerfüllte Geschichte schrieb. Ich hatte nur wenige schwache und unsichere Verbündete; die Verbündeten des Todes haben gesiegt. Sie sind stark und waren gut gehütet von meinem eigenen Fleisch. Diese ungleiche Geschichte ist das Abbild dieses ungleichen Kampfes."

"Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten" ist das letzte Zeugnis eines zerrissenen Autors. Keine leichte Lektüre, aber eine überaus lohnende. Denn der zwischen Leben und Kunst, Mythos und Realismus changierende und immer wieder seine Form verändernde Text gibt nicht nur einen Blick in die seelischen Abgründe seines Schöpfers, sondern auch in die durch Kolonialisierung ausgelösten Identitätskonflikte eines ganzen Kulturkreises. Der einleitende Essay von Marco Thomas Bosshard, Professor für Spanische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Europa-Universität Flensburg, und die Übersetzung von Matthias Strobel machen diesen Schlüsseltext der lateinamerikanischen Kultur in seiner ganzen Komplexität und Sprachmacht für den deutschen Leser erfahrbar.

José María Arguedas: "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten"
aus dem peruanischen Spanisch von Matthias Strobel
Verlag Klaus Wagenbach, 320 Seiten, 25 Euro

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