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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDie Digitalisierung verändert die Stadt 09.06.2019

Urbanes LebenDie Digitalisierung verändert die Stadt

Sie weisen den Weg, vermieten Wohnungen, liefern Pizza – Tech-Konzerne wollen das urbane Leben komfortabler und effizienter machen. Kritiker sagen: Sie zerstören Nachbarschaften, fördern prekäre Arbeitsbedingungen und untergraben demokratische Prozesse. Dabei ginge es auch anders.

Von Andreas Beckmann

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Persönliche Perspektive eines Fahrers auf einem E-Bike auf der Avenue de l'Europe bei Dämmerung in Versailles, Frankreich (imago / Westend 61)
"Google bestimmt, wie wir die Stadt wahrnehmen und mit ihr in Kontakt treten“, sagt Internetgeograf Mark Graham (imago / Westend 61)
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"Viele Leute halten das Internet für eine Art Nicht-Raum, fern von der Wirklichkeit, in der wir alle leben. Es gehört aber sehr wohl dazu, weil es den ganzen Raum beeinflusst: ökonomisch, sozial, politisch. Wir müssen das Internet als materielle Realität im Raum erkennen und verstehen, was das für unser alltägliches Leben bedeutet. Nehmen Sie Google. Google ist extrem mächtig, weil alle es nutzen, um die Stadt zu erkunden, um zu shoppen oder sich mit anderen Leuten zu verbinden und so bestimmt Google, wie wir die Stadt wahrnehmen und mit ihr in Kontakt treten."

Vor drei Tagen erst ist Mark Graham eingetroffen, in der - laut Wikipedia - fünftgrößten Metropole Europas. 52 Grad nördliche Breite, 13 Grad östliche Länge: Das Deutsche Internet Institut hat ihn nach Berlin eingeladen, denn der Brite bekleidet in Oxford den weltweit ersten Lehrstuhl für Internet Geografie. In einem Kreuzberger Hinterhof hat er sich einquartiert. Nicht weit entfernt von immer neuen Start-Ups der Digitalwirtschaft, die jene unsichtbaren Parallelwelten ausbauen, die alle Poren unseres Lebensumfelds zunehmend durchdringen. Weil es an fast jedem Ort der Erde präsent ist, gehört das Internet für Mark Graham als integraler Bestandteil zur Geografie dazu. Gerade in den Städten.

"Wir können uns die Stadt vorstellen als Gebilde aus Steinen, aus Mörtel, Stahl und Glas, all die Dinge, die materiell da sind. Aber die Stadt ist mehr als das. Wenn Sie zu einem Denkmal gehen, ist da nicht nur das Denkmal selbst, sondern die unsichtbare Information, die im Netz herumschwirrt und die vom Smartphone abrufbar ist.

Die Wikipedia-Artikel dazu in den verschiedensten Sprachen und die Beschreibungen und Bilder, die Google dazu anbietet. Das gehört alles dazu, auch wenn Sie es mit bloßem Auge nicht sehen. Und das bestimmt den Charakter dieses Denkmals."

Google Maps prägt die Wahrnehmung

Im materiellen Raum zu leben, sich in ihm zu bewegen, ihn sich anzueignen, setzt voraus, ihn wahrzunehmen. Und das Internet prägt diese Wahrnehmung, insbesondere durch Google Maps. Was hier nicht verzeichnet ist, wird von Vielen gar nicht mehr gesehen.

"Was wir von Google bekommen, ist aber undurchschaubar. Wir wissen nicht, wie es seine Entscheidungen trifft. Warum es uns welches Restaurant empfiehlt. Es dirigiert uns, und indem es unseren Umgang mit der Stadt beeinflusst, beeinflusst es auch die Stadt selbst. Es ist aber niemandem verantwortlich. Wir können diese Art, wie es uns die Stadt darstellt, nicht kontrollieren. Wir wissen nicht, warum bestimmte Dinge hervorgehoben werden und andere nicht. Wir wissen nicht, was da im Hintergrund passiert."

Drei Menschen stehen nebeneinander auf einem Bahnsteig und gucken auf ihre Smartphones (rawpixel auf unsplash.com)Handys und Smartphones haben Auswirkungen auf die soziale Interaktion im öffentlichen Raum (rawpixel auf unsplash.com)

Google-Maps ist nur ein Beispiel von vielen. Auch andere Tech-Giganten verändern die Stadt. Bewertungen auf Facebook können Stadtteile auf- und abwerten. Geschäftsstraßen veröden, weil Onlinehändler wie Amazon ihnen Kunden abspenstig machen. Und noch die kleinste App wirkt sich auf das tägliche Leben aus, weil sich Begegnungen im öffentlichen Raum verändern, wenn alle unterwegs mit Handys und Tablets beschäftigt sind und sich Kopfhörer überstülpen. Wie kann die Stadt dann noch ihre traditionelle Funktion als Treffpunkt von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Klasse erfüllen? Solche grundsätzlichen Fragen will die Internet-Geografie beantworten.  

"Wenn wir akzeptieren, dass eine Internetfirma zum Akteur im stadtpolitischen Prozess wird, müssen wir leider gleichzeitig erkennen, dass sie kein legitimierter, kein demokratisch gewählter Akteur ist. Wir als Bürger können nicht bestimmen, wie sie agiert."

Angriff auf demokratische Kultur

So gesehen läuft die Digitalisierung der Stadt auf einen Angriff auf ihre demokratische Kultur hinaus, sagt Mark Graham. Dennoch wäre es unangemessen, darin einfach eine Art Landnahme von Technologiekonzernen zu sehen. Schließlich laden die Städte diese Firmen ja ein, betont auch Jens Libbe, Leiter des Forschungsbereichs Infrastruktur, Wirtschaft und Finanzen am Deutschen Institut für Urbanistik. Aus regelmäßigen Umfragen unter Bürgermeistern weiß er, dass sich viele von ihnen lange Zeit von der Digitalisierung überrollt gefühlt haben. Doch mittlerweile wollen die meisten das Projekt gezielt vorantreiben.

"Wo Städte im Moment in der Digitalisierung eine Chance sehen, ist dort, wo es um Wirtschaftsförderung geht. Da geht es dann häufig darum, Hochschulstandorte zu stärken, Start Up-Unternehmen zu gewinnen und zu halten, es geht darum, überhaupt ein Faktor zu sein im internationalen Standort-Wettbewerb. Das ist das eine und das zweite, da geht es darum zu fragen, wie können digitale Informations- und Kommunikationssysteme uns dabei helfen, Verwaltungsdienstleistungen zu verbessern, Infrastrukturen besser aufeinander abzustimmen. Insofern hat das zwei starke Komponenten, wo es die Städte interessiert"

Rathäuser sollen voll digitalisiert werden, damit Bürger ihre Anliegen weitgehend vom heimischen PC aus regeln können. In einer dezentralen Energieversorgung müssen die verschiedensten Quellen, vom Windrad über Heizwerke bis hin zu Solarpanelen auf Eigenheimdächern, vernetzt werden. Und das kommunale Verkehrsunternehmen braucht eine App, mit der Fahrgäste alle Transportmittel nach individuellen Wünschen optimal kombinieren können.

"Wir reden hier über viele Hunderte Milliarden, die investiert werden wollen. Insofern ist die Digitalisierung der Städte das große Geschäftsmodell der IT-Dienstleister und im Moment auch der Berater und dazu kommt, dass im Moment auch viele Fördertöpfe aufgemacht werden und alle Städte versuchen, daran zu partizipieren."

Soziales Gefüge der Stadt wankt

Was die meisten Bürgermeister am liebsten hätten, wären Angebote, die genau auf ihre Stadt zugeschnitten sind. Doch die sind aufwändig zu programmieren und teuer. Günstiger und für Technologiefirmen oft lukrativer ist es, wenn Städte sich öffnen für ihre globalen Plattformen, die weltweit gleich funktionieren und auf denen sie mit Hilfe ihrer geheim gehaltenen Algorithmen die Regeln bestimmen. Dann bietet Google Maps weltweit die Darstellung des Stadtplans an, Airbnb vermakelt Ferienwohnungen oder der Chauffeurdienst Uber Fahrdienstleistungen und Lieferando bringt die Pizza. Die Anbieter behaupten, diese jeweiligen Märkte damit effizienter zu gestalten. Doch gleichzeitig untergraben sie bestehende Gesetze wie "Zweckentfremdungsverordnungen" oder "Personenbeförderungsrichtlinien" und fördern prekäre Arbeitsverhältnisse. Sie stellen lokal etablierte Arrangements in Frage und wirbeln damit das soziale Gefüge einer Stadt durcheinander.

"Das große Problem bei all diesen Plattformen ist, die leben davon, wie die Volkswirte sich ausdrücken, dass sich sogenannte Skalenökonomien realisieren, das heißt derjenige, dem es am schnellsten gelingt, über seine Plattform möglichst den kompletten Markt abzudecken, der hat am Ende gewonnen und der hat am Ende das Monopol inne. Das ist ein großes Risiko, weil grundsätzlich muss man sagen, weil es global agierende Unternehmen sind, die kein Interesse an der einzelnen Stadt und den Bedürfnissen einer einzelnen Stadt haben. Diese Unternehmen verfolgen im Grunde erst mal räuberische Geschäftsmodelle."

Sie wollen Daten sammeln. Die fallen nirgendwo so zahlreich an wie in der dicht besiedelten Stadt. Wie sie sie erheben und verknüpfen und anschließend weiterverwenden, bleibt weitgehend ihr Geschäftsgeheimnis.

Stadt für Touristen

Ob und wie Kommunen von Arrangements mit solchen Partnern profitieren, untersuchen der Architekt Hans-Hermann Albers und der Ökonom Felix Hartenstein in empirischen Studien ihres Instituts für Wirtschaft und Stadt, kurz inwista. Ihr Standort Berlin ist auch ihr wichtigster Forschungsgegenstand. Das größte Problem der Hauptstadt ist aktuell die Wohnungsnot. Die wird zusätzlich verschärft, weil tausende Appartements über das Internet als Feriendomizile vermietet werden. So werden nicht nur Wohnungen dem regulären Markt entzogen, sondern ganze Stadtviertel grundlegend umgekrempelt, sagt Hans-Hermann Albers.

"Da wird über digitale Plattformen Stadt beeinflusst. Und das führt oft zu einer Belastung von Nachbarschaften. Dadurch, dass sich Nachbarn vielleicht durch ein zu viel an Gästen gestört fühlen oder dass durch die Menge an Besuchern neue Strukturen entstehen, neue Geschäfte eröffnen, die gerade darauf ausgelegt sind, touristische Bedürfnisse zu bedienen, sprich Gewerbe werden eventuell verdrängt durch Gastronomie, das sind kleine Handwerksbetriebe, Tischlereien oder der Schumacher, den man braucht, aber nicht mehr findet, weil er die Miete nicht mehr zahlen kann an einem Ort, der sehr stark touristisch wahrgenommen wird."

Besucher bringen Geld in die Stadt. Früher waren sie einfach zu leiten, über die Touristeninformation und gedruckte Reiseführer. Heute orientieren sie sich selbstständig im Netz.

Social Media Apps auf einem Smartphone (imago/imagebroker/Simon Belcher )Statt über die Touristeninformation vor Ort erkunden Besucher die Stadt mit Hilfe von Internetdiensten (imago/imagebroker/Simon Belcher )

"Wenn in einem Navigationssystem Funktionen eingebaut sind, die mir einen Weg beschreiben, der besonders schön ist über die Einbindung von Bewertungsportalen, durch besonders viele Bilder, die etwa über Flickr an bestimmten Routen erscheinen, dann wird dadurch natürlich auch die Stadt verändert. Eben durch neue Lenkungen des Verkehrs, so dass inzwischen auf kommunaler Seite gefragt wird, wie können wir Verkehr überhaupt noch lenken, wenn das inzwischen über Navigationssystem passiert, die individualisierte Routen vorschlagen. Weil eine Umleitung vielleicht dann gar nicht mehr beachtet wird, die nicht unbedingt den kürzesten Weg zeigt, sondern einen, der gewisse Mitbürger und Nachbarschaften schont vor zu viel Verkehr." 

Nicht immer nachhaltig

Gerade der Verkehr ist ein Feld, auf dem sich Städte durch Digitalisierung die Lösung vieler Probleme erhoffen. Überall werden Carsharing-Angebote eingerichtet. Die Zahl der Autos soll sinken, ohne dass sich die Bürger in ihrer Mobilität einschränken müssen. Es braucht ja niemand mehr einen Wagen zu besitzen, wenn er jederzeit online einen buchen kann. Die Idee findet Felix Hartenstein nach wie vor gut.

"Wenn man sich aber eingehender mit den Produkten beschäftigt, dann merkt man oft, dass die ja erstmal zusätzliche Autos in den Stadtraum bringen. Erste Studien weisen darauf hin, dass die Leute, die Carsharing nutzen, nicht die sind, die vorher ein Auto hatten, sondern das sind diejenigen, die vorher mit dem Bus oder der Bahn gefahren sind, die greifen jetzt auf ein Carsharing-Modell zurück. Die aber jetzt zusätzlich Parkräume belasten, Straßenräume belasten. Also, da ist die Frage der Nachhaltigkeit noch gar nicht abschließend geklärt."

Ähnliches gilt für die Angebote von Uber in den USA, wie eine Studie von Schaller Consulting zeigt. Auch Uber-Kunden lassen nicht etwa das eigene Auto stehen. Gäbe es den Fahrdienst nicht, würde über die Hälfte von ihnen stattdessen öffentliche Verkehrsmittel beziehungsweise das Fahrrad nutzen oder zu Fuß gehen. 

Offenbar können die Plattform-Betreiber ihr grundlegendes Versprechen häufig nicht halten, mit ihren technischen Lösungen städtische Prozesse zu optimieren. Das könnte vielleicht gelingen, wenn die Angebote an lokale Gegebenheiten angepasst oder in politische Regulierungen eingebettet wären. Aber wie sollen Städte das bewerkstelligen, wenn sie gar nicht wissen, welche Algorithmen wie die Plattformen steuern und Betreiber Informationen so weit wie möglich zurückhalten? Ähnlich wie einzelne Bürger brauchen auch Städte nach Meinung von Mark Graham ein Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

"Ich denke, wir müssen es haben. Wir müssen es uns nehmen, es immer wieder fordern. Das verlangt von uns allen, uns einzumischen in die Prozesse, und uns bewusst zu machen, wie unsere Städte gesteuert werden. Wir müssen alle zusammen wieder Herr dieser Verfahren werden. Im Moment gestehen wir den Tech-Giganten immer mehr Macht über die Stadt zu. Es käme eben darauf an, sie zurückzuholen."

Widerspruch regt sich

Inzwischen dringen Tech-Unternehmen nicht nur mit ihrer Software immer tiefer in Städte ein, sondern auch ganz real in gewachsene Nachbarschaften. Auch dazu werden sie regelrecht eingeladen von den Bürgermeistern, die sich davon Wirtschaftswachstum, Imagegewinne und Steuereinnahmen versprechen. Doch zusehends regt sich Widerspruch. In New York hat Amazon seine Pläne für eine 400.000 Quadratmeter-Niederlassung aufgegeben. Mieter aus den umliegenden Sozialsiedlungen hatten sich gegen die Pläne gewehrt, weil sie fürchteten, verdrängt zu werden durch steigende Grundstücks- und Mietpreise. In Berlin-Kreuzberg haben Anwohnerinitiativen so lange gegen die Gründung eines Google-Campus protestiert und das vorgesehene Gebäude sogar kurzfristig besetzt, bis der Konzern in einen Nachbarbezirk weitergezogen ist und dort einen kleineren Standort eröffnet hat. Gerade Kreuzberg stand lange für die berühmte Berliner Selbstbeschreibung "arm, aber sexy". Inzwischen haben hier viele Künstler und Kreative ihre einst billigen Räume in alten Industriebauten verloren, seit Investoren solche Gebäude aufkaufen, erzählt Felix Hartenstein.

Anwohner protestieren gegen den geplanten Google-Campus am ehemaligen Umspannwerk in der Ohlauer Strasse in Berlin-Kreuzberg (imago / snapshot-photography / K.M.Krause)Anwohner protestieren gegen den geplanten Google-Campus am ehemaligen Umspannwerk in der Ohlauer Strasse in Berlin-Kreuzberg (imago / snapshot-photography / K.M.Krause)

"Wir stehen hier vor der Factory am Görlitzer Park und die Factory ist ein Start-Up-Club, wie sie sich selber nennt und das Gebäude selber ist ein sehr hübsches altes Fabrikgebäude, roter Backstein, sehr aufwändig verzierte Fassade mit hübschen Fensterelementen. Ich nehme an, dass drinnen die Räume sehr großzügig gestaltet sind, sehr weitläufig, luftig, lichtig. Das sind Räumlichkeiten, die die Start-Ups sehr gerne mögen. 

Felix Hartenstein und sein Kollege Hans Hermann Albers sind zum ersten Mal hier. Früher war es einfach, in einen Campus zu kommen, inzwischen schirmt sich die Start-Up-Szene ab, berichten sie. Wer rein will, sollte sich vorher anmelden, das hat bei uns innerhalb eines Tages geklappt. Wem der freundliche junge Mann am Empfang die Tür öffnet, der betritt einen Community-Space, der an ein Studentencafé erinnert. Dort begrüßt uns eine junge Frau.

"Hi, willkommen in der Factory, schön dass ihr da seid. Ich werde euch jetzt mal mitnehmen auf eine Tour durch das Gebäude, zeigen, was wir hier so machen. Wir sind die Factory Berlin, eine Community für Innovatoren, kreative Start-Ups, Freelancer, alles Leute, die sich einfach gerne untereinander connecten wollen und Projekte, neue Sachen auf den Weg bringen wollen. Wir sind zurzeit etwa 3000 Member, wir haben auch eine Online-Community."

Diese Mitglieder sind kuratiert, wie der Betreiber der Factory das nennt. Man muss sich nicht nur die Miete leisten können, sondern vor allem eine Geschäftsidee mitbringen, die zu anderen Start-Ups hier passen könnte. Beim Rundgang soll das Mikrofon dann bitte ausgeschaltet bleiben.

Abschottung in der Community

Vom kleinen Ein-Personen-Start-Up bis zu Büros großer Konzerne wie Siemens, Audi oder EON sind ganz unterschiedliche Firmen vertreten. Manche haben abgeschlossene Räume, andere immerhin eigene Tische in Großraumbüros, viele Leute kommen aber auch einfach mit ihrem Laptop und setzen sich zu anderen dazu, wo gerade Platz ist. Tischtennisplatte und Kicker sowie ein Playground mit Bällebad laden ein, sich auch mal gemeinsam abzulenken. Spontane Begegnungen sollen Newcomern helfen, ihre Ideen zu vermarkten. Die großen Firmen wollen Projekte der Start-Ups kennenlernen, um sie vielleicht zu übernehmen. Manche rekrutieren hier auch Personal.

Hans Hermann Albers schildert seinen Eindruck nach dem Rundgang: "Was hier geschaffen wird, weil ja viele Mitarbeiter auch recht jung sind, ist ein Aufrechterhalten von Gefühlen, die man aus dem Studentenleben kennt. Deswegen kommen Begriffe wie Campus vor. Man möchte diesen Schwung vom Studium möglichst lange aufrechterhalten."

Felix Hartenstein ergänzt: "Da spiegelt sich ein Stück weit dieses Selbstverständnis der Branche, wo es zwar immer sehr stark um den Begriff der Community, also Gemeinschaft geht, aber gemeint ist eine interne Community. Also die Community im Gebäude, die Community der Nutzer, hier in diesem Fall die Community der Member und die Community hört an der Grundstücksgrenze auf. Und die nachbarschaftlichen Prozesse, die hier drumherum stattfinden, die werden ausgeblendet bzw. werden gar nicht wahrgenommen, weil der Fokus nach innen geht, auf das Wohlfühlen nach innen und nicht außen geschaut wird, was für Wirkungen die Präsenz auf den Kiez drumherum hat."

Die interessanten Kontakte finden sich nicht in der Nachbarschaft, sondern in der Communitiy. Viele Mitglieder sind von auswärts hierhergezogen, etwa ein Drittel aus dem Ausland. Die meisten suchen standortnah eine Bleibe, manche für unbestimmte Zeit, andere für wenige Monate. Jede Neuvermietung treibt die Wohnungspreise nach oben. Die Mitglieder fühlen sich als "Digital Natives", die einen festen Standort im Netz haben und einen flexiblen im Raum, den sie jederzeit aufgeben können wollen und müssen. Vom Görlitzer Park aus betrachtet wirkt die Factory wie eine eigenständige Enklave, von Kreuzberg symbolträchtig getrennt durch einen Wassergraben.

Entwicklung noch aufzuhalten

In Kanada plant Google eine Enklave ganz anderen Ausmaßes: die Toronto Sidewalk Labs, einen kompletten Stadtteil nach den Vorstellungen des Internetgiganten.
"Google hat davon, was Google bei den meisten seiner Projekte hat: ein Mehr an Daten. Daten, die sich generieren lassen durch die Sensortechnik, die verbaut ist bspw. durch Sensoren in Bürgersteigen, in Laternen, in Hauseingängen oder in Wohnungen selbst. Und wo sich noch mal eine ganz andere Qualität an Daten erheben lässt als das jetzt über Smartphones und Laptops sowieso schon der Fall ist. Aus diesen Daten lassen sich dann wieder neue Geschäftsmodelle entwickeln. Ein Schwerpunkt wird sicher wieder auf dem Bereich Marketing, Werbung liegen, dass dann auch im öffentlichem Raum bspw. personalisierten Werbung angezeigt werden kann, d.as heißt auf einem Stromkasten beispielsweise erscheint dann Werbung für ein Produkt, was für mich besonders interessant ist, weil der Sensor am Stromkasten erkannt hat, dass ich jetzt gerade daran vorbeigehe. Das sind so Spielereien, die teilweise schon erprobt werden."

Und die sich weiterdenken lassen. Auch jedem Autofahrer könnte Google jederzeit und überall personalisierte Daten und Werbung zuspielen, zumal sein Betriebssystem schon in vielen Fahrzeugen installiert ist. Für Mark Graham läuft das auf die Frage hinaus: Leben wir dann noch alle in derselben Stadt oder jeweils in einer eigenen? Und ist das noch unsere Stadt? 

"Jetzt, im Jahr 2019 haben wir noch die Option, aus dieser Entwicklung auszusteigen. Wir müssen nicht Google nutzen. Es ist bequem, es funktioniert und es spart Zeit, aber wir müssen nicht so weiter machen. Wenn Google noch mehr Funktionen in der Stadt übernimmt, wenn es etwa auch die Verkehrslenkung übernimmt und eine Plattform für selbstfahrende Autos entwirft, was ja keine Science Fiction mehr ist, dann wird es immer schwerer, irgendwann noch auszusteigen." 

Schon jetzt ist der Schatz an Wissen und Daten, den die Internetkonzerne angehäuft haben, so groß, dass sich viele Stadtverwaltungen gar nicht mehr vorstellen können, ohne sie auszukommen.

"Die Plattformen wollen uns weismachen, sie seien "too big to fail", sie seien unverzichtbar und man könne sie nicht regulieren. Sie wollen uns erschrecken und wir sollen denken, wenn wir anfangen, sie zu regulieren, dann verlieren wir unsere Stadtpläne oder bekommen keine Taxis mehr, keine Transportdienste. Aber das wird nicht passieren, sie sind ersetzbar, auch wenn sie uns weismachen wollen, sie seien unangreifbar. Wenn wir ihre Angebote nicht mehr annehmen, geraten sie in eine existenzielle Krise."

Lokale Alternativen gefragt

Es komme darauf an, lokale Alternativen aufzubauen, die sich durchaus global vernetzen könnten, meint Mark Graham. Als Beispiel fällt ihm OpenStreetMaps ein. Dessen Karten werden von Bürgern vor Ort gestaltet. Da sind dann nicht nur Sehenswürdigkeiten und Museen eingezeichnet und es werden nicht nur Restaurants oder Geschäfte empfohlen, sondern auch politische Informationen aus dem Stadtteil verbreitet.

"Die Digitalisierung lässt sich auf jeden Fall fürs Gemeinwohl nutzen." Unabhängige, stadtpolitische Plattformen. So etwas funktioniert mancherorts schon ziemlich gut, erzählt Melanie Humann, Professorin für Urbanismus an der TU Dresden. Auf einer Forschungsreise nach San Francisco hat sie Projekte wie "urbandisplacement.org" oder "antievictionmap.com" besucht. Auf deren Karten kann man erkennen, wie sich die Bewohnerschaft seit der Jahrtausendwende verändert hat. Damals begannen gut verdienende Angestellte aus dem nahen Silicon Valley in die Stadt zu ziehen, die von ihren Arbeitgebern täglich mit firmeneigenen Bussen abgeholt und wieder nach Hause gebracht werden. Melanie Humann beschreibt die vorliegende Karte:

"Man sieht hier den Stadtgrundriss von San Francisco und man sieht die Haltestellen von den sogenannten Google-Bussen. Das sind Busse, die Mitarbeiter der großen Tech-Firmen in das Silicon Valley fahren, und man sieht gleichzeitig um die Haltestellen herum rote Punkte und diese roten Punkte bedeuten Räumungen von Wohnungen. Also, man kann erkennen, dass hier eine Häufung stattfindet von Räumungen oder Wohnungsauflösungen rund um die Bus-Haltestellen. Die Karte zeigt, dass durch die Verknüpfung von zwei Datensätzen eine ganz neue Information generiert werden kann, weil der Zusammenhang zwischen den Bus-Haltstellen der Tech-Unternehmen und den ansteigenden Mieten um die Bushaltestellen herum das erste Mal deutlich wurde."

Gentrifizierung war in San Francisco eher ein gefühltes Phänomen, bis Forscher der Universität Berkeley begannen, systematisch Daten zusammenzutragen, bei Behörden, Immobilienmaklern und -portalen, Mieterinitiativen und Wohnungsauflösern. So konnten sie Zahlenreihen zu Mietpreisentwicklung, Räumungen, Grundstücksverkäufen und Pendlerströmen erstellen und sie schließlich mit den Busrouten in Zusammenhang bringen. Dann nahmen sie Kontakt mit Mieterinitiativen auf, Studierende zogen los, um mit den betroffenen Menschen zu sprechen.

Initiativen födern

"Das Interessante an der Seite ist diese Kombination aus persönlichen Erzählungen und der quantitativen Zählung und das macht die Karte dann unheimlich gehaltvoll und das wird auch als erzählende Karte benannt. Da können wir reingucken. Wir sehen hier eine Demonstration." 

Mittlerweile gibt es in vielen Städten der USA ähnliche Initiativen, die von Bürgerrechtlern, Wissenschaftlern und Studierenden gemeinsam getragen werden. Sie haben vielerorts geholfen, das Thema Wohnungsnot auf der politischen Agenda nach oben zu schieben. Melanie Humann hat bei ihrem Forschungsaufenthalt in San Francisco erfahren, dass bei vielen der Datenstrom immer mal wieder versiegt, obwohl neuere Zahlen durchaus verfügbar wären. Aber wenn das Forschungsprojekt beendet ist und die Unis sich zurückziehen, können Bürgerinitiativen allein die Internetportale meist nicht lange aufrechterhalten.

"Sie sind auf jeden Fall auf Unterstützung angewiesen, vor allem auf finanzielle Unterstützung. Auch die Wissenschaft kann im Rahmen der Forschung auch hier noch mal zuschießen, wir hatten das auch in mehreren Forschungsprojekten. Viel basiert momentan auf ehrenamtlichem Engagement von Programmierern und Programmiererinnen, die hier zivilgesellschaftlich aktiv werden wollen, aber es wird bei weitem nicht so unterstützt, wie es sein müsste. Also der Staat müsste sehr viel mehr genau diese Menschen fördern, die eben damit umgehen können und das im Sinne des Gemeinwohls auch einsetzen wollen."

Vergleichbare Projekte wie in den USA werden auch in Deutschland immer mal wieder von Open Source Initiativen gegründet. Meist entwickeln sie digitale Werkzeuge, mit deren Hilfe sich Bürger an der Stadtentwicklung, etwa an Bebauungsplänen oder Verkehrskonzepten, beteiligen können. Wenn ihr Startkapital aufgebraucht ist, verschwinden viele aber wieder, was in der Start-Up-Szene ja generell häufig passiert.

"Modelle sozialisieren"

Langfristig lebensfähig sind solche, die eine Kooperation mit ihrer Stadt aufbauen können und auch finanziell von ihr unterstützt werden, wie "mein.berlin.de" oder das "Verschwörhaus" in Ulm. Felix Hartenstein von invista könnte sich vorstellen, dass Verwaltungen in Zukunft offener auf solche technisch versierten Bürgergruppen zugehen. Er vergleicht die Digitalisierung der Städte mit dem Zeitalter ihrer Industrialisierung. Auch damals habe es gedauert, bis Kommunen die Notwendigkeit erkannten und die Kompetenz entwickelten, regulierend einzugreifen.

"Damals war es ja auch so, dass es neue Technologien gab, die natürlich auch in den Städten noch nicht verstanden wurden, wie das mit der Elektrizität geht oder das mit der Eisenbahn funktioniert. Was damals auch von Firmen gemacht wurde, wo mit Wagniskapital, ganz ähnlich wie heute, Infrastrukturen errichtet wurden, die dann irgendwann, als man die Bedeutung erkannt hat, in kommunale Hand übertragen worden sind. Das wäre durchaus denkbar, dass man in einigen Jahren anfängt, Modelle aufzukaufen oder zu sozialisieren, damit man das aus kommunaler Hand im Sinne der Daseinsvorsorge vorantreiben kann." 

Städte können sich Regelungskompetenzen zurückholen. Barcelona und Amsterdam arbeiten seit Jahresbeginn mit der Bürgerkooperative "Fairbnb" zusammen, die in jeder Stadt nur solche Angebote für Ferienwohnungen macht, die den lokalen Gesetzen entsprechen. Allein die Existenz solcher Portale, bei denen die Kommunen zumindest mitreden, zeigt Wirkung, ebenso wie hohe Strafandrohungen, wie sie etwa der Bürgermeister von Paris androht. Airbnb hat mittlerweile mit ersten Städten Vereinbarungen abgeschlossen, die illegale Vermietungen verhindern sollen. Wie wirksam sie sind, wird sich noch zeigen müssen. Und auch der Chauffeur-Dienst Uber ist flexibel genug, sich in den USA, Großbritannien und Südafrika an nationale Gesetze anzupassen. Für Mark Graham zeigt das, dass Bürger globale Anbieter in lokale Schranken weisen können. Aber immer noch werde viel zu wenig öffentlich debattiert, wie diese Schranken aussehen sollten.

"Wenn wir über Stadt als etwas Hybrides nachdenken, dass sie eben sowohl materiell als auch digital existiert, dann ist eine Sache immer wichtig für ein gesundes städtisches Leben: wir brauchen öffentlichen Raum, wo wir uns versammeln und miteinander diskutieren können. Und zwar einen Raum, der nicht von privaten Firmen in Beschlag genommen wird, sondern im Besitz der Bürger ist. Wenn die Stadt aber Hybrid aus Materie und Digital ist, müssen wir überlegen, was ist ein hybrider öffentlicher Raum, was ist ein digitaler öffentlicher Raum? Wir brauchen einen kommunalen digitalen öffentlichen Raum."

So wie in den Anfängen der analogen Demokratie Bürger begannen, ihre Angelegenheiten auf öffentlichen Marktplätzen zu verhandeln, so bräuchten die Städte der Zukunft digitale Diskussionsforen, auf denen die Bürger selbst oder deren Repräsentanten das Sagen haben. Kurz nachdem er in Berlin angekommen ist, hat sich Mark Graham an einem See bei Berlin mit Kollegen zusammengesetzt, um über eine solche Vision nachzudenken.

"Meine Hoffnung ist, dass in einigen Jahrzehnten die Leute zurückblicken und denken werden, es war verrückt, dass wir so eine undemokratische Art zugelassen haben, unsere Städte zu regieren. Dass wir grundlegende Bedürfnisse wie Kommunikation oder Verkehr haben managen lassen von Firmen, die uns als Bürgern gegenüber nicht verantwortlich waren."

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