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StartseiteForschung aktuellHagel-Hotspots im Südwesten und im Windschatten von Gebirgen12.06.2019

Unwetter-PrognosenHagel-Hotspots im Südwesten und im Windschatten von Gebirgen

Hitzegewitter, tischtennisballgroße Hagelkörner prasseln vom Himmel, zerstören Dächer und Autos, so wie jetzt bei München. Rückversicherer analysieren, wie sich Hagelschäden in den vergangenen 40 Jahren verändert haben und sich künftig entwickeln dürften.

Von Volker Mrasek

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Große Hagelkörner auf einem Feld (imago / blickwinkel)
In Deutschland werden extreme Hagelstürme zunehmen (imago / blickwinkel)
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Manuel Schmidberger vom Institut für Meteorologie und Klimaforschung im Karlsruher Institut für Technologie (KIT):

"Ende Juli 2013 war’s. Ist ein Hagelzug durch Süddeutschland gegangen." "Hat sich rasch intensiviert und Hagelkörner in einer Größenordnung von 8 Zentimetern hervorgebracht." "Eine Superzelle, die schwerste mögliche Gewitterkonfiguration." "Muss man sich vorstellen: Das ist dann schon im Bereich von ‘ner großen Orange!" "Gleichzeitig war im Norden eine ähnliche Superzelle unterwegs." "Für Deutschland ein extremes Ereignis." "War damals der größte Schaden aus Schwergewittern im europäischen Raum und auch weltweit mit über drei Milliarden Euro."

Sechs Zentimeter große Hagelkörner im Großraum München

Zerborstene Autoscheiben, zerstörte Hausdächer, zertrümmerte Gewächshäuser – so heftig kann Hagelschlag ausfallen. Auch jetzt wieder im Großraum München, mit bis zu sechs Zentimeter großen Eisklumpen, die vom Himmel fielen.

Anja Rädler, Georisiko-Abteilung, Münchener Rückversicherung:

"Also, in Deutschland haben wir im Schnitt ein bis zwei Hageltage pro Ort. Es gibt einen Gradienten. Im Norden von Deutschland haben wir weniger, im Süden von Deutschland, vor allem auch im Schwarzwald, können es bis zu fünf Hageltage im Jahr sein."

Deutliche Hagel-Zunahme in Mitteleuropa

Die Meteorologin Anja Rädler von der Münchener Rückversicherung. In einem gerade beendeten Projekt des Bundesforschungsministeriums untersuchte sie, wie sich Hagelschlag in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt hat, gestützt auf Unwetter-Aufzeichnungen aus ganz Europa. Die Daten ließen eine deutliche Zunahme in Mitteleuropa erkennen, resümiert Eberhard Faust, Leiter der Forschung über Naturgefahren bei der Münchener Rück:

"In Deutschland selber ist es so, dass wir Änderungen gesehen haben, also Zunahmen, im Südwesten Deutschlands. Das heißt, im wesentlichen Bereich Baden-Württemberg bis vielleicht noch bestimmte Teile Bayerns im Süden. Auch bei Hagel größer fünf Zentimeter zum Beispiel."

Hagelstürme werden sich verdoppeln

Also auch bei besonders schadensträchtigen Ereignissen wie 2013 oder jetzt in München. Offenbar hat sich die Zahl von Hagelunwettern im Südwesten in den letzten 40 Jahren um über 60 Prozent erhöht, begünstigt durch den zunehmenden Eintrag feuchtwarmer Luftmassen aus Frankreich und der Schweiz. Und es ist damit zu rechnen, dass sich dieser Trend weiter verstärkt. Wenn der Klimawandel anhält und die Atmosphäre immer wärmer und feuchter wird, könnte sich die Zahl starker Hagelstürme bis zum Jahrhundert-Ende noch einmal fast verdoppeln. Das ergaben Klimamodellrechnungen:

"Von daher haben wir das bestimmt nicht das letzte Mal gesehen. Wir werden das immer wieder sehen können."

Ein Anwohner zeigt den Schaden an einem Autofenster, den ein Hagelsturm hinterlassen hat. (Yohan BONNET / AFP)Die Anzahl von Unwettern mit Hagelschäden hat sich in den vergangen Jahrzehnten deutlich erhöht (Yohan BONNET / AFP)

Gewittergefahr über Mittelgebirgen besonders hoch

Karlsruher Forscher wiederum werteten die Stationsdaten des deutschen Regenradar-Netzwerkes aus, und zwar für die Jahre 2005 bis 2015. Der Arbeitsgruppe des Meteorologen Manuel Schmidberger gelang es, daraus Signale für Hagel herauszufiltern - mit interessanten Ergebnissen:

"Normalerweise hört man ja im Radio immer, dass Gewitter über den Mittelgebirgen entstehen und dann über den Mittelgebirgen die Gewittergefahr besonders hoch ist."

Hagel-Hotspots in Deutschland

Gerade für Superzellen und starke Hagelgewitter stimmt das aber wohl nicht. Nach den Radar-Analysen treten sie oft erst im Lee der Gebirge auf – weil feucht-warme Luftmassen aus Südwest die Mittelgebirge häufig beiderseits umströmen, statt drüber hinwegzusteigen. Im Windschatten der Berge treffen sie dann wieder aufeinander und werden gezwungen, aufzusteigen. So entstehen Gewitter, die sich rasch intensivieren und zu Hagelzellen werden können:

"Gerade im Schwarzwald führt das dann oft dazu, dass wir einen Hagel-Hotspot südlich von Stuttgart haben, eben weil sich die Zellen im Lee des Schwarzwalds, also stromab des Schwarzwalds, bilden. Aber es gibt auch noch andere Hotspots im Mittelgebirgsraum und entlang des Erzgebirges. Stromabwärts des Taunus, stromab des Sieger- und Sauerlandes in Richtung Kassel. Und auch stromab des Harzes kann man diese Effekte beobachten."

Prävention mit schlagfestem Polycarbonat

Fasst man die Ergebnisse beider Studien zusammen, dann kann man sagen: Hagelunwetter in Deutschland werden wahrscheinlich weiter zunehmen, und man kennt die Hot Spots. Dort empfiehlt es sich, eine bessere Schadensverhütung zu betreiben. Obstbauern könnten zum Beispiel vermehrt Hagelnetze verwenden, Autofahrer ohne Garage Hageldecken und Häuslebauer Materialien, die besonders robust sind wie zum Beispiel Bauelemente aus schlagfestem Polycarbonat.

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