Sonntag, 22.07.2018
 
Seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang
StartseiteKalenderblattAbrechnung mit der Generation der Väter08.10.2016

Uraufführung des Dramas "Der Sohn" vor 100 Jahren Abrechnung mit der Generation der Väter

"Der Sohn" von Walter Hasenclever gilt als eines der wichtigsten Dramen des Expressionismus. Es konnte in Deutschland nur in einer geschlossenen Vorstellung uraufgeführt werden: zu revolutionär die Abrechnung mit der Generation der Väter und ihrer verstaubten Moral mitten im Ersten Weltkrieg.

Von Cornelie Ueding.

Der deutsche Schriftsteller Walter Hasenclever (picture alliance / dpa )
Der deutsche Schriftsteller Walter Hasenclever (picture alliance / dpa )
Mehr zum Thema

Vor 75 Jahren Walter Hasenclever nimmt sich das Leben

Theater Visionen und zerfetzte Sprache

"Wenn Sie selber einmal Vater sind, werden Sie genauso wie er. Der Vater – ist das Schicksal für den Sohn. Im Elternhaus beginnt die erste Liebe und der erste Hass. Wenn Sie jemals einen Sohn haben, setzen Sie ihn aus oder sterben Sie vor ihm. Der Tag kommt, wo Sie Feinde sind, Sie und Ihr Sohn. Dann gnade Gott dem, der unterliegt."

Eine etwas pathetische Szene aus einem Schillerdrama? Mitnichten. Vielmehr ein Ausschnitt aus einem skandalumwitterten Stück der Moderne, Walter Hasenclevers "Der Sohn". Der Text lag seit 1914 im Druck vor, konnte aber erst zwei Jahre später in Prag uraufgeführt werden und hatte schließlich am 8. Oktober 1916, mit Ernst Deutsch in der Titelrolle, am Dresdner Albert Theater vor einer geschlossenen Gesellschaft Premiere. Dieses Don Carlos-artige Vater-Sohn-Gerangel war der Skandal der Saison, was viel über die anhaltende Dominanz hierarchischer Strukturen im Wilhelminischen Nationalstaat aussagt.

Revolutionäres Stück

Während auf den Schlachtfeldern in Verdun und an der Somme ein gnadenloser Materialkrieg alle heroisch-romantischen Kampfgelüste hinwegfegte, ging es in den bürgerlichen Wohnzimmern im familiären Bereich nicht weniger heftig zu. Es war einer der letzten Kämpfe des patriarchalischen Prinzips, und der junge Dramatiker Walter Hasenclever wusste genau, welche Bombe er da zu zünden im Begriff war. An den Freund, Vermittler und Verleger Kurt Wolf schreibt er:

"Mein Stück ist ganz revolutionär. Wenn es aufgeführt wird, ist, da es dramatisch ungeheuerlich wirkend – und spannend nebenbei – ist, mit tollen Lärmereien des Publikums, auch der Zensur zu rechnen."

Kühler Stratege und hautnah Berührter – bei Hasenclever ist dies kein Gegensatz. Im selben Brief bekennt er, gleichsam im selben Atemzug:

"Ich habe auf dem Papier so gezittert, dass ich mehrmals buchstäblich nicht schreiben konnte."

Der Vater muss sterben

So sehr das Thema jung gegen alt, Söhne gegen Väter seit Ödipus die Bühnen dominiert: der Tabubruch der vorsätzlichen Tötung des Vaters durch den Sohn auf offener Bühne war doch ein Novum – genauer gesagt, wäre es gewesen, wenn sein fürsorglicher Berater Kurt Wolff nicht die institutionelle Notbremse gezogen hätte. Noch während das Stück im Entstehen begriffen war, äußerte er erhebliche Vorbehalte. Und Hasenclever reagierte darauf geschmeidig und entschlossen zugleich:

"Ich mache Ihnen gern Konzessionen und der Papa soll am Herzschlag sterben. Sterben muß er."

Nicht zuletzt ist das Stück auch Hasenclevers Abrechnung mit dem eigenen Vater, einem Arzt, der nach allem, was man weiß, mit fast klischeehafter preußischer Disziplin und Härte in das Leben des jungen Walter hineinregierte. Und der auf dem Theater ausgetragene Kampf gegen einen monströsen Vater, dieses Duell mit tödlichem Ende des vermeintlichen Alphatiers, hat besonders junge Menschen in den Bann gezogen. Was die Wucht des Jugendprotests betrifft, erscheint "Der Sohn" beinahe wie ein später Werther. Schwärmerei, Vitalismus, Ich-Kult und brachliegender undefinierbarer Aktionismus lagen in der Luft – ein brisantes Gefühlsgemisch, das die jungen Männer, auch und gerade idealistische Neuerungs- und umsturzsüchtige Künstler, in die Schützengräben getrieben hatte.

Gespensterzug der Dämonen

Im letzten Kriegsjahr gelang es, den revolutionären Gestus des Stückes auch dramaturgisch einzulösen. Selbst ein Jahrzehnt später, 1927, berichtet Hasenclever, immer noch enthusiasmiert, von der konsequent antinaturalistischen Inszenierung im Mannheimer Nationaltheater:

"Die Idee, der geistige Inhalt des Stücks trat zutage. Unser Kampf und unsere Jugend rollten in atemloser Spannung vorbei. Es war mir, als wäre ich zum ersten Mal im Theater. Ich spürte, es gab ein absolutes Theater."

Wenig später sollte ihn das Prinzip der Väter ein letztes Mal unentrinnbar einholen in Gestalt des Übervaters, des "Führers".

Eines ist es, die Geister der Ahnen – in effigie – auf dem Theater zu bannen. Etwas anderes, ihnen in der Realität zu begegnen. Hasenclever, der alle Finten und Finessen des Theaterbetriebs aus dem ff kannte, musste vor dieser letzten Herausforderung kapitulieren: 1940 wählte er den Freitod.

"Wir Verbannten, wir Heimatlosen, was haben wir noch für ein Recht zu leben? Was wir gedacht und geschrieben haben, was wir, Angehörige eines Volkes, das nie seine Dichter begriffen hat, dennoch glaubten verkünden zu müssen, es versinkt im Gespensterzug der Dämonen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk