Dienstag, 24.11.2020
 
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Urbuch des Glaubens

Das Alte Testament auf dem historischen Prüfstand

Vieles, was im Alten Testament berichtet wird, hält der historischen Überprüfung nicht stand. Zu diesem Schluss kommt der Wissenschaftsjournalist Christian Schüle in seinem Buch "Die Bibel irrt".

Von Ingeborg Breuer

Nur eine Geschichte? - Die Bibel (AP)
Nur eine Geschichte? - Die Bibel (AP)

"Ich glaube, dass hinter jedem Mythos der im Alten Testament beschrieben wird, tatsächlich reale Geschichte auch steht. Das sind immer Nuclei, Körnchen von Geschichte, die auch passiert sind. Und dann sind die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder ausgeschmückt, poetisiert worden."

In seinem gerade erschienenen Buch "Die Bibel irrt" analysiert der Hamburger Wissenschaftsjournalist Christian Schüle die "sieben großen Mythen" des Alten Testaments im Hinblick auf ihre historische Glaubhaftigkeit. Gab es das Paradies wirklich? Wo könnte Noah sich vor der Sintflut gerettet haben? Was weiß man heute über den Auszug der Israeliten aus Ägypten? Besiegte David den Riesen Goliath? Und wo ist die Bundeslade, in der die Zehn Gebote aufbewahrt wurden?

Christian Schüle kommt zu dem Schluss: Zu belegen ist kaum etwas, was die Bibel berichtet. Eine Erkenntnis, die durchaus auch von Theologen geteilt wird. Die Bibel erzählt eher Geschichten als Geschichte, meint auch der Jenaer Alttestamentler Professor Uwe Becker, ohne damit allerdings den Gehalt des Alten Testaments schmälern zu wollen.

"Wenn man sagt, die Bibel erzählt Geschichten, dann klingt das auch nach unserem Verständnis so, als seien das nur Geschichten. Das meine ich so auf keinen Fall. Es gibt im Englischen dieses schöne Wortspiel zwischen History und Story. Da ist beides eng miteinander verwandt und da ist dieser negative Beiklang nicht."

Der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und seine laute Klage habe ich gehört. Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinauszuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen.

Mit der Flucht aus der ägyptischen Sklaverei treten die Israeliten als das von Gott auserwählte Volk in die Geschichte ein. Das Passahfest der Juden erinnert heute noch an das Ende dieser Knechtschaft vor annähernd 3300 Jahren. Doch wie zuverlässig ist diese Geschichte im Licht archäologischer und historischer Forschung?

"Die Israeliten, die Hebräer, die in Ägypten Dienst taten, waren zum einen schlichtweg ökonomisch denkende Gastarbeiter, die aus dem Bergland mal eben rüberkamen nach Ägypten, weil es da einfach Arbeit gab. Dann sind es tatsächlich auch Menschen, die versklavt wurden. Und die haben so eine Art Guerillabewegung ausgebildet und dann fingen die Ersten an zu flüchten. Und je mehr fliehen konnten aus diesen katastrophalen Bedingungen, desto größer schwoll der Mythos an: Wir sind geflohen, wir sind alle aus der ägyptischen Fremdherrschaft geflohen."

Auch für Moses, den Gesandten Gottes, der die Israeliten auf ihrer 40-jährigen Wanderung von Ägypten nach Kanaan führte, gibt es keine außerbiblischen Zeugnisse. Und der Berg, auf dem Moses die Zehn Gebote Gottes empfing, ist auch nicht mit Sicherheit lokalisierbar. Sicher allerdings sind die Archäologen heute, dass die Stadt Jericho, mit deren Eroberung die Israeliten unter ihrem Führer Josua sich den Eintritt in das ihnen verheißene Land verschafften, zur Zeit des Exodus gar nicht existierte. Eine Erkenntnis, die bis heute politische Brisanz hat.

"Jetzt stellt sich die Frage, wenn es kein Jericho gab, was es archäologisch tatsächlich nicht getan hat, womit legitimiert sich dann der Anspruch auf die Landnahme? Das ist sehr politisch. Und Sie werden sich nicht wundern, dass es einige Palästinenser gibt, die das aufgreifen und sagen, wodurch rechtfertigt ihr eigentlich, dass es ein von Gott verheißenes Land gibt, wenn definitiv nachweisbar ist, dass es zu dieser Zeit weder ein Jericho gegeben hat, noch dass diese Person Josua, ein Nachfolger von Moses, je existiert hat."

Ungefähr um 1000 vor Christus besiegte der kleine, schmächtige David den mächtigen Riesen Goliath mit einer Steinschleuder. Er wurde zum König und eroberte ein riesiges, alle Stämme Israels vereinigendes Reich. Ein Reich, das in anderen Quellen jedoch nicht auftaucht. Und Christian Schüle weist darauf hin, dass König David, der später zum Hoffnungsbild des kommenden Messias wird, in der Bibel zwar unzählige Male erwähnt ist. Darüber hinaus gebe es aber nur einen einzigen, vagen Hinweis. Alttestamentler Professor Uwe Becker bezweifelt dagegen nicht die Existenz Davids und seines Nachfolgers Salomon, fragt aber,

"ob die beiden Könige so groß waren, wie Bibel es beschrieb. Und wen man die Bibel kritisch liest, dann kann man sehen, dass am Anfang ein wesentlich kleineres Königtum da war, mit sehr viel weniger Eroberungen erfreulicherweise, sodass man nicht sagen kann, die Gestalten sind erfunden worden. Aber sie sind doch sehr viel kleiner gewesen."

Die Aufzeichnung der Texte des Alten Testaments, darüber sind sich die meisten Wissenschaftler einig, erfolgte zwischen dem achten und dem sechsten Jahrhundert vor Christus in den Schreibstuben des Jerusalemer Tempels. Weite Teile Israels waren zu dieser Zeit durch die Assyrer erobert, Flüchtlinge der eroberten Gebiete waren nach Jerusalem geflohen. Die Stadt und ihr Umland begannen zu prosperieren. Man fing dort an, von einem mächtigen Israel, geeint durch eine einzige Religion zu träumen. Und man begann, Erzählungen zu weben über eine ruhmreiche Vorzeit, malte alte Ereignisse und Geschichtsabläufe aus, um daraus Gegenwart zu gestalten und Zukunft in Aussicht zu stellen.

"Ein nationales Epos, in dem sie sich wiederfinden konnten. Das ist der Grund der Entstehung des Alten Testaments. Und da hat man zurückgegriffen auf seit Jahrhunderten wabernde überlieferte Mythen, die es gab und von denen ich überzeugt bin, dass sie einen realen Gehalt haben. Und die hat man ausgeschmückt und überformt."

Bis dahin allerdings hatten die Israeliten viele verschiedene Götter verehrt. Doch zunehmend verschaffte sich eine Schule Gehör, die die verschiedenen Kulte zur Sünde erklärte. Ein Volk braucht eine Religion, so möglicherweise die damalige Überlegung. Nicht Moses, wie die Bibel berichtet, sondern vermutlich König Josia merzte den Götzendienst aus im Namen des einen, einzigen Gottes - Jahwe.

"Das Alte Testament ist ein völlig monotheistisches Buch, aber die Wurzeln der Religion Israel, die im Alten Testament enthalten sind, waren durchaus nicht monotheistisch."

Wenn ihr also dieses ganze Gesetz befolgt, dass ich euch heute gebe und den Herrn, euren Gott, liebt, so wird der Herr all diese Völker vor euch vertreiben und ihr werdet Völker besiegen, die mächtiger und stärker sind als ihr. Jeder Fleck Boden, den euer Fuß betritt, wird euch gehören. Von der Wüste bis zum Libanon, vom Strome, dem Euphrat bis zum Westmeer wird euer Gebiet reichen.

"Es gibt da diesen Urmythos. Dieser Urmythos richtet sich an die Hebräer und die Israeliten: Wenn ihr an den Herrn glaubt, dann kann euch nichts passieren, wenn ihr euch unter seine Obhut begebt, dann werdet ihr errettet, wo immer ihr seid."

Das Alte Testament also - eine immense kulturelle Leistung, meint Christian Schüle, doch zugleich "Ideologie". Weltanschauung also, verfasst mit dem Ziel, einem Volk eine politische, kulturelle und religiöse Identität zu geben. Durch ihren Glauben an den einen Gott, dessen Gesetze sie für immer befolgen mussten, wurden die Juden zum auserwählten Volk, herausgehoben aus allen anderen Völkern.

Ist ein solcher Gott dann nicht, wie Christian Schüle mutmaßt, nach den Vorstellungen der Menschen geschaffen worden? Welchen Raum lässt eine solche Aufklärung über die Entstehung des Alten Testamentes noch für den Glauben?

"Wir Menschen leben nun einmal nach der Aufklärung und deshalb müssen wir sehen, ob man die Bibel nicht auch nach der Aufklärung recht verstehen kann, und ich glaube, das kann man sehr wohl."

Der Theologe Uwe Becker begrüßt die aufgeklärt-kritische Lektüre der Bibel durchaus, nicht zuletzt, weil man damit fundamentalistischen Auslegungsweisen entgegen treten kann. Für ihn ist das Alte Testament aber darüber hinaus nach wie vor ein Glaubensdokument, das Zeugnis davon gibt, wie das Leben im Angesicht Gottes zu bewältigen ist.

"Das Alte Testament ist natürlich, wenn man es aus der Distanz betrachtet, ein großes Buch der Weltliteratur. Es ist ein Kulturbuch, das zu einem Kult-Urbuch geworden ist, also zu einem Urbuch, einem Urbuch des Glaubens, an dem sich Christen und Juden primär orientieren, wenn sie nach der Basis ihres Glaubens fragen."

Christian Schüle: Die Bibel irrt.
Die sieben großen Mythen auf dem auf dem Prüfstand

Rowohlt, 19,95 Euro

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