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StartseiteForschung aktuellUrsprung von EHEC11.11.2011

Ursprung von EHEC

Wie das Bakterium in die Sprossen kam

Medizin. - Im Mai und Juni erkrankten in Deutschland fast 4000 Menschen an schwerem Durchfall, 855 bekamen ein hämolytisch-urämisches Syndrom und 53 starben. Der EHEC-Ausbruch war ungewöhnlich stark, der Erreger besonders aggressiv. Schuld war wohl Bockshornklee-Samen, aus dem Sprossen gezogen wurde. Aber längst nicht alle Fragen sind damit beantwortet. Die EHEC-Epidemie ist daher heute Thema eines Fachkongresses in München.

Von Martin Winkelheide

Im Akkord testeten Gesundheitsämter im Sommer auf EHEC. (picture alliance / dpa - Marijan Murat)
Im Akkord testeten Gesundheitsämter im Sommer auf EHEC. (picture alliance / dpa - Marijan Murat)
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Bockshornklee-Samen aus Ägypten gilt als Ursache für die EHEC-Ausbrüche. Er ist offenbar bei der Produktion oder beim Transport mit Bakterien verunreinigt worden. Mehrere Tonnen Samen wurden nach Deutschland geliefert. Nur ein Bruchteil der Charge aber wurde in dem niedersächsischen Gärtnereibetrieb in Bienenbüttel zu Sprossen weiter verarbeitet, wo die Epidemie ihren Anfang nahm.

"Es stellt sich in der Tat auch die Frage, warum ist es denn im Zusammenhang mit den anderen Sprossen, die aus dieser Charge stammen, offensichtlich nicht zu Ausbrüchen oder zu Erkrankungsfällen gekommen?"

Was ist anders gelaufen in Bienenbüttel? Das hat sich Martin Exner gefragt, der Direktor des Institutes für Hygiene und Öffentliche Gesundheit am Universitätsklinikum Bonn.

"Wie könnte dieser Ausbruch auch seine Erklärung finden?"

Denn beinahe alle Infektionsfälle in Deutschland lassen sich zurückverfolgen bis auf den Hof in Bienenbüttel. Bei einer Begutachtung des Betriebes fielen Martin Exner vor allem zwei kritische Stellen auf: Zum einen verfügt der Gärtnereibetrieb über einen eigenen Brunnen, aus dem das Wasser für die Sprossenzucht gezogen wurde. Im Brunnenhaus befanden sich auch Toiletten.

"Generell muss man sagen, ist das nicht akzeptabel, dass in einem Brunnenhaus auch gleichzeitig Toiletten vorhanden sind."

Denn die Gefahr besteht, dass das Brunnenwasser verunreinigt wird, wenn die Toilettenabflüsse undichte Stellen aufweisen. Der zweite kritische Punkt:

"Zusätzlich gab es nur ein Waschbecken, bevor man in den Produktionsbetrieb hinein ging."

Ein Waschbecken für alle - das ist zu wenig, moniert Martin Exner. Zumindest erschwert es eine gute, eine ausreichende Händehygiene. Zwei Schwachstellen im Produktionsprozess, also. Wichtig für Martin Exners Rekonstruktion des EHEC-Ausbruchs ist aber auch eine besondere, erst seit kurzem bekannte Eigenschaft des EHEC Erregers vom Typ O104:H4. Die Bakterien können in eine Art Schlafmodus fallen.

"Diese Stämme sind in einem Status, in dem sie zwar lebensfähig sind, aber sie lassen sich auf den üblichen Nährmedien nicht anzüchten."

Die Folge: Die Bakterien lassen sich mit üblichen Nachweistests nicht aufspüren. Das könnte erklären, warum viele Tests nichts ergaben.

"Bei einer Vielzahl von Proben – es sind ja weit über 700 Proben entnommen worden – konnte man diesen EHEC-Erreger überhaupt nicht nachweisen."

Auch andere Bakterien verfallen bei Nahrungsmangel oder in Wasser gelöst in diesen Schlafmodus. Der Stoffwechsel ist gedrosselt. Sie harren aus und warten auf bessere Zeiten. Wird der EHEC-Erreger über die Nahrung von einem Menschen aufgenommen und verdaut, dann gewinnt er wieder volle Lebenskraft. Er vermehrt sich wieder, und er kann krank machen. Genau das ist offenbar in dem Bienenbüttler Gärtnereibetrieb geschehen, als Mitarbeiter verseuchte Sprossen gegessen haben. Exner:

"Fünf Mitarbeiter entwickelten dann halt auch Infektionen oder waren damit infiziert."

Die Sprossen müssen dann, so die Hypothese Martin Exners, mit einer größeren Menge dieser aktivierten und damit aggressiveren EHEC-Bakterien verseucht worden sein. Streng wissenschaftlich bewiesen sei das aber noch nicht, betont Martin Exner ausdrücklich. Dennoch lassen sich heute schon weitreichende Forderungen zur Vorbeugung von lebensmittelbedingten Infektionen ableiten. Der Auftrag an die Forschung: Es müssen neue bessere Nachweisverfahren entwickelt werden, mit denen sich auch Bakterien im Schlafmodus aufspüren lassen. Die Lebensmittelkontrolle muss besser werden - angesichts eines weltweiten Handels.

"Es wird halt auch notwendig werden, sich die Produktion auch in anderen Ländern sehr genau anzusehen."

Und die Hygiene-Regeln müssen strenger werden für Betriebe, die Sprossen und andere Lebensmittel herstellen, die roh verzehrt werden, fordert Martin Exner. So streng wie im Operationssaal eines Krankenhauses. Im Klartext heißt das: Saubere Kittel, strenge Händedesinfektion, Schutzhandschuhe und Mundschutz - auch in der Lebensmittelproduktion.

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