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StartseiteKommentare und Themen der WocheJeder Einzelne muss tagtäglich handeln05.09.2019

Urteil im Fall LügdeJeder Einzelne muss tagtäglich handeln

Der Fall Lügde zeigt, dass Schutz und Hilfe für die Opfer von Kindesmissbrauch oft vom Zufall oder dem Engagement Einzelner abhängen, kommentiert Moritz Küpper im Dlf. Diese Erkenntnis macht betroffen. Es geht deshalb tagtäglich für jeden darum hinzusehen und zu handeln.

Von Moritz Küpper

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Junges Mädchen als Opfer von häuslicher Gewalt | (picture alliance / Photoshot)
Im Prozess um den hundertfachen Kindesmissbrauch auf einem Campingplatz in Lügde sind die Angeklagten zu hohen Haftstrafen und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden (picture alliance / Photoshot)
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Es sind eindringliche Worte, die die Vorsitzende Richterin Anke Grudda heute bei der Urteilsverkündung im Landgericht Detmold gefunden hat: "Sie haben 32 Kinder und Jugendliche zu Objekten ihrer sexuellen Begierden degradiert und 32 Kindheiten zerstört", sagte die Richterin. Das Verhalten der Täter sei – Zitat – "durch nichts zu entschuldigen".

Es sind – wie gesagt – eindringliche Worte. Worte, die wohl auch Unbeteiligte erreichen – und Worte die mahnen.

Denn: Die Fälle des hundertfachen Kindesmissbrauchs in Lügde, deren Dunkelziffer wohl noch höher liegt, hat natürlich auch wegen der Masse der Taten, der hohen Anzahl der Opfer, des langen Zeitraums sowie des Behördenversagen auf allen Ebenen für öffentliches Aufsehen gesorgt. Aber: Im Fall von Kindesmissbrauch, von traumatischen Erfahrungen am Anfang des Lebens, dem Gefühl der Hilflosigkeit, geht es nicht um abstrakte Zahlen, sondern um Menschen. Um kleine Menschen. Um einzelne Schicksale.

Jeder Fall, so die Botschaft, ist wichtig. Jeder von uns war einmal ein kleiner Mensch. Und dem muss eine, muss unsere Gesellschaft Rechnung tragen.

Schutz und Hilfe

Denn: Das Ganze, das zeigt nicht nur der Fall Lügde, sondern auch die Erfahrungsberichte aus der zumeist katholischen, Kirche, die Zahlen aus dem organisierten Sport, von Vereinen und Verbänden, aber eben auch die Einschätzungen des Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, aus dieser Woche: Rein statistisch, so Rörig, seien ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse in verschiedenen Kontexten von sexueller Gewalt betroffen. Sein Fazit: Schutz und Hilfe hängen oft vom Zufall oder dem Engagement Einzelner ab.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, macht betroffen – und bleibt dennoch abstrakt. Weit weg.

Das, so die Hoffnung, die viele Politikerinnen und Politiker im Zuge des ansonsten sprachlos machenden Fall Lügde geäußert haben, könne, solle und werde sich nun ändern. Das Thema Kindesmissbrauch bekomme mehr gesellschaftliche Beachtung, werde ernster genommen, zur Chefsache, wie es beispielsweise Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul von der CDU nicht müde wird, zu betonen.

Verschärfung des Strafrechts

Sein Haus beispielsweise stuft Kindesmissbrauch und Kinderpornografie als "kriminalpolitischen Schwerpunkt" ein. Auch das Versagen der staatlichen Behörden wird – in einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in NRW – nun aufgearbeitet. Zudem wird eine Verschärfung des Strafrechts gefordert.

Dennoch: Letztendlich – und das zeigt eben auch der Fall Lügde, bei dem über Jahre auf einem Campingplatz Dutzende von Kleinkindern sexuell missbraucht wurden – geht es vor allem darum, hinzusehen. Hinzuhören. Hinzusehen, hinzuhören und zu handeln. Tagtäglich – und zwar von jedem.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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