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StartseiteKultur heuteIndustrie geht - Luxuswohnungen rücken nach16.03.2014

Urbane VisionenIndustrie geht - Luxuswohnungen rücken nach

Es sei das erste Mal, dass die New Yorker Stadtverwaltung Schritte ergreife, um tatsächlich das Wohnen in New York bezahlbar zu halten, sagt Christoph Bartmann, Leiter des Goethe-Instituts New York im Deutschlandfunk. Ansonsten führe nämlich die Gentrifizierung in New York zu Stadtflucht.

Christoph Bartmann im Gespräch mit Doris Schäfer-Noske

Der Garten des Restaurants "Riverpark" in Manhattan (New York). Die Beete des Gartens wurden in Milchtragekästen aus Plastik angelegt. New York ist bekannt für Wolkenkratzer und Straßenschluchten, aber die Millionenmetropole ist auch überraschend grün - und wird immer grüner. Mit "Urban Gardening" kehren viele Einwohner zurück zur Natur - ob aus Gesundheitsbewusstsein oder purer Notwendigkeit. (picture alliance / dpa / Christina Horsten)
In Stadtvierteln wie Brooklyn ist die Idee des Urban Gardening gerade extrem angesagt. (picture alliance / dpa / Christina Horsten)
Weiterführende Information

Amerika will abnehmen (Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 16.01.2014)

Occupy, Urban Gardening und Co (DRadio Wissen, Redaktionskonferenz, 30.11.2011)

Doris Schäfer-Noske: Was passiert mit einer Stadt, wenn sie über zehn Jahre lang von einem der reichsten Männer des Landes regiert wird? Ende vergangenen Jahres ist in New York die Ära des Milliardärs Michael Bloomberg zu Ende gegangen, und der hat die Stadt regiert, wie ein Manager sein Unternehmen führt. Den Klimaschutz in New York machte er zu seiner Sache und ließ Parks und Radwege anlegen. Dass er wie manche Firmenpatriarchen auch am Schluss nicht loslassen konnte und sich eine dritte Amtszeit verschaffte, hat seinem Ansehen sehr geschadet. Schade wäre natürlich, wenn dadurch auch die Errungenschaften seiner Amtszeit wieder verloren gingen.

Das New Yorker Goethe-Institut hat nun Architekten und Stadtplaner, Soziologen und Politologen zu einer Konferenz eingeladen über urbane Visionen. Frage an Christoph Bartmann, den Leiter des New Yorker Goethe-Instituts: Welche urbane Visionen kann man denn auch umsetzen, wenn man weder Bürgermeister, noch Milliardär ist?

Christoph Bartmann: Ja, Sie sprechen an auf Bürgermeister Michael Bloomberg. Es gibt jetzt einen neuen Bürgermeister und dessen Wahl, immerhin mit 73 Prozent der Stimmen, deutet darauf hin, dass die Bevölkerung von New York sich nach mehr Beteiligung sehnt. Denn die Reformen, die Bloomberg ins Werk gesetzt hat, sind sehr gute Sachen, eine Million Bäume, Radwege, neue Schwimmbecken, Grünanlagen. Langsam aber sicher sieht New York wie München aus. Diese Reformen waren natürlich vor allem Reformen von oben. Es hat immer etwas gehapert mit der Bürgerbeteiligung und die neue Administration, Bill de Blasio, der neue Bürgermeister, ist auch angetreten mit dem Vorsatz, solche Partizipationsprozesse ernster zu nehmen, und es gibt, wie wir auf dieser Konferenz gesehen haben, tatsächlich auch schon erste Ergebnisse.

Schäfer-Noske: Welche Ergebnisse sind das?

Bauprojekt in Brooklyn könnte Schule machen

Bartmann: Die Konferenz in New York hieß "Cities and Citizenship”, wer ist Bürger, und da gibt es natürlich in New York auch ein ganz interessantes Phänomen in den letzten Jahren, dass es einfach zunehmend weniger Bürger gibt. Es gibt nicht nur das Problem der Beteiligung von Bürgern an großen Planungsvorhaben, also darüber, wie die Stadt in Zukunft aussehen soll, sondern es gibt auch die Tatsache, dass immer mehr Leute in der Stadt sind, die keine Bürger sind. Es gibt auf der Seite der Superreichen das interessante Phänomen, dass hier ein Wolkenkratzer nach dem anderen entsteht, der dann von Oligarchen aus der Golf-Region, aus Russland oder China oder sonst wo, dessen Wohnungen von denen gekauft werden, und die wohnen dann aber gar nicht da. Das sind sozusagen keine Bürger, weil sie abwesend sind. Auf der anderen Seite der Armen haben wir das Phänomen, dass es große Teile von, sage ich mal, Wanderarbeitern oder Saisonarbeitern gibt, die kommen und gehen und auf die Weise natürlich auch nie Bürger werden. Das heißt, die Zahl der rechtlichen Bürger nimmt zunächst schon mal ab, und unter diesen Menschen mit Bürgerrechten ist natürlich die Zahl derjenigen, die tatsächlich aktiv sich beteiligt, noch mal geringer. Aber wir hatten hier ein ganz hoffnungsvolles Beispiel. Es gab ein stark hier in der Presse diskutiertes Bauprojekt in Williamsburg, also Brooklyn, auf der anderen Seite des East River von Manhattan aus gesehen, eine ehemalige Zuckerfabrik, und in dieser Zuckerfabrik, wie das jetzt im Moment in New York überall ist: Industrie geht weg und Luxus, große Wohnanlagen mit extremen Preisen rücken nach. Das war dann aber so sehr ein Stein des Anstoßes, ein Ärgernis für die Bevölkerung in Brooklyn, dass dann in verschiedenen Diskussionsphasen man erwirkt hat, dass jetzt die neue Stadtverwaltung zugesagt hat, dass von den 2200, glaube ich, Wohnanlagen in diesem Haus 700 preislich geschützt sind. Da sollen Mieter einziehen können, die normale Mieten bezahlen, und das ist das erste Mal, dass die New Yorker Stadtverwaltung solche Schritte ergreift, um tatsächlich das Wohnen in New York bezahlbar zu halten. Ansonsten führt nämlich diese Gentrifizierung in New York zu Stadtflucht. Man zieht aus Manhattan nach Brooklyn, dann wird Brooklyn schick und teuer, dann zieht man vielleicht noch in die Bronx und irgendwann kann man sich auch die Bronx nicht mehr leisten.

Schäfer-Noske: Das heißt, es kann auch einfach nur eine Form der Partizipation sein, sich zu beschweren über zu wenig bezahlbaren Wohnraum?

Bartmann: Natürlich. Aber mehr und mehr gibt es das Interesse, die Absicht, das Bestreben von Bürgern, sich in solche Prozesse einzubringen: über das Internet, über reale Versammlungen und über alle möglichen anderen Wege der Meinungsbildung und der Willensbekundung.

Schäfer-Noske: Bürgermeister Bloomberg hatte ja auch den Klimaschutz zu seiner Sache gemacht. Welche umweltschützenden Konzepte wurden denn auf der Konferenz diskutiert?

New York und das Urban Gardening

Bartmann: Was wir gesehen haben auf der Konferenz, was ich ganz beeindruckend fand, war so eine Gruppe von Landschaftsarchitekten, die gezeigt hat, wie man überall im Stadtbild Schwämme, grüne Schwämme, Flächen schaffen kann, die es verhindern, dass im Falle von Überschwemmungen das Wasser in die Kanalisation geht und für Überschwemmungen sorgt.

Schäfer-Noske: Wie verbreitet ist denn in New York das Urban Gardening, oder wie verbreitet sind auch Samenbomben, die Bürger werfen, um sich die Stadt zurückzuerobern? Denn was Sie jetzt angesprochen haben, das sind ja auch Stadtplanungseingriffe, das kommt ja auch von der Stadt.

Bartmann: Wenn man jetzt in die Stadtviertel wie Brooklyn geht, dann stellt man fest, dass diese Idee des Urban Gardening, ich ziehe mir meine Pflanzen, ich habe vielleicht auch Haustiere, Schafe, Hühner, Kaninchen oder so was, gerade extrem angesagt ist. Vielleicht kann ja aus einer Verbindung von klugen stadtplanerischen Ideen aus dem politischen Raum und diesem weitverbreiteten Interesse an so einer Art neuen Ländlichkeit irgendwie tatsächlich die Stadt neu gestaltet werden.

Schäfer-Noske: Das war der Leiter des New Yorker Goethe-Instituts, Christoph Bartmann, über die Konferenz "Cities and Citizenship". Die Veranstaltung ist Teil der weitweiten Goethe-Instituts-Reihe "Weltstadt".

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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