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StartseiteKultur heuteSchnelle Szenen und schrille Chargen19.09.2018

Uraufführung von "Nackt über Berlin"Schnelle Szenen und schrille Chargen

Eine kreiselnde Drehbühne und ein starkes Schauspielkollektiv sind die Eckpfeiler der Uraufführung von Axel Ranischs Werk "Nackt über Berlin". Der Text bietet rachsüchtige Teenager, einen übergriffigen Lehrer und ein Coming out. Stellenweise schwach inszeniert, aber mit gutem Gespür für die Figuren.

Von Michael Laages

Zwei Schauspieler (Alexander Pensel und Ali Aykar) befinden sich am Boden. Der eine, Ali Aykar, ist nur mit T-Shirt und Unterhose bekleidet und liegt am Boden. Der andere, Alexander Pensel, kniet hinter ihm und hält den Kopf von Ali Aykar mit beiden Händen fest, sein Gesicht ist verzerrt. Die ganze Szene ist in ein frischgrünes Licht getaucht.  (Falk Wenzel)
Alexander Pensel und Ali Aykar in Henriette Hörnigks Inszenierung von "Nackt über Berlin" (Falk Wenzel)
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So schnell und schwindlig ist der Text geschrieben, dass es dem Theater gar nicht so leicht fällt, Schritt zu halten, selbst in der sehr speziellen Konstellation, die das Theater in Halle zu bieten hat, und die dabei hilft, Ranischs Tempo szenisch und im Spiel zu übersetzen. Wieder kommt hier die "Raumbühne" zum Einsatz, die der Bühnenbildner Sebastian Hannak vor zwei Jahren schon einmal im Opernhaus entwarf für das Schauspiel-Ensemble und Regisseurin und Chefdramaturgin Henriette Hörnigk. Im November vorigen Jahres wurde sie ausgezeichnet mit dem FAUST-Preis fürs beste Bühnenbild. Jetzt heißt diese Konstruktion "Babylon" und will ganz wilde, wüste Großstadt sein.

Schnell wechselnde Szenarien

Wie das geht? Wir, das Publikum, sind mitten im Spiel platziert: auf der Drehbühne. Die kreiselt fleißig und führt unseren Blick auf teils offene, teils mehrstöckige Bühnen-Segmente an allen vier Seiten des Hauses. Wer mag, erinnert sich gern an Bert Neumanns Stahlstreben-Turm für Frank Castorfs Dostojewski-Exzess "Der Idiot" – ohne nennenswerte Umbauten drehen wir uns von Szene zu Szene; und bleiben so all den schnell wechselnden Szenarien in Ranischs Roman auf der Spur.

Eher bürgerlich-bieder beginnt’s – unter Schülerinnen und Lehrern. Bei einer Theater-Freizeit im "Flecken Zechlin", den es wirklich gab, mit altem FDGB-Heim, wird Wedekinds "Frühlings Erwachen" geprobt. 

"Um meinen Verstand ist es ein traurig Ding. Hab nun eine Schwester, die seit zwei und einem halben Jahre verheiratet, und bin zum dritten Male Tante geworden ... gebt mir Antwort, Mutter! Wie geht das alles zu? Wie kommt das alles? Du kannst doch nicht im Ernst verlangen, dass ich mit meinen 14 Jahren noch an den Storch glaube!"

Terror und Trauer

Und offenkundig hat die Darstellerin der, auch in Wedekinds Stück, dem frühen Tod geweihten Wendla Bergmann eine Affäre mit dem Leiter der Theater-AG. Beim Schuljahresbeginn fliegt die Geschichte auf; das Mädchen bringt sich um. Direktor Lamprecht vertuscht den Fall, um die Schule und das eigene Amt zu retten – ein vietnamesischstämmiger Junge, der verliebt war in das Mädchen, inszeniert aus Rache eine Art Geiselnahme. Der Direx, frisch von Gattin und Familie getrennt und in schwerem Trauer-Suff, wird im eigenen Mini-Apartment eingesperrt; ein Wochenende lang und darüber hinaus, fast bis in den Tod, wird er terrorisiert vom trauernden Freund des toten Mädchens. Und der zieht nun – das ist die zweite Geschichte im Kern des Romans- einen Mitschüler ins Spiel, der einerseits ein musikalisches Genie ist, andererseits gerade das eigene "coming out" als Homosexueller durchlebt – was sich der düstre Rächer zunutze macht. Jannik macht mit, aus erwachender Liebe zu Tai.

Die verschiedenen Familien drumherum markieren den extrem diversen sozialen Hintergrund für das rasante Panorama – an dessen Ende Lamprecht zwar wieder frei ist, sich aber unermesslich schuldig fühlt. An Strafverfolgung ist nicht zu denken; aber immerhin scheint sich die eigene Familie wieder um ihn zu sammeln … oder ist das nur Lamprechts Traum?

Schrille Chargen

Gegen Ende fasert die Fabel merklich aus; wie überhaupt der zweite, kürzere Teil auch von Hörnigks Inszenierung beträchtliche Schwächen aufweist. Ohne Pause und mit kräftigen Strichen in den zuweilen ziemlich verquatschten Szenen nähme die Bedrohlichkeit noch zu: in der Fabel um die Schuld, der niemand entkommt.

"Jetzt ist es Zeit, dass mein Herz laut singt / jetzt ist es Zeit zu sagen, wer ich bin / auch wenn die Tage hart und dornig sind, wird ich immer nach vorne geh’n – so wie ich bin!"

Die Regisseurin der Uraufführung zeigt großes Gespür für die stetig wechselnden Temperaturen all der vielen Temperamente im Ranisch-Universum; denn so dramatisch sowohl Tod und Terror als auch die Entdeckungen im eigenen sexuellen Ich die Geschichte vorantreiben, so genüsslich lässt sich die Regisseurin auch ein auf liebenswert-vertrottelte Typen und schrille-schräge Chargen. Gern - und meistens eher fahrlässig - ist von "großem Kino" die Rede, auch wenn’s überhaupt nicht um die Leinwand geht: mit Hannaks delirierender Dreh-Raum-Bühne und in Hörnigks zuweilen entfesselnder Inszenierung ist das Wort vielleicht ja doch mal am Platze.

  

  

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