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StartseiteMikrokosmos - Die KulturreportageBerlin Allesandersplatz04.10.2019

Urbane Freiräume für Kunst Berlin Allesandersplatz

Berlin gilt als Stadt der Subkultur und Künste. Nährboden dafür waren bis jetzt die vielen Freiflächen, auf denen jeder tun und lassen konnte, was er wollte. Die Freiräume werden weniger, doch ausgerechnet am zentralen Alexanderplatz hat sich nun eine große Experimentierfläche eröffnet.

Von Manfred Götzke

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Jahrelanger Leerstand am Alex, der lange Komplex des ehemaligen Hauses der Statistik der DDR, ca 55.000 m2 Nutzflaeche. Seit gut einem Jahr ziert ein riesiger Schriftzug -Stop Wars- die Front zur Karl-Marx-Allee, aktuell ergaenzt mit Dach-Schriftzug Alesandesplatz. Jetzt hat der Senat den gesamten Gebaeudekomplex von der BImA fuer ca. 57 Mio. Euro gekauft. Beamte und Kuenstler sollen in das kuenftige Stadtlabor ziehen. Die Sanierung soll noch mal 11 Mio. kosten. Seit 16.01.2019 stehen nun 3 Entwuerfe fuer die Gestaltung des Areals zur Diskussion. Inzwischen sind alle Fenster seit Anfang Februar durch Baufolien winterfest gesichert worden, nun aber wieder zerstoert. *** Years of vacancy at the Alex, the long complex of the former House of Statistics of the GDR, approx. 55,000 m2 of usable space For over a year now, a huge Stop Wars letteri (www.imago-images.de)
Freiraum für Kunstschaffende mitten in der Stadt ist in Berlin inzwischen selten (www.imago-images.de)
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Während überall bebaut wird, was Berlin einmal ausgemacht hat, hat sich im Herzen der Hauptstadt einer der größten Freiräume aufgetan: das ehemalige "Haus der Statistik". Der riesige graue Block an der Karl-Marx-Allee steht seit mehr als zehn Jahren leer. Für viele ist das Areal ein verwilderter, märchenhafter Ort der ungenutzten Möglichkeiten. Da auch der Berliner Senat weiß, dass Künstler und Künste die Stadt attraktiv machen, plant die Landesregierung, neben Verwaltung auch Kunstschaffende, soziale Einrichtungen und Bürgerinnen und Bürger als Mieter einziehen zu lassen.

Pioniernutzung: erstmal ausprobieren

Bis es soweit ist, darf experimentiert werden, erzählen Leona Lynen und Nina Peters. Sie nennen sich Botschafterinnen des Hauses der Statistik. Die beiden Stadtplanerinnen sind gemeinsam mit anderen Künstlern und Kulturschaffenden dafür verantwortlich, dass das Haus überhaupt noch steht. Denn eigentlich sollte der Bau, der bis zur Wende das Statistikamt der DDR beherbergte, an einen Investor verkauft und abgerissen werden. 2015 schließlich konnten aber Land und Bezirk davon überzeugt werden, hier einen gemeinwohlorientierten Ort zu schaffen.

"Wir wollen in den zwei bis drei Jahren, in denen der Bebauungsplan erstellt wird, genau diese Mischung schon mal ausprobieren, Räume für Kunst, Kultur, Bildung, Soziales und die Nachbarschaft entstehen lassen", erklärt Nina Peters. Deshalb nennen sie das, was seit ein paar Monaten hier ausprobiert wird, auch nicht Zwischennutzung, sondern "Pioniernutzung". "Wir wollen in dem Prozess nämlich ganz viel mitnehmen, was wir auf das spätere Quartier anwenden wollen."

In den Innenhof haben die "Pioniernutzer" einen alten Autoscouter gestellt. Hier finden seit Juni 2019 Tanzworkshops, Yogakurse und Tischtennisturniere statt. 50.000 Quadratmeter umfasst der verschachtelte Gebäudekomplex. Die Innenräume erinnern noch immer an die alten Büros, überall hängen Hinweisschilder: "Zur Kantine", "Zum Treppenhaus", "Zum Archiv". Es scheint fast so, als wären die Mitarbeiter nur in der Pause, wenn nicht schon hier und da die Farbe abgeblättert wäre und die Fenster fehlten.

Innenhof der Kantine-Oase am Alex (Deutschlandradio / Manfred Götzke)Innenhof der Kantine-Oase am Alex (Deutschlandradio / Manfred Götzke)

In der ehemaligen Kantine haben Studierende aus Europaletten und Sperrholz eine provisorische Küche gezimmert, Holzelemente ragen in einen kleinen Innenhof. Hier hat sich die Natur ihren Raum bereits zurückerobert. Büsche und meterhohe Bäumchen sind zwischen den Betonmauern emporgeschossen, eine kleine Oase mitten in der Stadt.

Der Chor der Statistik

Zu den Pioniernutzern gehört der Chor der Statistik. Chorleiterin ist die Künstlerin Bernadette La Hengst. Sie probt mit 30 Sängerinnen und Sängern Songs, die sich mit dem Haus der Statistik und der Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, beschäftigen. "Wir wollen versuchen, die Vielfalt der Stadt abzubilden. Wir sprechen für das Haus und die Vision, die die Stadtgesellschaft damit vorhat", erzählt La Hengst. Schließlich gebe es in Berlin kaum noch solche Freiräume wie das Haus am Alexanderplatz. Als die Musikerin 2004 nach Berlin gezogen ist, gab es noch unendlich viel freien Raum, sagt sie. "Aber es ist mittlerweile dermaßen durchgentrifiziert, dass man kaum noch Luft zum Atmen bekommt. Man kann die Mieten nicht mehr bezahlen – und natürlich gibt es so gut wie keine Räume mehr für Ateliers, Proberäume und Sonstiges."

Haus der Statistik von außen (Deutschlandradio / Manfred Götzke)Haus der Statistik von außen (Deutschlandradio / Manfred Götzke)

Während der Berliner Artweek, einem Kunstfestival, das die gesamte Stadt durchzieht, ist das Haus der Statistik der größte Spielort. Hunderte Berliner nutzen bei der Eröffnung die Gelegenheit, sich das Haus, die Kunst und die Pläne für den Ort anzusehen. Einer von ihnen kennt das Haus der Statistik schon seit Jahrzehnten. Er hat hier gearbeitet, war zu DDR-Zeiten an der Erstellung der Fünfjahrespläne beteiligt. "Ich bin zum ersten Mal seit 1990 wieder hier. Ich bin nicht nostalgisch, aber es ist schon schlimm, dass das das Gebäude so verfallen ist."

Die ersten Bewohner des Hauses: Bienen

Die Künstlerinnen Elisa Dierson, Bärbel Rothhaar und Katja Marie Voigt führen die Besucher zu den ersten Bewohnern des Hauses. Ein Bienenvolk wurde in eigens für sie entworfene und gebaute Kästen, sogenannte Beuten, einquartiert. Konstruktionen, die die drei Frauen aus Sperrholz und alten Fenstern aus dem Haus zusammengezimmert haben. Durch die Glasfenster kann man den Insekten beim Arbeiten zuschauen.

Die Bienen-Konstruktion ist verkabelt und mit mehreren Sensoren versehen, die Gewicht, Feuchtigkeit und Temperatur messen. Indikatoren für das Wohlergehen der Bienen, erzählt Elisa Dierson. "Die Idee war, dass man aus diesen Daten als Blockchain einen 'Beecoin' generiert. Und je besser es denen geht, desto mehr ist der Beecoin wert."

Die Künstlerinnen wollen mit ihrem Bienen-Projekt veranschaulichen, dass es Wirtschaftssysteme gibt, die einen anderen Zweck verfolgen als den reinen Profit. Also in ihrem Fall das Wohlergehen der ersten Bewohner des Hauses. Die scheinen sich hier wohlzufühlen. In den Bäumen im Hof und in der Nachbarschaft finden sie genügend Pollen und haben ihren neuen Freiraum angenommen.

Die Räume sind begrenzt

Wie schwierig es für die Politik ist, solche Freiräume zu sichern, davon berichtet Berlins Kultursenator Klaus Lederer im Interview. Seit der rot-rot-grüne Senat im Amt ist, versuche das Land nicht nur Wohnungen, sondern auch Räume für Kultur aufzukaufen oder langfristige Mietverträge für Proberäume und Ateliers abzuschließen. Doch die Spielräume sind begrenzt, sagt Lederer. "Wer die Grundfrage, in welcher Gesellschaftsordnung wir hier leben und wie öffentliche Ressourcen verteilt werden, nicht infrage stellt, der wird völlig überzogen Erwartungen haben, was eine Landesregierung bei Eingriffen in den Immobilienmarkt leisten kann. Wir tun, was wir können."

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